Eintausendfünfhundertneunundachtzig

Donnerstag. Es ist Donnerstag, nicht Mittwoch. Ich stelle das fest, indem ich am späten Nachmittag etwas stirnrunzelnd auf die Blisterpackung Tabletten starre. Ich zähle die Tage nachträglich an den Medikamenten ab. Wie ein alter Sack. Ich bin offiziell einer. Finde ich jedenfalls. Seit Montag. Da hatte ich Geburtstag. Schon wieder. Und zu viele Geburtstage machen einen auf Dauer alt. Dummerweise sind Geburtstage keine Angewohnheit, die man ablegen kann, wie die des Rauchens. Schade eigentlich, das mit dem Rauchen habe ich vor Jahren hinbekommen.

Dieses ständige Wachbleiben bis weit nach Mitternacht – oder bis kurz vor den Sonnenaufgang. Das ist es, was mich wieder einmal nachhaltig aus der normalen Zeitlinie geworfen hat. Dienstag war das letzte Mal, daß du dich kurz gemeldet hast. Das ich Montag Geburtstag hatte, hast du wieder erfolgreich vergessen. Wie schon im letzten Jahr. Und dem Jahr davor. Dabei war es dir im letzten Jahr noch peinlich und du hattest deinem Telefon befohlen, dich daran zu erinnern.
Schon deswegen hätte ich mich nicht unbedingt gefreut, hättest du dran gedacht. Denn das hättest du ja gar nicht. Du wärst von einem Programm daran erinnert worden. Ich weiß nicht, ob du diesen Unterschied jemals wirklich verstanden hast.
Ich versuche nachzuvollzuziehen, wie viele Tage ich jetzt bereits wieder auf meinem Sofa geschlafen habe, statt das Bett nebenan im Schlafzimmer zu benutzen. Ich weiß es nicht genau. Mindestens eine Woche. Aber in Anbetracht meines ständigen depressiven Zusammengerolltseins sind es wohl eher die letzten zehn Tage.
Wobei depressiv nicht das richtige Wort ist. Meine Depressionsphasen sind wie Neumondnächte in einer Tropfsteinhöhle. Das hier ist mehr wie eine Art Grauschleier in weißer Wäsche. Selbst wenn man sie ins Licht hält, sieht sie einfach nicht weiß genug aus. Auf diese Weise sieht Licht einfach nicht wie Licht aus, so ohne dich in meinem Kopf. Obwohl du da immer noch bist. Jedesmal, wenn ich dran denke, daß ich gerade nicht an dich denke, ist es wieder so weit.

Gerade erst habe ich wieder ein Stück Film gesehen, daß ich dir früher zugeschickt hätte. Rauskopiert oder im Netz aufgestöbert und dann ab damit. Was für eine unglaubliche Menge an Zeit ich virtuell mit dir verbracht habe. Fast so, als hätten wir eine Beziehung geführt, statt nur in einer Beziehung zueinander zu stehen.
Immer wieder sehe ich etwas oder höre etwas und lächle und denke, daß ich es dir erzählen muß. Aber dann sagt diese Stimme in meinem Kopf: „Nein. Tust du nicht. Sei einfach endlich still.“
Durch diese Stille wird eine Menge Zeit frei. Ich fülle sie mit Denken. Es bildet Stromschnellen und Strudel. Weißes Rauschen, das versucht, die Stille zu übertönen.

Eintausendfünfhundertneunundachtzig. Das ist die Anzahl der Tage, die ich im Grunde mit dir ohne dich verbracht habe. Seit diesem Vormittag im Nieselregen am Bahnhof.
In deinem Leben war das vor etwas mehr als einhundert Männern. Keiner davon war ich. Jeder davon hat mit dir Dinge getan, die ich auch gerne getan hätte. Mit dir gemeinsam. In Absprache, könnte man sagen. Nicht, weil ich dafür Geld bezahlt hätte. Oder dich tageweise gemietet.
Dieser letzte Typ. Der, in dessen Wohnung bie Hamburg du dich seit Wochen aufhältst. Der dir sein Auto leiht, damit du über Ostern deine Eltern besuchen konntest. Man verbringt nicht wochenlang in der Wohnung eines „Kunden“, spült zwischendurch sein Geschirr und teilt sein Bett. Nicht, daß ich große Ahnung vom Leistungsumfang einer Eskort hätte. Aber ich bin sehr sicher, daß solche Dinge üblicherweise nicht im Katalog stehen.

Die Frau, die ich zu lieben glaubte, existiert überhaupt nicht mehr. Alles, was ich an Dingen erträumt und geträumt hatte, hast du längst realisiert. Oder sie traten so ein, wie ich es dir prophezeit hatte. Nur eben ohne meine Beteiligung. Vielleicht hat diese Frau nie existiert. Vieleicht wollte ich die andere haben. Sie war es, die mich so angezogen hat. Diese andere, die auch du bist. Oder warst. „Mögen all deine Träume in Erfüllung gehen“, sagt der alte chinesische FLuch. Das Gegenstück sind Träume, die sich durchweg als Illusion herausstellen.

Diese Frau von heute entfernt sich seit Wochen immer weiter von mir. Ich stehe am Ufer und sehe zu, wie das Boot wegdriftet und kann dagegen nichts tun. Du willst dich nicht mehr bestimmen lassen, sagtest du vor einer Weile.
Etwas, das du vor Jahren nie gesagt hättest. Immerhin das habe ich dir beibringen können. Ich bin darauf ein kleines bißchen stolz. Ich war es, bis der neue Typ auftauchte. Oder du bei dem neuen Typen. Wie auch immer. „Er bedeutet mit nichts“, sagen Frauen in Filmen in solchen Szenen immer. Aber mir bedeuten diese Dinge etwas. Liebe als rein virtuelles WhatsApp-Emoji ist etwas, was auf Dauer nicht vertrauenswürdig ist.

Vielleicht drifte ich aber auch mit dem Boot weg. Ich kann das nicht mehr so genau sagen in letzter Zeit. Diese Frau am Ufer sieht mich an mit Augen, die in eine Kamera schauen. Was ihr früher fast unmöglich war. Aber ich weiß nicht, ob sie mich wirklich ansieht oder nur kontrolliert, ob sie auf dem Bild gut rüberkommt. Ihre Augen sind kälter.
Auch Videos von Hundespaziergängen helfen mir nicht. Denn irgendwer muß das Video aus dieser Perspektive aufgenommen haben, sagt mir die Stimme im Kopf. Also geht jemand mit dir spazieren, der kein Hund ist. Du willst mir etwas von dir schicken. Etwas Nettes vielleicht sogar. Aber in meinem Geist sagt es zu mir nur, daß jemand anders an diesem Frühlingstag mit dir zusammen ist. Oder bei dir. Beides Privilegien, die ich nie hatte. Von den Nächten oder Abenden schweigt die Stimme inzwischen. Der Rest, wie der Barde wohl gesagt hätte, ist am Ende immer Schweigen.

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