Song Text

Noch immer ziehen die Lachse zum Laichen und Sterben den Fluß hinauf, wenn sie morgens um Vier noch bei dir sind, während du an jeder Ecke bist und mir nicht zuhörst am Ende von Berlin, wo ich dich unter meiner Haut trage und dich nicht gehen lassen will und das Geräusch der Stille sich ausbreitet wie ein Krebs, während ich allein im Dunkeln bin und Du nackt und ganz weit oben und nicht gut zu Fuß und du noch immer das Spiel spielst von Herr und Sklavin, während du feststeckst in diesem Moment, aus dem du nicht mehr herauskommst.Weiterlesen »

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Entfernte Fremde

Dieses seltsame Gewimmel von Menschen dort unten. Das Hin und Her auf den Bahnsteigen erweckt von hier oben, von der Brücke, den Eindruck eines Ameisenhaufens. Nur nicht so organisiert.
Während nur ein paar Meter von mir entfernt die Kraft durch die Drähte brummt, die unsere Zivilisation antreibt, die Volts und Amperes die riesigen Metallmassen über die Metallschienen beschleunigen, bin ich wesentlich weiter von diesem Punktegewimmel entfernt als nur diese wenigen Meter.

Ich gehöre gar nicht zu denen. Das da unten ist überhaupt keine Zivilisation. Es ist nicht meine Spezies, die da mit Koffern beladen durch die Gegend taumelt und nicht einmal in der Lage ist, in einen Zug einzusteigen, ohne dabei die Hälfte der dafür angebotenen Möglichkeiten gar nicht zu benutzen. Stattdessen stehen diese seltsamen Wesen in großen Knäueln vor irgendwelchen Türen und werden jede Sekunde ungeduldiger, weil es nicht vorwärts geht.

Ich bin ein Fremder in einem fremden Land. Ein Alien. Ein Marsianer. Was auch immer. Jedenfalls empfinde ich mit diesen seltsam unkontrollierten Säugetieren dort unten keine Verwandtschaft.
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Unquiet Earth

Nacht.
Ich liebe die Nacht. Es ist fast das gleiche Gefühl, das ich für dich empfinde. Die Stadt bei Nacht. Diese wunderbare, leere, in sanfte Stille gehüllte Dunkelheit. Kaum menschliche Geräusche. Windrauschen in den Bäumen des Friedhofs. Kein Rauschen des schwachsinnigen Autoverkehrs auf der Straße.
Das Quietschen der Aufhängung der Natriumdampflampe über der großen Kreuzung. Sie saugt den blinkenden Lichtern der Ampelanlage die Farben aus. Silbern glitzernder Nieselregen vor stummen Maschinen, die weiter ihren Dienst verrichten. Ignorant gegenüber ihren angeblichen menschlichen Meistern.
Selbst diese allgegenwärtigen Maschinen scheinen einen Moment Pause zu machen. Durchzuatmen. Wenn sie denn atmen würden.

Leises Zischen meiner Reifen auf dem Asphalt. Wie so oft wünsche ich mir, daß die Stadt nach Sonnenaufgang so still und so für mich verfügbar bliebe, wie sie das unter dem Mantel aus Nacht und Dunkelheit zu sein scheint.
Manchmal stelle ich mir vor, morgens von der Stille geweckt zu werden. Keine Geräusche der Autos. Keine Busse. Kein dröhnender Pulsschlag unserer Maschinenzivilisation, der gerade Menschen zu ihren Arbeitsplätzern spült. In Schulen, Büros, Kaufhäuser, Supermärkte. Kein brummelnder, murmelnder Hintergundlärm, den wir Menschen von uns geben in diesen Ansammlungen, die offiziell „Stadt“ genannt werden.Weiterlesen »

Feindberührung

Wie lange habe ich Krieg geführt gegen mich selber?
Wie lange war ich davon überzeugt, mit dem nächsten Angriff, der nächsten Attacke, der nächsten brennenden Brücke endlich den Sieg zu erringen?
Ich weiß es nicht. Aber ich schätze, etwa zwei Jahrzehnte. Nimmt man die gelegentlichen Feuerpausen und Waffenruhen hinzu, komme ich auf ein Vierteljahrhundert. Etwas mehr als mein halbes Leben.Weiterlesen »

Den Joker ziehen

F41.0 G

Zum ersten Mal in mehr als einem Jahrzehnt steht das auf einem gelben Zettel, den mein Hausarzt unterschreibt. Kein Hexenschuß. Keine grippalen Infekte. Keine normale Erkältung. Kein whatthefuckever. Keine Tarnung diesmal. Kein Schließen der Augen, damit das Monster einen nicht sieht.
Das erste Mal steht da wirklich, was ich ihm und anderen schon lange gesagt habe und was er nie aufgeschrieben hat. Angststörung. Psychogedöns halt.

