Liebe als Erklärung

Ich habe dich im ganzen Leben real nur einige Stunden erleben dürfen. Trotzdem sagtest du einmal, daß ich dich besser kenne als du dich selbst. Wie konnte es mir passieren, daß ich über dich stolpere, digital und virtuell statt real und physisch, und mich sofort in das interessanteste Gespräch mit dem interessantesten Menschen verwickelt sah, das ich seit ziemlich genau 1996 geführt hatte?
Ich sollte längst alt genug sein, um darauf zu achten, wo ich hintrete. Ich bin nämlich auch alt genug, um einen Sturz schlimme Folgen haben zu lassen.Du bist nicht nur widersprüchlich. Du bist ein einziges Durcheinander.
Auf die Frage, wie du dich fühlst, reagierst du nicht verständnisvoller als Mr. Spock in der berühmten Star Trek-Szene. Empfindungen zu erfragen wird von dir üblicherweise mit einem tiefen Brunnen des Schweigens beantwortet.

Dann ist diese andere Frau. Ich denke, es war die, mit der ich damals sprach. Sie ist hingebungsvoll. Romantisch. Manchmal neigt sie sogar ein wenig zum Kitsch. Sie ist anhänglich und geradezu süchtig nach Zuneigung. Danach, daß jemand Interesse an ihr zeigt. Sie ist fest davon überzeugt, daß sich die meisten Dinge im Universum um sie drehen und das so auch seine Richtigkeit hat. Sie ist auch die Person, die all das vehement abstreiten würde, falls sie nicht schon bei der Andeutung von romantischem Kitsch, also persönlichen Gefühlen, in allergische Niesanfälle verfiele.

Sie mag keine Zärtlichkeiten oder auch nur körperliche Nähe. Man kann ihr Angst einjagen damit. Sie verläßt nur ungern ihren heimatlichen Wirkungskreis, was sie aber nicht davon abhält, spontan ein paar Dutzend Kilometer durch die Gegend zu fahren, um sich mal an den Ostseestrand zu stellen. Sie ist übrigens auch dazu in der Lage, jemanden genau dazu zu überreden, was praktisch ist, wenn man kein Auto hat. Sie ist absolut nicht gern in Menschenmengen unterwegs, wobei die Definition von Menge hier zwischen 0,01 und 1,2 Bewohnern pro qm² schwanken kann.

Sie kriegt in Gegenwart von mehr als ihrer Hauskatze – die sie innig liebt – die Klappe nicht auf, um mal etwas zu sagen, ganz speziell über sich selbst oder ihre Haltung zu den Dingen. Bei all dieser schüchternen Schweigsamkeit ist sie jemand, der sich nicht nur mit sich selbst unterhalten kann, sondern auch in der Lage ist, sich dabei selber ins Wort zu fallen.
Eine erstaunliche Leistung, da kenne ich mich aus. Ich bin lange genug alleine, um in aller Öffentlichkeit sagen zu können, daß ich schon längst durchgedreht wäre, würde ich mich nicht mit mir unterhalten, und das regelmäßig. Wobei so etwas ja manchen Gehirnwartungsexperten nicht als Zeichen geistiger Gesundheit gilt.

Aber mein Einhorn sagte mir neulich, daß Psychologen ohnehin nur Einbildung sind. Auf jeden Fall habe ich gelernt, mir auch mal zuzuhören, bis zum bitteren Ende. Daran muß sie noch arbeiten. Sie versucht immer, recht zu haben, wenn sie sich mit sich streitet. Das ist auf Dauer schwierig.

Sie ist verrückt. Eindeutig. Sie hat Dostojewski gelesen und Tolstoi, sie kennt mindestens so viele Bands aus den 80er Jahren wie ich und sie besitzt Platten. Also, Schallplatten. Diese großen, schwarzen Dinger aus Vinyl.
Sie ist ein Angehöriger der Generation, die keine Ahnung von Telefonzellen hat, niemals erlebt hat, daß man irgendwo nicht online sein kann und die keine Ahnung hat, was für eine abgefahrene Infrastruktur eigentlich hinter diesem „Internet“ steckt, das gerade so richtig in Fahrt kam, als sie geboren wurde. „In Fahrt“ heißt dabei übrigens 5 KiloByte/s auf einem Analogmodem. Ich kann den Einwahlton eines 56K-Modems heute noch nachpfeifen, wenn ich einen guten Tag habe. Allerdings guckt das Einhorn immer etwas komisch, wenn ich das mache.

Du hast ein derartiges Problem mit deiner Persönlichkeitsstruktur, daß du nicht einmal ihren richtigen Namen benutzt. Jedenfalls die meiste Zeit nicht. Es kommt darauf an, wer du gerade bist. Das wiederum kann von den Mondphasen abhängen, dem Wetter, der Tageszeit der genauen astronomischen Konstellation des Sonnensystems oder einfach der Laune.
Zwischen depressivem Internetsurfen auf der Suche nach dem besten Hanfstrick bei Amzaon – Leute, die das kauften, kauften auch… – und mich am Telefon auslachen, weil ich mal wieder von einem der doppeldeutigen Scherze mit Sarkasmus und doppeltem Boden nicht begeistert bin, liegen manchmal exakt 3,6 Sekunden.
Du bist liebenswert. Intelligent. Deine Zunge ist manchmal so scharf, daß man sich damit rasieren könnte. Du bist die erste und einzige Frau, die ich kenne, bei der als Gruppensex zählte, ginge man mit ihr ins Bett. Wenn ich das bloß vorher gewußt hätte. Vor diesem einen, diesem einzigen Treffen, das es je gab.

