Die Einhorn-Dialoge: Ghost of a smile

„Komm jetzt, Einhorn. Wir müssen los.“

Das Fabeltier kommt mit gesenktem Kopf um die Ecke. Seine Hufe hallen ungewöhnlich laut im leeren Flur.

„Wir können doch nicht einfach so gehen. Ich finde das nicht richtig. Sie braucht uns.“

„Für was? Um nichts zu sagen? Für ’ich hätte noch eine ganze Menge Sätze für dich‘, gefolgt von Schweigen bis zum Ende aller Tage? Um uns dann wieder mitzuteilen, wie schlecht es ihr geht und sich sofort wieder zurückzuziehen, wenn wir wieder so unfaßbar idiotisch gewesen sind, uns um sie zu kümmern?“

Ich tätschle dem deprimierten Fabeltier etwas geistesabwesend die Mähne.

„Nein. Die Wahrheit ist schlicht, daß wir außer friends without benefits nie irgendwas von diesem ganzen Mist hatten. Wir gehen gar nicht einfach so. Seit 2,5 Jahren sind wir jetzt geduldig gewesen.“

„Es tut ihr bestimmt leid.“

„Das tut es immer. Oder sie tut so, als tue es das. Und dann ändert sich wie immer nichts. Hörnchen, ich sag“s ungern – aber wir gehen dieser Frau einfach am Arsch vorbei.“

„Wir sind mit ihr verbunden! Schon die ganze Zeit.“

Ich schüttle energisch den Kopf.

„Nein. Diesmal nicht mehr. Ich bin einfach nur enttäuscht, angepißt und es leid. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Aber wir sind nicht mehr in ihrem Kopf. Diesmal fühlt es sich völlig anders an.“

„Du willst einfach aufgeben?“

„Nein. Ich höre einfach auf, mir jemanden vorzustellen, der gar nicht existiert.“

Das Fabeltier stößt entsetzt eine riesige Glitzerwolke aus und bekommt feuchte Augen.

„Doch nicht du. Wie könnte ich an dir zweifeln, du blödes Vieh? Sie. Die Frau, von der ich mich damals am Bahnhof verabschiedet habe, ist längst nicht mehr da. Der ganze Mist war nur Schauspielerei. Damit wir noch mal dableiben. Und nochmal. Und nochmal.“

„Was sollen wir denn ohne sie anfangen?“

„Allein sein. Wie früher auch. Wir waren es die ganze Zeit.“

„Sie war immer bei uns!“, protestiert das Einhorn energisch.

„Nein. War sie nie. Hatte sie auch nie vor. Hier gibt es kein Geld zuholen, keinen Luxus, keine Karriere. Wir sind exakt das, was sie eigentlich kein bißchen interessiert.“

„Du bist der einzige, dem sie vertraut.“

„Hörnchen! Was war an unserem Geburtstag?“

Das Fabeltier senkt betrübt den Kopf.

„Sie hat ihn vergessen.“

„Exakt. Was war im letzten Jahr?“

„Da hat sie ihn auch vergessen.“

„Exakt. Und nicht nur das. Wie sie dieses Jahr dann erwähnt hat, war das auch ihr Jahrestag. Als Entschuldigung dafür, daß sie den Geburtstag vergißt, bindet sie mir auf die Nase, daß sie an dem Tag das erste Mal von ihrem Dominator-Supermann gefickt worden ist. Wie überaus empathisch ist das denn bitte?“

„Sie hat ihn sich aufgeschrieben.“

„Ja. Am falschen Wochentag. Und wenn einem Dinge wirklich etwas bedeuten, dann merkt man sie sich einfach mal. Wenn nicht sofort, dann im zweiten Anlauf.“

„Sie vertraut dir trotzdem. Ich glaube ihr das.“

„Hat sie gesagt. Soll ich dir mal was erzählen? Das war gelogen. Ich glaube, so ziemlich alles war gelogen, was sie jemals zu uns gesagt hat. Und das war schon verdammt wenig. Wir waren einfach wieder zu nett.“

„Du liebst sie!“

„Ach, Einhorn. Da war überhaupt nie jemand zum lieben da. Und ich fürchte, da wird auch nie jemand sein. Ich…“

– einen Moment lang halte ich inne –

„…ich hätte ihr so gerne etwas bedeutet. Was womöglich sogar mal der Fall war. Weißt du, ich denke, wir wollen alle irgendwem anders etwas bedeuten. Wichtig sein. Gebraucht werden. Wie…wie….“

„Eine Mähnenbürste?“

Auf so eine Idee kann auch nur ein Einhorn kommen. Ernsthaft.

