Unquiet Earth

Nacht.
Ich liebe die Nacht. Es ist fast das gleiche Gefühl, das ich für dich empfinde. Die Stadt bei Nacht. Diese wunderbare, leere, in sanfte Stille gehüllte Dunkelheit. Kaum menschliche Geräusche. Windrauschen in den Bäumen des Friedhofs. Kein Rauschen des schwachsinnigen Autoverkehrs auf der Straße.
Das Quietschen der Aufhängung der Natriumdampflampe über der großen Kreuzung. Sie saugt den blinkenden Lichtern der Ampelanlage die Farben aus. Silbern glitzernder Nieselregen vor stummen Maschinen, die weiter ihren Dienst verrichten. Ignorant gegenüber ihren angeblichen menschlichen Meistern.
Selbst diese allgegenwärtigen Maschinen scheinen einen Moment Pause zu machen. Durchzuatmen. Wenn sie denn atmen würden.

Leises Zischen meiner Reifen auf dem Asphalt. Wie so oft wünsche ich mir, daß die Stadt nach Sonnenaufgang so still und so für mich verfügbar bliebe, wie sie das unter dem Mantel aus Nacht und Dunkelheit zu sein scheint.
Manchmal stelle ich mir vor, morgens von der Stille geweckt zu werden. Keine Geräusche der Autos. Keine Busse. Kein dröhnender Pulsschlag unserer Maschinenzivilisation, der gerade Menschen zu ihren Arbeitsplätzern spült. In Schulen, Büros, Kaufhäuser, Supermärkte. Kein brummelnder, murmelnder Hintergundlärm, den wir Menschen von uns geben in diesen Ansammlungen, die offiziell „Stadt“ genannt werden.Weiterlesen »

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Feindberührung

Wie lange habe ich Krieg geführt gegen mich selber?
Wie lange war ich davon überzeugt, mit dem nächsten Angriff, der nächsten Attacke, der nächsten brennenden Brücke endlich den Sieg zu erringen?
Ich weiß es nicht. Aber ich schätze, etwa zwei Jahrzehnte. Nimmt man die gelegentlichen Feuerpausen und Waffenruhen hinzu, komme ich auf ein Vierteljahrhundert. Etwas mehr als mein halbes Leben.Weiterlesen »

Den Joker ziehen

F41.0 G

Zum ersten Mal in mehr als einem Jahrzehnt steht das auf einem gelben Zettel, den mein Hausarzt unterschreibt. Kein Hexenschuß. Keine grippalen Infekte. Keine normale Erkältung. Kein whatthefuckever. Keine Tarnung diesmal. Kein Schließen der Augen, damit das Monster einen nicht sieht.
Das erste Mal steht da wirklich, was ich ihm und anderen schon lange gesagt habe und was er nie aufgeschrieben hat. Angststörung. Psychogedöns halt.

Wobei ich mich sofort innerlich lachend frage, warum das Angst“störung“ heißt. Ich bin nicht gestört.
Diejenigen, die ich umgeben, diese vollblinden, nullempathischen, digitalisiert betäubten Achtstundenschichtzombies sind es.
Diese angeblich so angstfreien, supertoll funktionierenden Rädchen in der großen Maschine. Die sind es, die eine Störung haben. Mehrere.

Wer keine Angst hat vor der Zukunft, die mit zunehmender Geschwindigkeit auf uns zurollt, muß massiv gestört sein. Wie man das Grollen der Lawine nicht hören kann vor lauter iPod-verstöpselten Ohren, ist mir ein Rätsel. Wie man nicht bemerken kann, wie unserer industrialisierten Supergesellschaft der Boden unter den Füßen bebt, weil das Fundament unserer aktuellen Existenz immer schneller wegbröckelt, kann kein noch so geiler Baß entschuldigen.
Von allen Ecken frißt sich Unheil an uns heran, erodiert die Basis unseres Alltäglichen. Und die Allermeisten dieser humanoiden Gestalten auf der Straße, im Bus, der Innenstadt bemerken davon nichts. Betäubt von RTL und Propaganda für den neuesten Konsummüll laufen alle dieser gigantischen Massenpsychose hinterher, die seit gut sieben Jahrzehnten unsere Welt frißt.Weiterlesen »

Nevermind

Wie zäh und träge die Zeit an mir vorüberstreicht, sich geradezu Mühe zu geben scheint, nicht zu fließen.
Im grauen Zwielicht unter dem Regen, der das halbe Land ertränkt, bewegt sich die Zeit nicht mehr weiter. Sie vergeht einfach nur noch. Ein irgendwie inhaltsloses Rauschen aus Mikrosekunden.