Wobei ich mich sofort innerlich lachend frage, warum das Angst“störung“ heißt. Ich bin nicht gestört.
Diejenigen, die ich umgeben, diese vollblinden, nullempathischen, digitalisiert betäubten Achtstundenschichtzombies sind es.
Diese angeblich so angstfreien, supertoll funktionierenden Rädchen in der großen Maschine. Die sind es, die eine Störung haben. Mehrere.

Wer keine Angst hat vor der Zukunft, die mit zunehmender Geschwindigkeit auf uns zurollt, muß massiv gestört sein. Wie man das Grollen der Lawine nicht hören kann vor lauter iPod-verstöpselten Ohren, ist mir ein Rätsel. Wie man nicht bemerken kann, wie unserer industrialisierten Supergesellschaft der Boden unter den Füßen bebt, weil das Fundament unserer aktuellen Existenz immer schneller wegbröckelt, kann kein noch so geiler Baß entschuldigen.
Von allen Ecken frißt sich Unheil an uns heran, erodiert die Basis unseres Alltäglichen. Und die Allermeisten dieser humanoiden Gestalten auf der Straße, im Bus, der Innenstadt bemerken davon nichts. Betäubt von RTL und Propaganda für den neuesten Konsummüll laufen alle dieser gigantischen Massenpsychose hinterher, die seit gut sieben Jahrzehnten unsere Welt frißt.Weiterlesen »

Nevermind

Wie zäh und träge die Zeit an mir vorüberstreicht, sich geradezu Mühe zu geben scheint, nicht zu fließen.
Im grauen Zwielicht unter dem Regen, der das halbe Land ertränkt, bewegt sich die Zeit nicht mehr weiter. Sie vergeht einfach nur noch. Ein irgendwie inhaltsloses Rauschen aus Mikrosekunden.

Nichts zieht mich mehr wirklich nach Hause, wenn die geisttötende Pseudoarbeit vorübergezogen ist. Beschäftigungstherapie. Aber beschäftigen kann ich mich auch zu Hause. Wesentlich besser sogar, denn da stört mich niemand mit Belanglosigkeiten. In all den Wolken, die vorüberziehen, gibt es derzeit keine Lücken für mich, kein Blick auf blauen Himmel.
Kein Lächeln oder Grinsen, wenn ich an etwas denke, das du gesagt hast. Nur immer wieder die Frage, wie viele Demütigungen und Schläge du in der Zwischenzeit wieder kassiert hast.
Nichts zieht mich mehr nach Hause, keine Aussicht auf ein Gespräch mit dir. Kein virtuelles „Wie war den Tag?“ Kein virtueller Kuß am Morgen. Pseudoliebe. Alles Blödsinn, der aber trotzdem Lücken hinterläßt.Weiterlesen »

Brandrodung

‚Gestern ging es ihnen aber nicht so gut, oder?‘
Alle sagen heute solche Sätze zu mir. Seltsam. Andere Menschen scheinen durchaus empathische Antennen zu haben.

Wobei es schwierig gewesen wäre, in diesem Fall nichts zu bemerken. Dieses Bild mit den geprügelten Striemen auf deiner Rückseite geht mir nicht aus dem Kopf. Irgendwie hat es mich über eine Kante geschubst, von der ich gar nicht wußte, daß sie da ist.
Ich schwimme wie in Öl durch den Tag. Der Lärm eines vorbeifahrenden Zuges bohrt sich mit schriller Gewalt durch meine nebelverhüllten Gedanken. Sofort kocht wieder Wut in mir hoch. Rasende, brennende Wut. Hulk tobt mal wieder durch mein Hirn.

Ich nehme alle anderen um mich herum nicht wirklich wahr. In jeder Unterhaltung muß ich mir immer wieder vorsagen, daß diese Person da, die ihren Mund bewegt, irgendwie echt ist. Das ich auf den Input reagieren muß. Das diese Gestalt überhaupt eine Person ist. Das sie Wirklichkeit besitzt.
Aber es fällt mir schwer, mich davon zu überzeugen. In meiner schwebenden Welt gibt es nur mich. Ich stehe allein im Ladekonstrukt der Matrix.

