Alles von Dir

Mir fehlt immer alles von dir.
Mir fehlt das „Guten Morgen“ und das „Wie geht es dir?“.
Nicht, daß du das jedes Mal erwähnst. Normalerweise neigst du dazu, solche Fragen nicht zu stellen. Wir mögen diese Fragen beide nicht. Denn üblicherweise will darauf nie jemand eine ehrliche Antwort.
Eine Freundin ist tot und man erinnert sich an sie. Ein Haustier womöglich. Ein Ereignis wirft einen aus der Bahn und man spürt das noch Tage später. Oder an Jahrestagen.

Mich jagen immer wieder die verdammten Panikattacken. Dieser scheiß Herzschlag, der plötzlich aus den Tritt geraten will. Dieses Dröhnen von Kriegstrommeln in meinen Ohren, die herankriechende Furcht, die weichen Knie. Obwohl weit und breit nichts zu fürchten ist. Es macht mich fertig. Es nagt an mir und wenn die schlauen Leute mit dem Spruch kommen, ich solle der Fels in der Brandung sein, sehe ich immer endlose Sandstrände vor meinem geistigen Auge. Sand. Das ist es, was Brandung aus Felsen macht. Schönen Gruß, ihr Idioten.

Bei dir ist es Schlaf. Abschalten. Innerlich entspannen. Nicht immer von einem Termin zum anderen hetzen. Du bist der Typ, der eines Tages im Smartphone notiert, im Notizkalender Dinge einzutragen, an die dein Smartphone-Kalender dich erinnert, mit irgendeinem Pling! oder Palimm! oder sonst irgendeinem dieser lächerlichen Geräusche unserer alltäglichen digitalen Dompteure, die uns dominant penetrieren und sofortige Zuwendung fordern. Tamagotchi Planet, rund um die Uhr.
Während du dir Gedanken machst, ob du eine Klausur bestanden hast, planst du schon mal einen Handlungsstrang für den Ernstfall. Kaum hast du sie bestanden, planst du die nächsten zwei Jahre mit Wohungs- und Uniwechsel und der Frage, welcher Prof welchen Schein liest an der Zukunftsuni. Nein, entspannen ist eindeutig nicht dein Ding. Du bist eine Violinensaite, die immer kurz vorm Zerreißen steht. Und der schrille Ton, den du dabei von dir gibst, kann ungeheuer nervtötend sein.

Du bist wie unser Games-Master bei den alten Pen-and-Paper-Rollenspielen. Dinge, mit denen ich mir die Zeit vertrieben haben, lange bevor du geboren wurdest. „Geht ihr den linken oder den rechten Weg?“, fragte er uns.
Kaum hatten wir uns für links entschieden, schob er zwanzig Din-A4-Seiten weg. Die wären der andere Weg gewesen. Bei dir hätten alle Seiten einen gleich breiten Rand gehabt. Und sie wären liniert gewesen. Auf kariertem Papier kannst du nicht schreiben.

Niemand will wissen, wie es einem wirklich geht. „Danke, gut.“ Das ist die gesellschaftlich akzeptierte Antwort. Die erwartete Antwort. Das normierte Echo. Ich antworte darauf gerne mit einer weitschweifigen Geschichte, warum es mir gerade jetzt im Moment eher so la la geht. Es ist erstaunlich, wie sehr man Leute damit schockieren kann, einfach mal so zu sein, wie man halt ist. Was in meinem Falle bedeutet: Ungefiltert. Ich bin nicht der schwarze Kaffee. Ich bin das Koffein.

Du wärst genau die Person, die auf die Frage gar keine Antwort haben will. Jedenfalls nach außen. Du kannst Fassadenmenschen ebensowenig leiden wie ich. Aber trotzdem malst du dir ständig eine auf. Klippst sie dir ins Haar. Wenn du mich fragst, wie es mir geht, klingt es anders. Fühlt sich anders an. Als wärst du tatsächlich interessiert an der Antwort. In besonders romantischen Momenten glaube ich sogar, du bist es. Oder in besonders naiven.
Nur selbst erzählst du mir solche Dinge nie. Verschanzt dich hinter den gleichen Floskeln, die alle von sich geben. „Mir geht’s gut.“
Die vermutlich häufigste Lügengeschichte der Menschheit. Dabei weiß ich genau, daß du diese Floskeln genauso haßt wie ich.

Auch Jahrestage sind nicht deins. Eben erst hast du es erfolgreich geschafft, meinen Geburtstag zu vergessen. Wieder einmal. Wieder einmal habe ich es nicht hinbekommen, dir deswegen den Tritt in den Arsch zu geben, den du mit dieser verschissenen Gedankenlosigkeit eigentlich verdient hättest.
Wobei der Witz ist, daß ich selbst auf meinen Geburtstag nicht wirklich was gebe. Ich bin selbst ein gefürchteter Geburtagsvergesser. Aber ich bin ein Typ der symbolischen Gesten. Wie oft ich schon unsymbolisch dank deiner grandiosen Unempathie emotional eins in die Fresse gekriegt habe – ich kann es kaum noch zählen. Habe ich auch nie. Du hättest vermutlich eine Strichliste geführt. Mit Beschreibung des Ereignisses.

Manchmal. Manchmal öffnet sich eine Lücke in deiner blödsinnigen Fassade. Manchmal sagst du zu mir, daß ich dir etwas bedeute. Oder das ich dir wichtig bin. Was bedeuten würde, diese ganzen anderen Menschen sind es nicht. Die haben aber anderweitig ihren Spaß mit dir, wobei du nicht immer daran beteiligt bist. Ich dagegen bin immer emotional beteiligt, nur ohne irgendeinen Spaß. Da sind sie dann wieder, die unempathischen Gefühlskinnhaken.
Natürlich dauern solche Dinge nicht lange. Ein bißchen so, als würde man die Sonne sehen durch die aufreißende Wolkendecke. Eine Erinnerung daran, daß sie noch da ist.

Niemand hat dich je verletzlicher gesehen als ich. Außer deiner Schwester vielleicht. Was ich nicht weiß, denn du redest ja nur selten mit mir. Kommunikation ist was anderes als reden.
Immer, wenn Du gefangen bist in dieser klebrigen Dunkelheit in dir, verloren in diesem verdammten Labyrinth in deinem Kopf, kannst nur du dich schreien hören und einen Weg ertasten. Nur dann ergreifst du meine Hand, die nach dir sucht. Du hast dich gefürchtet, allein zu sein und dann war da plötzlich ich. Und kaum war ich da, hast du mich wieder rausgeworfen.
Doch du hängst noch immer mit genau den Personen herum, mit denen du solche Dinge niemals teilen wirst. Nie teilen könntest.
„Ich kann ihn jederzeit verlassen“, sagtest du einmal.
Nein. Kannst du nicht. Willst du auch gar nicht. Das Verhältnis geplanter Abhängigkeit gibt dir Sicherheit. Ein Eintrag in einem Notizbuch mit Planungen für die nächste Woche. Für nächstes Jahr. Für die nächsten Semesterferien. Nur ich – ich komme in diesen Planungen nicht vor. Ich bin dir selbstverständlich geworden.

Je mehr du nicht vorhanden bist in meinem Leben, desto mehr wirst du die vorhandenste Person meines Lebens. Ich würde dich unsäglich vermissen, obwohl es dich eigentlich nie so richtig gab, kämen wir uns abhanden. Mir fehlt so sehr alles von dir.

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