Gewollt wie

Man sagt immer, über die erste Freundin, die erste Frau oder sonstige Person hinwegzukommen, die einem wirklich etwas bedeutet hat, wäre am schwersten.

Ich kann das nicht bestätigen. Meine erste wirkliche Freundin verwandelte sich im Laufe der Zeit auch in meine Frau. Und später meine erste Scheidung. Es ist bisher die einzige geblieben und das wird sich nicht ändern. Aber das ist in Ordnung. Einmal in seinem Leben sollte jeder Mann verheiratet gewesen sein.
Aber nach ihr kam die nächste Freundin. Wobei vorher eine Affäre kam. Mit einer Frau, auf die ich binnen Sekunden so unfaßbar scharf war wie noch nie zuvor in meinem Leben. Was auch durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Ausgerechnet ein Mann, der seine Frau filmreif an einen guten Freund verloren hatte, führte also eine Affäre mit der Freundin eines anderen. Aber das war nur eine kurze Sache. Sobald ich etwas ernsthaftere Gefühle zu zeigen begann, war ich für sie raus. Worüber ich gar nicht einmal böse war. Wobei auch diese Sache noch ein Nachspiel hatte, in jeder Bedeutung des Wortes.

Dann kam sie. Diese freche, jüngere, laute, wunderbare Frau, die mich in meiner beginnenden Misantrophie nicht eine Sekunde ernst nahm. Diese streng katholisch erzogene – oder sollte ich besser sagen, verzogene? – Frau mit zwei katholischen Relilehrern als Eltern. Was Religion Menschen Schuldgefühle bezüglich ihrer eigenen Sexualität einimpfen kann, ist wirklich erstaunlich. Jedenfalls war die Atmosphäre beim Frühstück manches Mal mehr als reserviert, um es höflich auszudrücken.
Hätten Ds Eltern jemals erfahren, wie sie sich beim Grillfest den Schlüssel zum Pfarrhaus von einer Freundin abgegriffen hat, um mich dann in den obersten Stock zu führen, sie hätte etwas sehr entgeistert geguckt. Verdammt, ich habe entgeistert geguckt, als mir verkündet wurde, ich müsse sie jetzt sofort vögeln. Weil ihr danach war. Sex im Fahrstuhl ist eins, Sex im Pfarrhaus was ganz anderes. Wenn man nicht der Pfarrer ist, natürlich erst recht.
Ich habe ausgerechnet dieser Frau furchtbare Dinge angetan. Emotional, nicht physisch, natürlich. Trotzdem ist sie heute die einzige meiner ehemaligen Herzensdamen, mit der ich noch immer in Freundschaft verbunden bin. Ich entschied trotz anderer Gelegenheit, daß sie mir doch wichtiger war als alles andere, und wir rauften uns wieder zusammen. Bis sie mich dann doch verließ. Aber ich habe ein kleines Stückchen von ihr behalten. So egoistisch war ich dann doch.

Ihre Nachfolgerin wurde eine, die schon sechs Monate lang den Tanz mit mir getanzt hatte. Aber ich wollte nicht. Ich hatte beschlossen, daß eine Beziehung zu einer Kollegin in Ausbildung unprofessionell ist. Einer noch verheirateten Kollegin noch dazu. In zweiter Ehe verheiratet auch noch. Mit unter Dreißig. Aber diese wundervollen Haare. Und der Verstand unter diesen Haaren erst! In Wahrheit klebte ich an ihr vom ersten Moment an.
Am Ende war es wie bei meiner Exfrau. Der gehörnte Ehemann sieht auch zuletzt, was abgeht. Als ich mit T. endlich zu Potte kam – was ausschließlich ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken war, nicht etwa mir – waren alle anderen quasi erleichtert. Wie in der Fernsehserie, wenn sich die Fans vierzig Folgen lang fragen, ob sie sich jetzt kriegen oder nicht. Ich war in emotionalen Dingen mein Leben lang oft etwas unbedarft, könnte man sagen.
Als ich einmal darüber reflektierte, kam ich zu dem Ergebnis, daß mir im Leben wesentlich mehr Sex entgangen ist, mit durchaus willigen Partnerinnen, als ich im Endeffekt insgesamt hatte. Weil ich halt immer nett sein wollte. Nichts überstürzen und so. Nicht mit der Tür ins Haus fallen. Oder sich eben einreden, daß man die Rothaarige mit den total süßen Sommersprossen doch nicht liebt. So einer bin ich. Verstand über Emotionen.