Es war nie die respektlose Frechheit oder die Gemeinheit, die mich anzog. Oder die Tatsache, daß man dich jederzeit unter „wunderschön“ hätte einordnen können. Natürlich hast du das immer bestritten, wenn ich mal wagte, das zu erwähnen. Die Beine zu dick, die Brüste zu klein, der Hintern zu unförmig. Körperbewußtsein, vor allem Selbst-Bewußtsein, das war eindeutig nie eine deiner Stärken.
Ständig zweifelst du an dir selbst, deinen Fähigkeiten. Hinweise meinerseits, daß niemand alles können sollte auf diesem Planeten, werden geflissentlich ignoriert. Immer wieder versuchtest du, Dinge vor mir zu verbergen. Trotzdem warst du so offen für mich wie ein Buch, in dem ich zwischen den Seiten sitze.

Du brachtest mich zum Lachen bringt, wie ich lange nicht mehr gelacht habe. Auch über mich selbst. Machtest mir Angst, denn ich machte mir ständig Sorgen um dich. Was daran liegt, daß du ein Mensch bist, der so voller Energie steckt, daß er jeden Moment explodieren könnte. Dummerweise bist du auch ein Mensch, der nicht in der Lage ist, das zu kanalisieren. Besoffen auf Brückengeländern zu balancieren ist keine Kanalisierung, sondern hysterische Überkompensation.
Du bist eine Nymphomanin, die nicht weiß, wie man einen Vibrator benutzt. Oder die eigenen Hände. Du bist auch jemand, der einfach mal faul rumliegen müßte, aber das nicht hinkriegt, weil du das zuerst sorgfältig planen müßtest. Außerdem wird man dann vom Blitz erschlagen. Zumindest warst du immer davon überzeugt.

Jedesmal, wenn ich deine düsteren Stimmungen aus Selbsthaß in ein Lachen verwandeln konnte, machte das meine Tage heller.
Ich habe mich auch immer vor dir gefürchtet. Du hast mir das immer nicht geglaubt.
Dabei weißt du alles über mich. Solange wir uns kannten, gab es kaum einen Tag, an dem wir nicht stundenlang geredet hätten. Wenn wir nicht gerade dabei waren, uns gegenseitig zu hassen, versteht sich. Du hast so viel Munition gegen mich in der Hand, daß ich diesen Leichtsinn nur mit geistiger Unzurechnungsfähigkeit entschuldigen kann. Ich bin nicht weniger irre als du es je sein wirst. Ich bin nur anders irre.

Umgekehrt war es genauso. Es gibt da noch ein paar dunkle Kammern in sehr verrufenen Ecken deiner Seele, in die du mich nur flüchtig hast hineinsehen lassen. Ich wollte die Drachen in deinem Kopf immer herauslocken. Dazu hättest du aber selber die Türen aufschließen müssen. Kein Mensch, der nicht völlig verrückt ist, kämpft mit einem Drachen, wenn er sich nicht zumindest selber das Schlachtfeld aussuchen darf. Und ich mag ja verrückt sein, aber ich bin mit Sicherheit kein selbstmörderischer Idiot.

Du warst diese Person, die ich nicht mehr missen mochte. Die mich in einer Mikrosekunde derartig auf die Palme bringen konnte, daß ich sie erwürgen wollte. Oder küssen, ich kann mich da manchmal nicht entscheiden. Ich hätte so oft nie wieder ein Wort mit dir reden sollen für all das, was du mir entgegengeworfen hast. Aber das habe ich nie besonders gut hinbekommen.
Zu oft habe ich in meinem Leben geschwiegen, als ich es besser nicht hätte tun sollen. Ich wollte diesen Fehler nicht wiederholen. Du bist die attraktivste, interessanteste, ehrlichste, direkteste und nervtötendste Person, der ich in meinem Leben bisher begegnet bin.

Du bist so absolut einzigartig und phantastisch. Du bist so phantastisch phantastisch, ich glaube, ich hätte dich gerne klauen wollen.
Wären wir beide nicht so unemotional und unromantisch, es hätte in Kitsch enden können. Womöglich hätte ich dich abends am Telefon so lange zugequatscht, bis du einschläfst. Womöglich hättest du das gemocht und ich auch. Vielleicht hätte ich mir vorgestellt, wie ich daneben liege und dir beim Schlafen zusehe.
Doch wir hatten beide Glück. Wahrer Verstand läßt sich von so etwas Bedeutungslosem wie Gefühlen nicht ablenken.
Außerdem kannte ich dich gar nicht, wir haben uns keine zwei Tage gesehen. Du warst niemals hier.

Aber du bist immer hier gewesen. Und immer noch kann ich dich nicht gehen lassen.


Das Beitragsbild ist von Kate Taylor und trägt den Titel „Inspiration“. Zu finden ist es unter dem Dark Beauty Magazine hier.

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