Sirenen und Helium

Schon beim ersten Atemzug wird mir klar, daß es heute wieder einer dieser seltsamen Tage werden wird. Das heißt, beim ersten Atemzug, nachdem ich die Augen aufgeschlagen habe. Die verwaschene Welt starrt mich durch meine noch immer ungeputzten Fenster an. Ich starre zurück. Ich gewinne immer, denn solange ich die Brille nicht aufgesetzt habe, sehe ich eben nichts wirklich Konkretes.
Dann atme ich das erste Mal bewußt ein. Gucke nach, ob die Lungen noch da sind. Das scheint der Fall zu sein.

Der nächste Schritt führt zum Sofa. Mehrere Schritte. Das Sofa muß rituell vorbereitet werden. Decken richten. Kissen richten. Dann die Bettdecke transplantieren. Ich nehme meine Wärme morgens immer aus dem Bett mit. Das ist effizienter. Ich wohne auf meinem Sofa, jedenfalls sehr oft. Da kann es auch verdammt noch mal gemütlich sein.
Das Teewasser filtert, der Computer beginnt seine elektronische Existenz. Fast ein bißchen so wie ich. Eingeschaltet. Die Lüfter beginnen zu atmen. Pa-Ling. Gib mir Input. Allerdings denkt der Computer nicht an dich.

Mehr Teewasser filtert, der Typ im Spiegel meines Badezimmers sieht aus wie ein explodiertes Kopfkissen. Zum gefühlt achthundertsten Male frage ich mich, ob ich diese Haare nicht einfach wieder stoppelkurz machen soll. Thema erledigt. Was das an Schaum sparte. Nach dem Duschen kurz mit dem Handtuch drüber. Fertig. Die Bürste kann ich dann in Harz eingießen und an die Wand hängen. ‚Life Art‘, geht es mir durch den noch immer schlafverstrahlten Kopf. Sogar einen Titel hat das Werk: ‚Haart, aber herzlich‘. Es ist einer dieser seltsamen Tage.

Das Einhorn schaut mich vorwurfsvoll an beim Gedanken an eine bürstenlose Existenz. Aber Einhörner haben auch keinen zurückgehenden Haaransatz. Vielleicht habe ich die Haare noch immer lang, weil ich genau weiß, daß ich kurz exakt so aussehen werde wie mein Opa auf diesen alten Schwarzweiß-Bildern an Mutters Wand zu Hause. Diese lange Reise der Augen bis zur Mitte des Kopfes, bevor sie auf den Waldrand treffen. Mit kurzen Haaren sehe ich aus wie der Captain der Enterprise-D. Nur ohne Schiff und ohne Besatzung.
Vielleicht bin ich einfach nur zu faul, eine andere Frisur haben zu wollen. Das Einhorn wiegt den Tee ab und erklärt mir, daß ich nur deswegen die Haare lang lasse, weil ich befürchte, daß sonst niemand mehr zu mir sagt, ich sähe zehn Jahre jünger aus, als ich tatsächlich bin. Außerdem ist da dieser Spruch von einer Ex-Freundin, die immer sagte, in den wuscheligen Haaren könne sie sich so prima festkrallen, wenn ich zwischen ihren Beinen oral zugange bin.

Der Duft von Zitronenverbene driftet durch die Küche. Aus dem Computer singt Sia etwas von Helium und Liebe. Wieder so ein Lied, das du mir zugeworfen hast und das mir gefällt. Manchmal pfeife ich es beim Radfahren vor mich hin. Das war der erste Gedanke heute. Noch vor dem ersten Atemzug, der bewußt gemacht wird, um klarzustellen, daß man jetzt den nächsten Tag beginnt.
Egal, welche Haarlänge. Der Fakt, daß ich mit langen oder kurzen Haaren alleine bin, läßt sich nicht leugnen. Du bist nicht hier. Du warst es niemals. Du wirst es nie sein. Das erste Gefühl beim Aufwachen ist immer das des Alleinseins.
Eine Sirene fetzt in diese Gedanken. Der Krankenwagen.
„Kreislauftag“, war mein zweiter Gedanke am Beginn dieses seltsamen Tages. Ich hasse die Scheißsirene mit ihrem unfaßbaren Lärm trotzdem. Ich hasse ziemlich viele Dinge, die unnütz Lärm machen auf diesem Planeten. Schon die beschissenen Autos ohne Sirenen gehen mir auf den Geist.