Die Hälfte des Tages bin ich beschäftigt damit, nicht in Tränen auszubrechen. Ich befürchte, es würde nicht dabei bleiben. Das ich anfangen könnte zu schreien. Wild um mich zu schlagen. Dieser Drang, etwas zu zertrümmern, ist ohnehin kaum zu ertragen.
Und gerade bin ich umgeben von Dingen, die recht zerbrechlich sind. Sie würden alle wunderbar zersplittern. Während mein Geist die Flugbahnen der Splitter berechnet, würden meine Arme weitere Dinge zerstören. Was für ein wunderbarer Gedanke.
Mein Kopfkino zeigt mich, übersät mit Schnittwunden, in einem Meer aus zertrümmerten Chaos. Überall glitzerndes Glas und blutiger Dunst auf anklagenden Splittern. Ich beginne hysterisch zu lachen. Ich kann nicht mehr aufhören damit.

Alle Versuche der anderen, mit dem Ding in mir Kontakt aufzunehmen, werden im Ansatz vernichtet. Ich strahle Unnahbarkeit und Kälte aus, die eine Sicherheitszone um mich erschafft. Die Tatsache, daß du mir tatsächlich fehlst, brennt Löcher in meine Seele.
Eingehüllt in meinen Schleier aus Düsternis brülle ich meinen Schmerz auf Papier, fresse dein letztes Bild in mich hinein, überziehe mich von innen mit einer Schicht aus Asche. Mein Kopf füllt sich mehr und mehr mit diesem widerwärtigen, bitteren Geschmack verbrannter Gefühle. Zug um Zug lege ich Feuer an jede Erinnerung, die dich enthält.

Mein Traum von dir

Vorgestern war es mal wieder soweit. Abends, allein in deinem Zuhause, das gar nicht deines ist, sondern die Wohnung deines Sklavenherrn, warst du wieder einmal wieder kurz davor, dich zu schneiden. „Ich weiß nicht, warum ich das will“, sagst du.

Mein erster Impuls ist, mich zurückzuziehen. Oder dir entgegenzuschreien: „Dann tu es endlich!“
Stattdessen sage ich dir andere Dinge. Lenke dich ab. Bewerfe dich mit Empathie, wie so oft.
„Ich bin bei dir“, sage ich zu dir.
„Bist du nicht. Und ich auch nicht“, kommt es von dir zurück.

Zum ersten Mal seit langem bist wieder in diesen Zustand abgerutscht, in dem es dir nicht an Selbstwert und anderen Dingen mangelt. Du spürst einfach nicht mehr, daß du noch da bist. Was ein erheblicher Unterschied ist.
Ich stelle mir vor, wie all die Trümmer, aus denen dein kaputter Geist besteht, sich zu lösen beginnen. Der ganze verdammte Schutt gerät ins Rutschen, kippt auf dich zu und droht dich zu erschlagen. Wie du hilflos und winzig neben den Monstern und Dämonen stehst, die sich in deinem Innern wieder räkeln und strecken. Das erste Mal seit langem wieder das trockene Kratzen von Drachenschuppen. Dieses Ticken im Hintergrund. Ein schweres Pendel zerteilt rauschend die Luft.Weiterlesen »

Druckpunkte

Man kann Klammern an einen Deckel machen und so tun, als würde dadurch der Druck im Topf irgendwie geringer. Aber das ist nicht der Fall. Der Druck nimmt weiter zu und der Inhalt wird sogar noch heißer als vorher. Das ist nicht weiter tragisch. Es sei denn, irgendwas geht mit dem Sicherheitsventil schief. Falls es überhaupt eins gibt. Dir geht es nicht besser, seitdem du – in deinen eigenen Worten – eine Beziehung zu einem bedingungslosen Sadisten führst. Das erzählst du dir selbst und anderen gerne. Aber gelogen ist es trotzdem.

Du hast dich verändert seitdem. Das stimmt. Wobei es nicht so sehr du selbst bist, die sich verändert hat. Es sind deine Gewohnheiten. Die Frau, die mir noch vor ein paar Monaten gesagt hat, sie schliefe nie nackt, tut heute genau das. Sogar dann, wenn du alleine in deinem Bett liegst. In seinem verdammten Bett sowieso.Weiterlesen »

Einhorns Wort zur Weihnacht

Ihr Menschen dort draußen: Seid nicht einfach traurig oder geschockt oder ängstlich. Seid nicht wortlos oder in Schweigen erstarrt.
Redet darüber. Sprecht darüber mit anderen Menschen. Mit allen anderen Menschen. In der Kneipe. Im Stadtpark. Auf einem Spaziergang im Wald. Beim Niederlegen von Blumen an irgendeinem verdammten Absperrgitter.

Aber schweigt nicht. Redet auch nicht nur. Hört euch zu. Freßt es nicht hinein in eure Köpfe, eure Herzen, in einem ebenso schädlichen wie sinnlosen Versuch, ungerührt zu wirken. Einfach weiter zu funktionieren in unserer oft recht kalten und sich so unerschütterlich gebenden Gesellschaft.Weiterlesen »