Leerer Raum

Das Telefon neben dir auf deinem Bett oder deinem Nachttisch sagt nichts mehr zu dir mit meiner Stimme. Ich denke, es liegt nicht mehr neben dir, sondern weiter weg und du schläfst trotzdem ein.

Was immer du warst oder was ich dachte, das du bist oder was immer ich mir vorgestellt habe, was du sein könntest – du hast aufgehört, es zu sein. Du bist eine Präsenz irgendwo dort draußen. Weit weg. Wie immer weit weg. Ich weiß nicht mehr, was du tust oder wann, denn du sagst es mir nicht mehr. Ich höre es nicht mehr in meinem Kopf, fühle es nicht in meinen Gedanken. Ich rufe und rufe, aber es hallen nur Echos zurück von da, wo du mal warst. Die verblassende Erinnerung an eine Gelegenheit, die ich mich nicht getraut habe zu nutzen.

Du hast wieder einen Neuen. Nach dem lieblosen Herrn L. und dem desaströsen Herrn D., den du vorher so unglaublich toll fandest, und den hundert anderen namenlosen Fickern, für die du heute nur noch eine geile Angebergeschichte bist in irgendwelchen Clubs, während im Nebenraum die nächste Blindfold-Nutte ans Kreuz gebunden wird. Ein Maßstab für willige Verfügbarkeit. Du bleibst sechs Wochen am Stück in seiner Wohnung. Er leiht dir sein Auto. Aber ihr mögt euch und jeder hat sein eigenes Leben. Sicherlich.

Ich dagegen bin raus. Am Ende der endlosen Hölle aus friendzone und Gefühlsberater für eine Gefühllose stehe ich wieder in meiner Wüste aus Wirklichkeit. Sie ist leer und ich bin weiterhin alleine darin. Wie immer. Wie vorher.
„Ich bin sicher, daß wir uns noch mal wiedersehen werden“, sagte ich einmal. „Das glaube ich aber auch!“, sagtest du.
Inzwischen glaube ich das längst nicht mehr. Ich weiß nicht genau, wann ich damit aufgehört habe. Ich habe es mir weiter erzählt. Aber unser letztes Gespräch von virtuellem Angesicht zu virtuellem Angesicht ist sechs Wochen her.

Keine Anmerkung. Wo du bist. Was du gerade tust. Ab und zu kriege ich ein Bild von deinem Hund. Ich weiß, wie der aussieht. Das letzte Bild von dir, in dem du nicht getarnt und gefedert vor dem Spiegel standest? Das letzte Bild, auf dem etwas zu sehen gewesen wäre? Keine Ahnung. Irgendwann. Nicht in diesem Jahr. Du sagst kein persönliches Wort mehr. Alles, was seit Monaten kommt, ist oberflächlich. Wie zwei Boxer, die sich umkreisen, haben wir miteinander Worte ausgetauscht. Aber geredet hast du mit mir schon lange nicht mehr. Vielleicht hast du das nie.
Du bist längst weg, aber hallst nach wie ein Überschallknall in meinem Dasein. Wie ein Flugzeug, das einen verursacht, warst du unsichtbar und weit über den Dingen. Vor allem mir.

Außer dem Gefühl, allein zu sein, habe ich von dir nichts bekommen. Jedenfalls nichts Reales, würde ich sagen. Warst du meine Tochter?
Dann ist es Zeit, die Leine loszulassen. Vögel, die das Nest verlassen.
Warst du meine Schwester? Ich wollte nie eine. Seine Schwester will man nicht ficken und sie ist auch nicht so viel jünger.
Wolltest du was Anderes sein und wenn ja, was? Du hast es mir nie gesagt. Weil du es nicht wußtest oder nicht wolltest oder unfähig warst, es zu formulieren. Tiefgang der Gefühle ist keine Eigenschaft, die man dir zuschriebe.
Jetzt hat sich meine Nützlichkeit für dich erschöpft. Ich bin ein Relikt. Etwas wie die Möbel in deinen Wohnungen, die man verkauft, statt mit ihnen umzuziehen. Das ist bequem. Andere Möbel sind jederzeit neu verfügbar. Emotion im Stil des 21. Jahrhunderts muß abwaschbar sein und leicht zu entsorgen.

Bald wird es vorbei sein. Nur noch ein Umzug. Eine Adresse, die ich nicht mehr kenne. Danach ist es nur noch ein kleiner Schritt für eine weitere SIM-Karte, ein großer Schritt für Niemanden. Ich werde ein vergessenes Kapitel sein in deinem Buch. Ein gestrichenes eigentlich , das über eine Überschrift nicht hinauskam. ‚Nur 36 Stunden‘ oder etwas in der Art. Ein weiterer Eintrag in dieser großen Bibliothek im Paralleluniversum. Abteilung ‚Hätte sein können‘. Das schwierige am seidenen Faden ist, ihn loszulassen.

Der Morgen dämmert. Die Vögel begrüßen neues Licht. Das konturlose Schwarz wird grün. Noch keine Autos auf den Straßen. Die Zwischenstunde. Ich stelle mir vor, daß die Autos nie kommen. Das außer mir niemand mehr da sein könnte auf dem Planeten. Aber manchmal, wenn man einen leeren Raum betritt, ist da dieses Gefühl, als wäre eben noch jemand hier gewesen.

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