Nichts zieht mich mehr wirklich nach Hause, wenn die geisttötende Pseudoarbeit vorübergezogen ist. Beschäftigungstherapie. Aber beschäftigen kann ich mich auch zu Hause. Wesentlich besser sogar, denn da stört mich niemand mit Belanglosigkeiten. In all den Wolken, die vorüberziehen, gibt es derzeit keine Lücken für mich, kein Blick auf blauen Himmel.
Kein Lächeln oder Grinsen, wenn ich an etwas denke, das du gesagt hast. Nur immer wieder die Frage, wie viele Demütigungen und Schläge du in der Zwischenzeit wieder kassiert hast.
Nichts zieht mich mehr nach Hause, keine Aussicht auf ein Gespräch mit dir. Kein virtuelles „Wie war den Tag?“ Kein virtueller Kuß am Morgen. Pseudoliebe. Alles Blödsinn, der aber trotzdem Lücken hinterläßt.Weiterlesen »

Brandrodung

‚Gestern ging es ihnen aber nicht so gut, oder?‘
Alle sagen heute solche Sätze zu mir. Seltsam. Andere Menschen scheinen durchaus empathische Antennen zu haben.

Wobei es schwierig gewesen wäre, in diesem Fall nichts zu bemerken. Dieses Bild mit den geprügelten Striemen auf deiner Rückseite geht mir nicht aus dem Kopf. Irgendwie hat es mich über eine Kante geschubst, von der ich gar nicht wußte, daß sie da ist.
Ich schwimme wie in Öl durch den Tag. Der Lärm eines vorbeifahrenden Zuges bohrt sich mit schriller Gewalt durch meine nebelverhüllten Gedanken. Sofort kocht wieder Wut in mir hoch. Rasende, brennende Wut. Hulk tobt mal wieder durch mein Hirn.

Ich nehme alle anderen um mich herum nicht wirklich wahr. In jeder Unterhaltung muß ich mir immer wieder vorsagen, daß diese Person da, die ihren Mund bewegt, irgendwie echt ist. Das ich auf den Input reagieren muß. Das diese Gestalt überhaupt eine Person ist. Das sie Wirklichkeit besitzt.
Aber es fällt mir schwer, mich davon zu überzeugen. In meiner schwebenden Welt gibt es nur mich. Ich stehe allein im Ladekonstrukt der Matrix.

Die Hälfte des Tages bin ich beschäftigt damit, nicht in Tränen auszubrechen. Ich befürchte, es würde nicht dabei bleiben. Das ich anfangen könnte zu schreien. Wild um mich zu schlagen. Dieser Drang, etwas zu zertrümmern, ist ohnehin kaum zu ertragen.
Und gerade bin ich umgeben von Dingen, die recht zerbrechlich sind. Sie würden alle wunderbar zersplittern. Während mein Geist die Flugbahnen der Splitter berechnet, würden meine Arme weitere Dinge zerstören. Was für ein wunderbarer Gedanke.
Mein Kopfkino zeigt mich, übersät mit Schnittwunden, in einem Meer aus zertrümmerten Chaos. Überall glitzerndes Glas und blutiger Dunst auf anklagenden Splittern. Ich beginne hysterisch zu lachen. Ich kann nicht mehr aufhören damit.

Alle Versuche der anderen, mit dem Ding in mir Kontakt aufzunehmen, werden im Ansatz vernichtet. Ich strahle Unnahbarkeit und Kälte aus, die eine Sicherheitszone um mich erschafft. Die Tatsache, daß du mir tatsächlich fehlst, brennt Löcher in meine Seele.
Eingehüllt in meinen Schleier aus Düsternis brülle ich meinen Schmerz auf Papier, fresse dein letztes Bild in mich hinein, überziehe mich von innen mit einer Schicht aus Asche. Mein Kopf füllt sich mehr und mehr mit diesem widerwärtigen, bitteren Geschmack verbrannter Gefühle. Zug um Zug lege ich Feuer an jede Erinnerung, die dich enthält.

