Anschein von Sommer

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.

Während ich den alten, toten Dreck in den Blumentöpfen durch neuen Boden ersetze, denke ich an dich. Du hast bei der ersten Berührung sofort Spuren auf mir hinterlassen, die ich nicht mehr wegbekommen werde. Ich bräuchte Sandpaste für meine Seele, um das zu schaffen. Aber so etwas gibt es nicht.
Du bist mir auch immer ausgewichen, wenn ich versuchte, dich zu halten. Hast dich verformt, ganz nach Belieben. Was immer jemand wollte, das Du bist, wurdest du auch. Nur du selbst sein, das hast du niemals hinbekommen. Das ist keine Schande. Sehr viele Menschen scheitern an dieser Übung.

Während meine Hände die Töpfe füllen und nach den Setzlingen greifen, sie in die Erde eintopfen, sehe ich in meinem Geist deutlich, wie die Wurzeln der Pflanzen bald diese winzigen Hohlräume durchziehen werden. Sie ausfüllen, sich ausbreiten, begleitet von Bakterien Leben aus dieser unscheinbaren Masse ziehen werden, während sie Sonnenlicht und Kohlendioxid atmen. Endlich. Der Frühling kommt spät in diesem Jahr. Aber er kommt unweigerlich. Gaias Zyklen sind noch immer eine verläßliche Konstante. Während unser Planet durchs All taumelt und um seine eigene Achse eiert auf einer unregelmäßigen Umlaufbahn, täuscht er uns unerschütterliche Stabilität vor. Eigentlich sehr menschlich.

Du hast Wurzeln in meinem Geist geschlagen. Wie Pilzgeflecht im Waldboden durchziehst du meinen Alltag. Du bist unsichtbar, aber immer da. Füllst die Hohlräume in meinem Geist mit Bildern von dir, dem Geräusch deiner Stimme, der Erinnerung an deinen Geruch. Du bist in meinem Kopf.  Und ich bin mir sicher, ich bin auch in deinem. Zumindest rede ich mir das ein. Ich rede mir sogar ein, daß ich so in deinem Kopf bin wie niemand anders. Reine Einbildung vermutlich. Denn hier warst du niemals. Nichts hatte ich mir mehr erhofft, als dich bei mir zu haben.

Du machst dir Sorgen um mich, sagst du. Auch, wenn es nicht den Anschein hat. Es gibt einige Dinge, die bei dir nicht den Anschein haben. Du selbst zum Beispiel.
Dein eines Ich ivestiert viel Arbeit, um den Anschein von gelangweilter Normalität zu wahren, der die Welt auf Abstand halten soll. Wobei es nicht die Welt ist, die dich nervt. Mehr die Menschen darin. Dein anderes Ich torpediert alle diese Bemühungen mit diebischem Vergnügen.

Dann läufst du durch die Welt wie ein gestreifter Flamingo mit einer Discokugel über dem Kopf. Du bist Lolita mit ‚Fick-mich‘-Tattoos und Buttplug in der Tasche. Bambi, das mit Blut überschüttet vor dem Wolfsrudel auf und ab hüpft wie Cyndie Lauper. Girls just wanna have fun. Wenn dann die Jäger drauf anspringen, jagt dir das Panik ein. Zu Recht. Einige von ihnen sind Killer.

Für mich hatte es oft den Anschein, als würdest du eventuell doch mehr sagen wollen zu mir als: „Ich hab dich lieb“. Hinter all dem Ungesagten war noch so viel mehr. Aus dem Text zwischen den Zeilen kann man bei dir ein wesentlich dickeres Buch machen. Aber dann passierte das doch nie. Fast nie. Ein- oder zwei Mal hast du das grauenvolle L-Wort dann doch in meine Richtung fallen lassen. Unbedachte Momente deinerseits.
Denn so etwas könnte furchbar gefühlige Konsequenzen haben, führte man es näher aus. Wenn man sich womöglich unterhielte, statt oft nur Belanglosigkeiten auszutauschen.

Du vertraust niemandem. Auch dir selbst nicht, denn zu oft bist du von dir enttäuscht worden. Ich habe sehr lange gebraucht, um zuzugeben, daß ich dich liebe. Denn eigentlich erscheint die Idee lächerlich. Ich bin oft enttäuscht worden. Nicht unbedingt von mir. Menschen sind auch nicht so meins. Ich habe noch länger gebraucht, es dir zu sagen. Dir zu vertrauen. Ob du die Bedeutung verstanden hast, habe ich niemals herausfinden können. Womöglich hat es für dich gar keine.

Ich wollte schon immer das echte Du. Ich bin der Typ, der in deine Augen sehen will und nicht, wie du sie zu Boden schlägst. Deine ungeschminkten Lippen küssen. Deine zersausten Schlafhaare morgens noch mal zerwuscheln. Ich bin der Typ, der das ganze Du liebt. Nicht die Glitzershow vor der Plastikfassade. Nicht das, was Du allen anderen zu zeigen bereit bist. Ich mag die authentischen Dinge, wie du verfallende Orte magst mit ihren Echos von gestern.

Der Sommer kommt, in aller Unausweichlichkeit. Blumenwiesen voller Gras, das sich im Wind neigt. Das Gras neigt sich immer im Wind. Mit der Gewissheit von Jahreszeiten, dem Versprechen von Feldern voller wogendem Korn unter der Sonne und deiner Gegenwart in meinem Kopf. Noch immer mit meiner Sehnsucht, dich wirklich zu halten, zu fühlen, zu hören. Ich wünsche mir noch immer, du wärst bei mir.

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