Der vierdimensionale Hund

Ich sehe dich mit dem Berg flauschigem Fell schmusen, der eben noch wie verrückt um dich herumgesprungen ist. Acht Wochen in einer Klinik. Überall professionelle Zusammensetzer. Sie haben ihren Job gemacht. Du hast wieder ein bißchen mehr menschliche Form, statt auszusehen wie eine Plakatwerbung des UNHCR über den Jemen. Ein Rückfall in alte, dunklere Zeiten, nachdem du dir so viel PTSD aufgeladen hast, daß man damit durchaus ein paar Bürgerkriegsopfer versorgen könnte, wie ich schätze.

Endlich, nach sehr langer Zeit für mich, sehe ich einen Eindruck von der Frau wieder, in die ich mich einmal verliebt habe. Ich habe das Gefühl, auch ein kleines bißchen mit therapiert zu haben. Zumindest rede ich mir das ein. Schon lange. Sonst hätte ich die Brocken längst hingeworfen. Ich bin nach dieser Zeit kraftloser als je zuvor.

Das medizinische Personal hat dich getestet, isoliert, in Gesprächen beraten. Aber ich habe das Gefühl, daß ich es war, der dich davor bewahrt hat, tatsächlich einfach überzuschnappen. Geholfen hat es mir nicht. Auch dein Ritzen tauchte wieder auf. Und wie immer hast du es mir oft verschwiegen. So wie all die anderen Dinge vorher auch schon. Wäre ich der Hund gewesen, du hättest mir alles gesagt.

Doch zum ersten Mal seit Monaten, seit sehr vielen Monaten, strahlt das Bild von dir tatsächlich Frieden aus. Und Glück. Dieses diffuse Etwas, nach dem wir oft so suchen. Es ist wie ein Strahl Licht durch die Wolken eines gottverflucht langen, veregneten Winters, den wir alle so schnell nicht vergessen werden.
Jedes Foto von dir, bei dem ich mich immer fragte, wer es denn jetzt geschossen hat, geht mir bei diesem Anblick durch den Kopf. Alle diese Bilder von dir haben mich gefreut. Jedes von ihnen hat mich ein Stück getötet. Denn es waren niemals meine Bilder. Aber dieser Gedanke ist dir vermutlich immer fremd gewesen.

Ein anderer Teil von mir sieht einen weiteren Hund. Gleichzeitig. Eine Haustür, die sich öffnet. Eine vertraute Stimme, die seinen Namen ruft. Es ist immer noch dasselbe Wedeln, aber dieser Hund stürmt dir nicht mehr entgegen. Das dynamische Fellbündel legt den Kopf etwas schräg, weil es schon seit einer Weile auf einem Auge schlecht sieht. Dann erst setzt er eine Pfote nach der anderen über die Schwelle in den Garten und schreitet in gemessenem Tempo auf dich zu. Dieser distingierte Hunde-Herr hat es nicht mehr eilig. Leider hat er auch nicht mehr viel Zeit. Dieser Hund hat dir zum ersten Mal gezeigt, daß du doch Gefühle besitzt. Eine ganze Menge sogar.

Er war das erste Lebewesen, von dem du akzeptiert hast, daß es dich bedingungslos liebt. Etwas, das ich niemals geschafft habe. Auch nie wollte. Ich wollte immer zurückgeliebt werden. Zumindest irgendwie. Aber das ist niemals real gewesen.
Jedesmal, wenn dich der gealterte Gentleman mit Fell anfreut, scheinst du noch immer darüber erstaunt zu sein, daß so etwas überhaupt möglich ist. Ich habe das sofort verstanden. Im Damals. Im Heute. Im Gestern, das nun mehr als fünf Jahre zurückliegt. Ich weiß nicht, wie dein Hund dich sieht. Aber ich weiß, daß es dein Geist war, der mich magisch anzog. Dein Verstand. Tiere spüren schlechte Menschen und gute. Sie haben Instinkt für die Form einer Seele.

Sonnenlicht liegt über dieser Szene in meinem Kopf. Du gehst wie immer in die Knie, umarmst wie so oft dieses Tier, das vor Jahren dafür sorgte, daß du nicht endgültig über den Rand der Welt fällst. Ich lächle leise in meinem Inneren bei diesem Gedanken.
Doch diese Umarmung hat mehr etwas von verzweifeltem Festhalten. Ein tiefer Ausdruck von „Geh nicht fort“ liegt in deiner Berührung.
Das Gegenstück der freudigen Begrüßung von früher, die immer Ausdruck war von „Ich habe dich unfaßbar vermißt“.
Sie leben schneller als wir und sein Fortgehen wird dir sehr, sehr weh tun.
Irgendwann. Ich kann deinen Schmerz in diesem Moment bereits heute erahnen. Aber dieser Moment ist nicht Heute. Ich weiß nicht, wie viele Jahre zwischen diesen Szenen liegen werden. Im besten Falle werden es zehn sein. Oder zwölf.

Ich weiß nicht, welcher der beiden Hunde ich bin. Oder war. Immer, wenn ich an dich denke. Letztlich vermutlich keiner. Denn ihm vertraust du. Überhaupt hast du anscheinend allen mehr vertraut als mir jemals. Noch immer kann ich mir vorstellen, beide Hunde zu sein und beide zu sehen. Zusammen mit dir. Ich hatte schon immer eine blühende Phantasie. Aber der Winter war lang.

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