Mein Traum von dir

Vorgestern war es mal wieder soweit. Abends, allein in deinem Zuhause, das gar nicht deines ist, sondern die Wohnung deines Sklavenherrn, warst du wieder einmal wieder kurz davor, dich zu schneiden. „Ich weiß nicht, warum ich das will“, sagst du.

Mein erster Impuls ist, mich zurückzuziehen. Oder dir entgegenzuschreien: „Dann tu es endlich!“
Stattdessen sage ich dir andere Dinge. Lenke dich ab. Bewerfe dich mit Empathie, wie so oft.
„Ich bin bei dir“, sage ich zu dir.
„Bist du nicht. Und ich auch nicht“, kommt es von dir zurück.

Zum ersten Mal seit langem bist wieder in diesen Zustand abgerutscht, in dem es dir nicht an Selbstwert und anderen Dingen mangelt. Du spürst einfach nicht mehr, daß du noch da bist. Was ein erheblicher Unterschied ist.
Ich stelle mir vor, wie all die Trümmer, aus denen dein kaputter Geist besteht, sich zu lösen beginnen. Der ganze verdammte Schutt gerät ins Rutschen, kippt auf dich zu und droht dich zu erschlagen. Wie du hilflos und winzig neben den Monstern und Dämonen stehst, die sich in deinem Innern wieder räkeln und strecken. Das erste Mal seit langem wieder das trockene Kratzen von Drachenschuppen. Dieses Ticken im Hintergrund. Ein schweres Pendel zerteilt rauschend die Luft.Weiterlesen »

Druckpunkte

Man kann Klammern an einen Deckel machen und so tun, als würde dadurch der Druck im Topf irgendwie geringer. Aber das ist nicht der Fall. Der Druck nimmt weiter zu und der Inhalt wird sogar noch heißer als vorher. Das ist nicht weiter tragisch. Es sei denn, irgendwas geht mit dem Sicherheitsventil schief. Falls es überhaupt eins gibt. Dir geht es nicht besser, seitdem du – in deinen eigenen Worten – eine Beziehung zu einem bedingungslosen Sadisten führst. Das erzählst du dir selbst und anderen gerne. Aber gelogen ist es trotzdem.

Du hast dich verändert seitdem. Das stimmt. Wobei es nicht so sehr du selbst bist, die sich verändert hat. Es sind deine Gewohnheiten. Die Frau, die mir noch vor ein paar Monaten gesagt hat, sie schliefe nie nackt, tut heute genau das. Sogar dann, wenn du alleine in deinem Bett liegst. In seinem verdammten Bett sowieso.Weiterlesen »

Einhorns Wort zur Weihnacht

Ihr Menschen dort draußen: Seid nicht einfach traurig oder geschockt oder ängstlich. Seid nicht wortlos oder in Schweigen erstarrt.
Redet darüber. Sprecht darüber mit anderen Menschen. Mit allen anderen Menschen. In der Kneipe. Im Stadtpark. Auf einem Spaziergang im Wald. Beim Niederlegen von Blumen an irgendeinem verdammten Absperrgitter.

Aber schweigt nicht. Redet auch nicht nur. Hört euch zu. Freßt es nicht hinein in eure Köpfe, eure Herzen, in einem ebenso schädlichen wie sinnlosen Versuch, ungerührt zu wirken. Einfach weiter zu funktionieren in unserer oft recht kalten und sich so unerschütterlich gebenden Gesellschaft.Weiterlesen »

Unverloren

„Dich gar nicht erst verlieren. Dann muß ich es auch nicht bedauern.“

Das sagtest du einmal zu mir. Immer wieder habe ich dich gefragt, ob du mich brauchst im Verlaufe all dieser Monate. Immer wieder bist du einer Antwort auf diese Frage ausgewichen.
Ähnlich wie mit anderen Aussagen. Es klingt oft gut, was du zu mir sagst. Aber in Wirklichkeit ist es wieder ein Ausweichen. Ein übliches Taktieren von dir. Nur keine Position beziehen. Sei es bewußt oder unbewußt, ich weiß es nicht. Nach all dieser Zeit kann ich immer noch nicht genau sagen, wann eigentlich welcher Aspekt deiner Persönlichkeiten das Sagen hat. Oder ob das überhaupt der Fall ist.
Statt eines einfachen Ja oder Nein oder einer Nachfrage, wie es um meine Gefühle bestellt ist, kommen immer Floskeln von deiner Seite. Nur nicht nachhaken oder Interesse daran zeigen, warum ich vielleicht so empfinde, wie ich das tue. Deine typische Problemlösung ist es, zu behaupten, daß gar kein Problem existiert.

