Entfernte Fremde

Dieses seltsame Gewimmel von Menschen dort unten. Das Hin und Her auf den Bahnsteigen erweckt von hier oben, von der Brücke, den Eindruck eines Ameisenhaufens. Nur nicht so organisiert.
Während nur ein paar Meter von mir entfernt die Kraft durch die Drähte brummt, die unsere Zivilisation antreibt, die Volts und Amperes die riesigen Metallmassen über die Metallschienen beschleunigen, bin ich wesentlich weiter von diesem Punktegewimmel entfernt als nur diese wenigen Meter.

Ich gehöre gar nicht zu denen. Das da unten ist überhaupt keine Zivilisation. Es ist nicht meine Spezies, die da mit Koffern beladen durch die Gegend taumelt und nicht einmal in der Lage ist, in einen Zug einzusteigen, ohne dabei die Hälfte der dafür angebotenen Möglichkeiten gar nicht zu benutzen. Stattdessen stehen diese seltsamen Wesen in großen Knäueln vor irgendwelchen Türen und werden jede Sekunde ungeduldiger, weil es nicht vorwärts geht.

Ich bin ein Fremder in einem fremden Land. Ein Alien. Ein Marsianer. Was auch immer. Jedenfalls empfinde ich mit diesen seltsam unkontrollierten Säugetieren dort unten keine Verwandtschaft.

Ich frage mich wieder einmal, ob du genau so empfunden hast von Zeit zu Zeit. Wieder einmal dränge ich diesen Gedanken nach einer endlos erscheinenden Sekunde zur Seite. An dich zu denken löst ein Echo aus, das ich nicht ertragen will. Nicht ertragen kann. Dieses ferne Grollen am Hang eines Berges, an dessen Fuß man steht. Zehn Millionen Tonnen Schnee und Trümmer. Man kann eine Stange Dynamit oben auf dem Gipfel in den Schnee werfen, um eine Lawine auszulösen. Man kann aber auch an der richtigen Stelle noch eine weitere Schneeflocke fallen lassen.

Ich kann so viele Dinge nicht mehr ertragen. Wie ein Blatt, das auf die Oberfläche eines Sees fällt, schickst Du immer wieder Wellen durch meinen Geist. Wer immer Du warst oder auch nicht. So viele Kleinigkeiten, die ich nicht mehr aushalte. Ein Tod der tausend Schnitte. Ich zeige davon nichts. Wem sollte ich es auch zeigen. Ich funktioniere nach außen hin weiter normal. Aber allein zu Hause oder nach Einbruch der Dunkelheit, wenn ich endlich die Augen schließe und einschlafen will, sind die alten Monster wieder zurück. Und sie bringen immer Blut mit.

Wieder löst das eine Frage aus in meinem unermüdlich grübelnden Hirn, dieser niemals schweigenden persönliche Quälmaschine in meinem Kopf. Waren deine Monster tatsächlich wie meine? Und wieso wolltest du dann, daß ich dich mit ihnen allein lasse? Denn von all den anderen kannst du keinerlei Hilfe erwarten. So viel solltest du längst selbst gewußt haben. Wolltest du das überhaupt oder hat man es dir befohlen? Ist etwas passiert? Hat dein Geist endlich nachgegeben unter den irren Widersprüchen, mit denen du ihn belastest? Hast du selbst auf einer Brücke gestanden, dem Raunen des Starkstroms gelauscht, und bist der Verlockung erlegen? War einfach alles ein Spielchen für dich und ich nicht mehr interessant genug als Spielzeug?

Diesmal ist die Sekunde des Echos noch endloser als vorher, bevor ein anderer Teil meines Geistes den Gedanken am Hals ergreift und zu würgen beginnt. Dann werfe ich ihn den Monstern vor. Die freuen sich. Solche Dinge machen sie groß und stark.

Die Dunkelheit in mir wächst wieder. Alles hat seinen Preis. Ich hätte nur gern auch etwas dafür bekommen.


Das Titelbild trägt den Namen „Haiku“ und entstammt der Digitalkunst von Ryan Bliss, der etwa seit dem Urknall im Internet hochauflösende Dinge präsentiert, auf seiner Webseite DigitalBlasphemy.com

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