Zuwendung abgewendet

Manche Menschen erlauben anderen Personen um sich herum keinerlei Eigenständigkeit. Diese Menschen benutzen andere als einen Spiegel für sich selbst. Wir tun das alle irgendwo und in einer gewissen Art. Normale Menschen sehen dann eben andere Menschen, andere Persönlichkeiten.

Diese Typen nicht. Sie wollen, daß der Spiegel, den sie da benutzen und benutzen müssen – denn sonst gäbe es keine Interaktion – ausschließlich ihre eigene Person zurückwirft. Sobald das Gegenüber auch nur den Hauch einer eigenen Persönlichkeit zeigt – was natürlich immer der Fall ist, bei jeder natürlichen Interaktion – reagieren sie mit Angst und Panik. Hier dringt etwas in ihre Welt ein, mit dem sie nicht zurechtkommen und auch nicht zurechtkommen wollen.

Sehr oft reagieren diese Menschen dann mit Gewalt. Gegen die eigenen Kinder, die eigene Ehefrau. Denn im überwiegenden Fall sind diese Leute Männer. Sie benutzen Gewalt, um den anderen exakt das Bild und die Reaktionen aufzuzwingen, die sie mit ihrer eigenen Persönlichkeit asoziieren. Einer im Normalfall enorm instabilen Persönlichkeit, deshalb verträgt ja dieses Selbstbild auch keinerlei Erschütterung von außen. Jede Reaktion, jede Handlung im Alltag hat nach bestimmten Mustern zu erfolgen, sonst setzt es Prügel.

Bei dir ist es anders. Du willst so wenig du selbst sein, daß du nicht einmal mit deinem eigentlichen Namen herumläufst. Eigentlich bist du A, aber du nennst dich sogar B. Da du schon B bist, benutzt du diese Persönlichkeitsschicht als Projektionsfläche. Nicht für dich. Für alle anderen. Was immer du sein sollst für ein Gegenüber, für den Sklavenherrn, den Unbekannten im Club – du bist es. Du schaust ausschließlich in den Spiegel anderer Persönlichkeiten, um nachzusehen, ob dein Kostüm richtig sitzt. Ob du perfekt das widerspiegelst, was der andere jetzt gerade haben will.

Das Einhorn hatte womöglich recht, als es neulich zu mir sagte, ich hätte mich gar nicht in die Frau verliebt, die sich B nennt. Du tust das nicht, weil dir der Name besser gefällt. Womöglich habe ich immer die Frau geliebt, die A ist. Diese andere, selbstbewußtere, freche, vorlaute Tussi.
Deine andere Person ist der Schutzschild gegen alles, dich selbst eingeschlossen. Du bist tatsächlich ein Fassadenmädchen. Womöglich habe ich mich die ganze Zeit mit einem Spiegelbild unterhalten. Vielleicht waren die Momente, an die ich mich besonders erinnere, exakt die, in denen das Spiegelbild Risse bekommen hat.

Womöglich ist das der Grund, aus dem du auf den einzigen Kerl, der dir niemals etwas getan hat und hätte, mit Angst reagiert hast. Ich habe dir keine Vorgaben gemacht, wie du sein solltest. Ich wollte immer nur, daß Du du selbst bist und wirst. Aber dazu hättest du dich ins Freie begeben müssen. Ins Unkontrollierte. Kontrolle durch jemand anderen, mit festen Vorstellungen darüber, welche Funktionen seine kleine Sex-Androidin jetzt haben soll, ist da natürlich viel einfacher. Eingeübte Reaktionsmuster. Ein schneller Blick in den Spiegel, ob die Fassade perfekt ist.

Vor langer Zeit hatte ich dich gefragt, was Du sehen würdest, wenn du in Harry Potters Mirror of Erised schautest. Auch das hast du mir niemals beantwortet. Aber das einzige, was du auf keinem Fall sehen willst in einem Spiegel, bist du selbst.
Vampire haben der Legende zufolge kein Spiegelbild, weil ein Spiegel die Seele wiedergibt und sie keine mehr haben. Ich bin mir sicher, daß du eine hast. Und eines Tages wirst du sie sehen, ob du dich weigerst oder nicht. Ich hatte dir schon einmal gesagt, daß diese Frau, die manchmal im Spiegel hinter dir steht oder auf dem Rand der Wanne sitzt, du selber bist.

Vielleicht war ich dir ferner als jeder andere. Falls es Gewalt und Unterwürfigkeit braucht, um den Spiegel zu zerbrechen, bin ich niemals an die echte Alice herangekommen. Jedesmal hat sie sich von mir weggedreht. Alles auf ein Später verschoben, das dann ein Niemals wurde. Ich wollte niemandem mehr vertrauen und habe dir trotzdem alles erzählt. Oder genau deshalb.
Und so zeigt mir mein Mirror of Erised eine Frau an einem Bahnhof, die nie existiert hat. Denn das macht diesen Spiegel so gefährlich. Wir sehen Dinge, wie sie sein könnten. Doch sie sind nicht real. Sie waren es nie. Schaut man zu lange hinein, kann man nicht mehr aufhören, das zu suchen, was einem das Begehren zeigt.

Vielleicht bin ich dir näher gekommen als jeder andere. Irgend etwas war zwischen uns, über die Kilometer und Landschaften hinweg. Irgendwie warst du in meinem Kopf und bist es noch immer.
Ich habe dir immer gesagt, was ich mir wünsche. Aber das war keine Aufforderung an dich, so zu sein. Es war eine Aufforderung an dich, mir zu zeigen, wer du bist.
„Das Schlimmste, was man dir antun kann, ist, dich aufrichtig zu lieben.“ So hatte ich einmal für dich und über dich geschrieben. „Stimmt“, sagtest du.
Das war alles, was ich tun konnte für dich. Es gab niemals einen anderen Grund, all das zu ertragen.


Das Titelbild stammt vom Burning Man 2015. Kunstwerk von Alexander Milov. Bild von Emily Rosen. Bild via Street Art Utopia

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