Wenn dein Herr nicht da ist und dich an jemand anderen verleihen will, hast du mit jedem Tag mehr Angst, den sein Abreisetermin näherrückt. Wobei es nicht Angst ist, was er fühlt, wenn er seine Hand zwischen deine Beine schiebt. Vielleicht aber auch doch. Denn es ist nicht nur Schmerz, der dich geil macht. Es ist auch Angst.
Mit jedem Tag merke ich, wie deine üblichen Psycho-Züge wieder Fahrt aufnehmen. Hektisch verplanst du schon vorher jede Minute deiner Zeit, in der du keiner unmittelbaren Kontrolle durch deinen Sklavenhalter unterliegst.

Ich kann hören, wie das Chaos in dir mit immer lauterer und schrillerer Stimme kreischt. Du willst dich ablenken davon, mit allen möglichen Dingen. Nichts fürchtest du mehr als simple, schlichte, tiefe Stille. Als Bewegungslosigkeit. Du versuchst, diesen Geräuschen zu entkommen, indem du mehr und mehr Ordnung in dein Leben zwingst. Mit einem immer umfassenderen Rahmen versuchst du, alle Angst und Unsicherheit zu verbannen. Du fühlst dich nicht wohl beim Gedanken, an jemand anderen ausgeliehen zu werden. Sagst du.
Aber du sagst auch, daß du den Typen ganz nett findest. Und das du ohnehin schon immer die Phantasie mehrerer Männer in deinem Kopf trägst, ist mir nicht neu. Dir auch nicht. Wieder sagt eine Seite von dir: „Ich will das nicht“. Die andere sagt: „Woher willst du das wissen? Probieren wir es aus!“ Das Ausprobieren schon massiv falsch sein könnte, ignorierst du.Weiterlesen »

Kokon aus Dunkelheit

Du ziehst zu ihm. In dem Moment, in dem Du sagst, er würde sich bei diesen Dingen ja nicht einmischen, ist mir völlig klar, daß du zu ihm ziehen wirst. Nachdem du ja gerade erst in deiner Stadt in eine neue Wohnung gezogen bist. Mein erster Gedanke ist Furcht. Panische Angst. Nicht für mich. Um dich.
Dieser andere Kerl wird dich endgültig und vollständig von sich abhängig machen. Er wird dich an andere Männer „verleihen“, denn er sieht gerne zu. Du wirst all das mit dir machen lassen. „Für meinen Herrn tue ich alles“. So hast du es ja einmal formuliert. Ich phantasiere das nicht. Du selbst hast mir beschrieben, wie das so abläuft. Mehr als einmal. Es gibt sogar verschiedene Codes für diesen Scheiß in einschlägigen Foren.

Die Frau, die ich einmal geliebt habe, existiert nicht länger. Sie ist ausgelöscht worden in einem Akt der Selbstauflösung, des geistigen Vampirismus, den du mit Liebe und Hingabe verwechselst.
Ich fühle, wie mein Inneres zerbricht, während ich das schreibe. Erstaunlich, wie sehr ich gehofft hatte, irgendwann doch noch mal etwas von dir zu hören. Etwas Positives, aus dem ich entnehmen kann, daß es dir besser geht. Das deine beiden Seiten jetzt besser miteinander klarkommen. Aber eingeschlossen in diesen hermetischen Kokon aus Unterwerfung, in den du dich begibst, wird das nicht passieren.

Eines meiner Gedankenbilder, das ich dir mehr als einmal gezeigt habe, war es, wie du auf diesem verdammten flauschigen Riesenhund liegst, den ich dir geschenkt hatte. Bäuchlings und nackt. Wie das Bild deine Beine zeigt, diesen prachtvollen Arsch und alles andere auch. Wenn ich mir vorstelle, daß dieses Bild womöglich für diesen anderen Kerl wahr wird oder einen, der dir gerade „zugewiesen“ ist, möchte ich kotzen. Du sagtest mir einmal, daß er dich auch mit Zärtlichkeit dominiert. Ein Gedanke, den ich dir überhaupt erst beigebracht habe. Aber ich traue diesem Mann nicht. Ich hasse ihn. Ich hasse dich, weil du ihm die Belohnung für meine Anstrengungen bist.Weiterlesen »