„Nein. Das ist ein Gegenstand. Etwas, das man nach Gebrauch wieder zur Seite legt und wenn es kaputt geht, kauft man es neu. Gebraucht werden wie jemand, der dir die Mähne bürstet. Auch unaufgefordert. Das ist ein Unterschied.“

„Jemand, der dir zuhört auf dem Sofa und im Bett, weil er deine Stimme mag und dann einschläft, weil er deine Stimme hört?“

„Ja, so in der Art.“

„Jemand, der sich immer wieder so benimmt, als würde er dich tatsächlich sehr lieben und das dann rundheraus abstreitet, weil solches Gefühlszeug dir gegenüber Pfui ist?“

„Jaaahaa.“

„Jemand, der…“

„Einhorn!“ unterbreche ich das nervige Fabeltier entschieden. Manchmal weiß das Mistvieh wirklich nicht, wann es die Klappe halten sollte.

„Du hast sie immer in den Schlaf gequatscht.“

„Das ist schon sehr lange her, altes Fabeltier. Und es war niemals echt, es war immer nur am Telefon. Sie hat uns einfach niemals vertraut und wir haben es nicht merken wollen. Weil wir ein bißchen naiv sind und weichherzig und doof.“

„Ist das schlecht?“

„Nein. Nicht unbedingt. Es besteht die Gefahr, daß man anderen Leuten viel mehr Gefühl zutraut, als sie eigentlich haben. Aber ich habe es versucht. Zumindest den Vorwurf kann ich mir nicht machen.“

„Ihr seid euch beide echt ähnlich.“

„Inwiefern?“

„Sie wollte immer jemanden finden, dem sie vertrauen kann, aber sie findet niemanden, sondern läßt sich von den falschen Leuten aussuchen. Sie will unabhängig sein und selbstständig, aber flüchtet bereitwillig in sklavischen Devotismus. Sie sucht Vertrauen, aber vertraut sich selbst nicht.“

„Ja. Fast könnte man sie für einen bipolaren Charakter halten. Wäre sie nicht Borderlinerin,“ sage ich sarkastisch knurrend.

„Du wolltest immer jemanden finden, dem du vertrauen kannst und der dich liebt, aber du glaubst nicht wirklich an Liebe, weil du zu oft auf die Fresse gefallen bist und man das ausgenutzt hat. Du läßt dich von deinen Gefühlen verarschen und bist dir selber gerne der größte Stein im Weg. Du könntest skrupellos sein, aber du willst es nicht.“

„Ja. Fast könnte man mich für borderlinig halten. Wäre ich nicht bipolar. Das war ein letzter Versuch. Wird nicht wieder vorkommen.“

Aber das Fabeltier hat natürlich recht. Irgendwie waren wir beide tatsächlich etwa gleich doof.

Ich schaue noch einmal durch den leeren Korridor. Ich denke noch einmal an Spinatpizza. An Känguruhs und ziemlich blaue Platten. Dieses Kratzen auf Vinyl. An dein Gesicht und deine Stimme. Wie du manchmal gelacht hast. Der Gang bleibt kühl und leer und ein bißchen staubig. Das Sonnenlicht malt geisterhaft deinen Namen in den tanzenden Staub. Gefühle sind scheiße. Dann drehe ich mich um.

„Weißt du, was heute für ein Tag ist?“

„Natürlich weiß ich das“, glitzert das Fabeltier leicht entrüstet. „Heute sind es zweieinhalb Jahre, seitdem du über sie gestolpert bist.“

„Ja. Glaubst du wirklich, daß sie auch nur eine Sekunde daran gedacht hat? Heute? Oder gestern? Oder wann auch immer? Nachdem sie einfach spurlos verschwunden ist?“

Das Fabeltier sagt nichts darauf. Es senkt nur seinen Kopf und sieht unendlich traurig aus. Es hat sich so viele Gedanken gemacht in letzter Zeit. Lauter unbeantwortete Fragen.

„Komm jetzt, Einhorn. Wir müssen los.“

Das Hufgeklapper des Fabeltiers folgt mir hinaus. Die Tür fällt ins Schloß. Ich werfe den Schlüssel in den Briefkasten.

„Brauchst du den nicht mehr?“

„Nein. Ich wüßte nicht, wofür.“

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