Du warst niemals schöner, Herbst

Das gnadenlose Glühen der Sonne hat nachgelassen. Nachts kann ich wieder schlafen, ohne dabei in meinem Bett langsam zu ertrinken oder im eigenen Saft vor mich hin zu köcheln.
Noch immer ist der endende Sommer warm. Auch heute erstreckt sich wieder wolkenloses Blau über meinem Kopf. Unter den Reifen meines Transportmittels erstreckt sich immer noch betonharte Erde. Der einzige Unterschied zwischen dem Asphalt der Straße und den Feldwegen ist, daß die Feldwege glatter sind hier in dieser Stadt.

Der Flieder blüht. Schon wieder. Und ich liebe den Duft von Flieder. Früher verkündete er für mich Sommer. Heute verkündet er das Heraufdämmern des Herbstes. Jedenfalls auch. Noch immer lassen alle Büsche und Bäume auf meinem Weg ihre Äste und Blätter hängen. Es ist zu trocken, selbst für diese Gegend hier.
Doch ich bin in Bewegung. Wochenschwere Bleifesseln depressiven Dahindümpelns verwandeln sich in leichte Seide. Ich suche noch immer Entspannung im kühlenden Fahrtwind. Im Rhythmus meines Atems. Sogar dem meines Herzens, dem ich so sehr mißtraue. Ich suche wieder diesen Moment aus Ruhe und Fluß. Ich hatte ihn so lange vermißt, während du Teil von mir warst.

Rufende Stimmen über dem Lärm von Schlachtfeldern irgendwo in mir. Selbst jetzt noch höre ich die Kriegstrommeln im Kopf. In meiner Brust. Immer wieder dieses dunkle Dröhnen. Sie nehmen den Rhythmus eines Liedes von Nirvana an und dann fetzt ein Gitarrenriff durch meinen Kopf, bevor Kurts Stimme meine Stille zersägt.

Blätter. Trockenes Rascheln von Blättern auf meinen Wegen. Ein Herbstgeräusch. Wie das Knallen der Starenschrecke in den Weinbergen rundherum. Aber die Blätter liegen schon seit Wochen. Die Trockenheit. Sie haben sich nur vermehrt in den letzten Tagen. Die Temperatur sagt noch immer, es sei Juni. Doch das Licht stimmt nicht. Der Winkel der Sonnenstrahlen sagt nicht mehr Hochsommer.

Die Tage werden kürzer. Noch in dieser Woche werden die helle und die dunkle Seite der Macht das Gleichgewicht erreichen und dann wird das Licht zu schwinden beginnen. Minutenweise, Tag für Tag. So wie deine Gegenwart in meinem Leben. Genau wie das Herbstlaub im Sommer und der Sommer im Herbst irgendwie surreal. Als wäre das alles einem anderen passiert.

Denn du warst ja nie gegenwärtig. Jedenfalls nicht, wenn man das als „real anfaßbar“ definiert. Abgesehen davon warst du überall. Und wie die Jahreszeiten kehrst du wieder.
Dieses scharfe Schwarz-Weiß-Bild, bei dem ich unwillkürlich denke, wie sehr es dir gefallen hätte. Dieser Moment am Fluß, meine Blicke auf das glitzernde Wasser gerichtet, in dem aus dem Nichts der Gedanke in mein Hirn knallt, daß ich dich hier und jetzt an meiner Seite haben will. Dieses Aufwachen aus dem Meditativen. Ob es Sehnsucht ist oder Trauer, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht ist es Wut. Enttäuschung. Bitterkeit. Der Geschmack von Eicheln oder Bucheckern in meinem Kopf.

Herbst beendet Dinge, so heißt es. Aber für mich war das niemals so. Herbst trägt das Versprechen von Frühling in sich. Hinter den eisgefrosteten Feldern und dem knirschenden Schnee unter blaßlichtigem Winterhimmel wartet immer das neue Leben danach. Das Rauschen von Aprilregen auf frisch geschlüpften Blättern, knackig kalt, mit fetten Tropfen, die einem in den Kragen laufen, jede Lücke finden.

Dieser Moment neulich in der Küche. Sonnenlicht durch schräges Dachfenster. Wie ich bemerkte, daß die alte Kaffeemühle nicht mittig auf dem Fensterbrett steht aus dem Augenwinkel. Ein Griff von der Spüle, ein kritischer Blick. Zurechtrücken.
Und im nächsten Moment du hinter mir in meiner Küche, mit diesem Geräusch deines Lachens, das in mein Herz und meine Seele fetzt wie Kurts Raspelstimme in den Kopf. Wie du lachst und dann fragst, was ich da mache. Herrgott, ich kann spüren, wie dein Geruch zu mir heranweht. Ich kann das leise Klebegeräusch deiner nackten Füße auf dem PVC-Boden hören, als du zu mir kommst.

Wie ich über mich selbst den Kopf schüttelte und einmal mehr dachte, daß du dich über diese Geste sehr amüsiert hättest. Denn sie hätte von dir sein können.
Diese Schnittmenge in unser beider Köpfen. Deine Türen, die in meine Gänge führten und an der nächsten Ecke in die seltsamen Hallen deines Geistes, wenn ich sie entlang ging. Dieses Foto von der Frau mit den frisch ergrünten Haaren in ihrer sonnendurchfluteten Küche. Genau dieses Lachen. Ich habe das Bild noch immer. Ich werde es wohl behalten, ob ich das will oder nicht.
Ich werde auch meine Gefühle für dich behalten, ob ich das will oder nicht. Sie sind eine doofe Sache, diese Gefühle. So wie der Herbst Dinge beendet und der Winter tot und kalt ist.

Der Fahrtwind kühlt mein Gesicht. Ich fühle, wie ich schwitze unter der Sonne. Aber es ist warm, nicht brüllend heiß. Das Licht ist das eines gemütlichen Lagerfeuers, nicht das eines Hochofens. Die neuen trockenen Blätter zeigen die hunderttausend Farben der nächsten Jahreszeit. Die Krähen auf den abgeernteten Stoppelfeldern schauen mir nach, irgendwie griesgrämig und lauernd wie immer. Mistvögel. Poe hatte völlig recht, sie nicht zu mögen.

Überall am Wegrand blühen irgendwelche Dinge. Der Duft von Flieder füllt einmal mehr meine Nase. Du fehlst mir noch immer, obwohl du niemals da gewesen bist. Ich will noch immer dein Gesicht in meinen Händen halten bei einem Kuß, den ich nie bekam, während der Wind dir die Haare zerzaust. Ich will noch immer, daß du aus meinem Geist verschwindest, wie die Gitarre und Trommelgedröhn und Raspelstimme. Ich will nichts davon hergeben. Du warst wirklich niemals schöner, Herbst.

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