Was ist das nur mit euch Frauen? Die eine will immer Männer haben, die sie nie haben kann, denn die sind Priester. Das letzte Mal habe ich ihr an den Kopf geworfen, daß sie ihre verdammte Kirche eigentlich nicht leiden kann, sonst würde sie sich nicht so idiotisch benehmen und ständig versuchen, die Tabus dieses Ladens zu brechen. Tja, so vergrätzt man Ex-Freundinnen endgültig. War wohl zu ehrlich.
Ich bin wie Greta aus Schweden, über die sich so viele gerne aufregen. Die hat diese ganzen Filter nicht, die wir Menschen so benutzen, damit wir uns den ganzen Tag besser anlügen können. Ich finde Greta völlig logisch, nachvollziehbar und verständlich. Hätte es vor einem Vierteljahrhundert mehr Gretas gegeben, müßten alternde Ökotopisten wie ich heute der Biosphäre keinen Totenschein ausstellen. Aber wir haben es euch gesagt. Immer wieder. Vermutlich hat uns über den Lärm der Urlaubsflieger und pubertären Peinlichkeitskarren mit Dröhnauspuff keiner hören können.

Du suchst dir immer Männer aus, die dich in irgendeiner Form scheiße behandeln. Gerne auch mal physisch. Wahrscheinlich konnte ich dich deswegen nie davon überzeugen, dich mal an mich ranzutrauen. Ich war dir zu kuschelig. Zu undominant. Einhörner sind eben flauschig.
Jetzt gibt es neue Wohnung. Noch weniger Abstand zum Herrchen. Ob die neue Wohnung auch wieder Kameras haben wird?
Am Ende kannst du wieder wochenlang nicht in deinen kurzen Röcken rumlaufen, weil du mit tiefvioletten Hämatomen übersät bist. Oder kriegst das nächste Trauma verpaßt von einem Arschloch, von dessen Muskeltonus mir vorher noch vorgeschwärmt wird. Du wirst dich niemals von diesen Typen lösen.
Ich würde immer wieder da sitzen und mich fühlen, als hätte gerade jemand meine Freundin vergewaltigt. Oder meine Tochter. Scheiße, ich fühle mich noch immer so. Ich habe schon einmal eine Frau so geliebt, daß ich am Ende gehen mußte, weil es das einzig Richtige war. Für sie. Für mich nicht. Ich war danach erst mal im Arsch. Irgendwo damals hat das angefangen mit den seltsamen Tagen.

Vielleicht, vielleicht hebe ich dich tatsächlich empor wie Helium mit meiner Liebe. Aber auch Helium hat nur eine begrenzte Tragkraft.
Der Krankenwagen fährt vorbei, die Sirene verklingt gedopplert in der Ferne. Ich habe es geschafft, micht nicht aufzuregen. Ich habe es nur geschafft, indem ich daran dachte, daß es beim nächsten Mal meine Sirene sein könnte. Das sich jemand anders über den nervenzerfetzenden Ton am Sonntagmorgen aufregt, der seine Aufstehmusik auseinanderschneidet. Sein Glockengeläut. Ich mag das Läuten der Glocken am Sonntag. Blaulicht und Sirenen bedeutet, daß jemand um sein Leben ringt. Oder zumindest befürchtet, daß er das tun muß. Kein Grund, sich darüber aufzuregen.

Die Sonne setzt sich langsam gegen die trübe Bewölkung durch. Es könnte ein schöner Tag werden. Ein schöner seltsamer Tag. Vielleicht könnte ich was schreiben. Aber mir fällt nichts mehr ein in letzter Zeit. Je mehr du nicht da bist, desto mehr denke ich an dich und das beschäftigt mich dann zur Genüge. Würde sich deine Haut noch immer so anfühlen wie damals unter meinen Fingern?
Ich hätte es so gerne mit dir versucht. Ich denke, wir hätten uns prima gestützt in unserem Irrsinn. Wie zwei Puzzleteile, die ineinandergreifen.

Ohne dich ringe ich jeden Tag um mein Leben. Eigentlich ringe ich seit Jahren darum, überhaupt zu leben, habe ich manchmal den Eindruck. Doch für diese Art Kampf gibt es keine Notrufnummer. Keine Sirenen. Keine Behandlung, die in irgendeiner Form Erfolg verspräche. Das Einhorn serviert den Tee.

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