Als die Sache mit T. schließlich zerbrach, zerbrach ich mit. Eigentlich zerbrach mein ganzes Leben um mich herum und unter meinen Füßen. Ich habe Jahre gebraucht, um das irgendwie hinter mir zu lassen. Danach folgte Singledasein. Bis heute. Und auch in Zukunft. Nach über elf Jahren hatte ich mich gerade endlich daran gewöhnt, einsam zu sein. Ich konnte das eigentlich schon immer ganz gut. Aber in diesem Jahr hatte ich beschlossen, daß da draußen eben niemand für mich ist. Niemand, der zu mir paßt. Der denselben Sprung in der Schüssel hat. Wie auch immer. Diese eine Person, von der moderner Zeitgeist immer behauptet, sie existiere gar nicht, das sei alles altmodischer Blödsinn. Diese eine Person, die dann aber trotzdem alle zu suchen scheinen. Aber niemand legt sich da heute noch fest.

Dann, nach elfeinhalb Jahren, stolperte ich über dich. Zu diesem Zeitpunkt wußte ich längst, daß dieser Spruch mit „Die erste ist die schwerste“ nicht stimmt. Die Wahrheit ist schlicht und einfach, daß man niemals wirklich über eine Person hinwegkommt, die einem sehr viel bedeutet hat im Leben. Nach Jahren kann da irgend etwas sein – ein Geruch, ein Song, ein Lieblingsessen – und plötzlich sind die Erinnerungen wieder da und man fühlt sich genauso scheiße wie am Tag, als alles vorbei war. Oder hätte vorbei sein sollen. Vollkommen belanglose und manchmal sogar lächerliche Dinge, die sich in Tretminen verwandeln. Überall im Alltag verteilt.
Ich erinnere mich immer an den Jugendspruch, daß Zeit alle Wunden heilt. Das ist korrekt. Aber niemand hatte mir verraten, daß immer Narben zurückbleiben. Und die tun ein Leben lang weh. Immer wieder einmal. Das ist es, was wir selbst rausfinden müssen im Leben.

Ich weiß nicht, was genau meine Erinnerung an dich auslösen wird. Heute. Morgen. In einem Monat. Nächstes Jahr. Es gibt einfach so viele Möglichkeiten. Vielleicht bist du ja die erste, die ich ganz vergessen werde. Aber ich glaube irgendwie nicht daran. Andererseits war ich einmal fest davon überzeugt, dich noch einmal wiederzusehen. Weitaus mehr als einmal sogar. Auch du warst davon überzeugt. Zumindest hast du behauptet, davon überzeugt zu sein. Doch das ist niemals geschehen.

Am Ende bist Du einfach wortlos verschwunden. Nach all dem war ich keiner weiteren Erklärung wert. Ein paar weitere vage Andeutungen, in ihrer Glaubwürdigkeit durch keinerlei Handeln irgendwie gestützt. Nur leere Versprechungen. Eigentlich so wie die ganze Zeit vorher auch schon. Du wolltest nie, daß ich weiß, daß Du nicht weißt, was Du willst.
Zumindest wußte ich am Schluß, was Du nicht wolltest. Jemand sein, der überhaupt etwas wollen kann. Und mit mir etwas zu tun haben.

Vielleicht vergesse ich dich also doch für immer. Wahrscheinlich muß ich es nur wollen. Denn man sagt ja, man kann alles erreichen, wenn man es nur will.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.