Eintausendfünfhundertneunundachtzig

Donnerstag. Es ist Donnerstag, nicht Mittwoch. Ich stelle das fest, indem ich am späten Nachmittag etwas stirnrunzelnd auf die Blisterpackung Tabletten starre. Ich zähle die Tage nachträglich an den Medikamenten ab. Wie ein alter Sack. Ich bin offiziell einer. Finde ich jedenfalls. Seit Montag. Da hatte ich Geburtstag. Schon wieder. Und zu viele Geburtstage machen einen auf Dauer alt. Dummerweise sind Geburtstage keine Angewohnheit, die man ablegen kann, wie die des Rauchens. Schade eigentlich, das mit dem Rauchen habe ich vor Jahren hinbekommen.

Dieses ständige Wachbleiben bis weit nach Mitternacht – oder bis kurz vor den Sonnenaufgang. Das ist es, was mich wieder einmal nachhaltig aus der normalen Zeitlinie geworfen hat. Dienstag war das letzte Mal, daß du dich kurz gemeldet hast. Das ich Montag Geburtstag hatte, hast du wieder erfolgreich vergessen. Wie schon im letzten Jahr. Und dem Jahr davor. Dabei war es dir im letzten Jahr noch peinlich und du hattest deinem Telefon befohlen, dich daran zu erinnern.
Schon deswegen hätte ich mich nicht unbedingt gefreut, hättest du dran gedacht. Denn das hättest du ja gar nicht. Du wärst von einem Programm daran erinnert worden. Ich weiß nicht, ob du diesen Unterschied jemals wirklich verstanden hast.Weiterlesen »

Panische Ruhe

Ich dusche mich gründlich ab. Seifenschaum rinnt gurgelnd in den Abfluß der Wanne. Ich habe schon längst normales Shampoo und anderen Kosmetikkram im Bad durch Seifen ersetzt. Um den Plastikmüll zu reduzieren. Den Einsatz von Ölderivaten in der Kosmetik. Seife ist eine gute Sache. Weniger Inhaltsstoffe machen weniger Streß, so lautet meine simple Gedankenformel.
Außerdem scheint Seife ein recht probates Mittell gegen das grassierende Coronavirus zu sein. Sie zerstört zuverlässig die virale Hülle und killt damit den Killer. Ätschbätsch, du blöde Nicht-Lebensform.

Der Drang zur Dusche ist unbeherrschbar groß geworden. Nur Händewaschen reicht jetzt nicht.
Noch vor zehn Minuten hatte ich alle Mühe, im Supermarkt keine Panikattacke zu bekommen. Aus dem regelmäßigen Ba-dumm-Ba-dumm meines Herzschlags wird zum X-ten mal in den letzten Tagen ein in der Muppetshow runtergedonnertes Solo von Animal. Trommeln, Trommeln, Trommeln!
Ich kann förmlich sehen, wie sich die Befehle der Leitzentrale des Sinusknotens an mein rechtes Atrium auf dem Weg dorthin verheddern und aus dem BipBipBip einer Monitorlinie ein schrilles Rückkopplungspfeifen wird. Ich atme ein. Tief. Sofern das durch den Wollschal über meiner Nase und meinem Mund geht. Die Brille beschlägt augenblicklich. Wie früher, auf jeder verdammten Demo. Wäre ich da so aufgelaufen wie ich heute Einkaufen gehe, die Staatsmacht hätte mich sofort zum Gespräch rausgewinkt.

Das Stolpern dauert nur eine Zehntelsekunde. Vielleicht eine ganze. Zeit wird in diesen Momenten einer Dilatation unterworfen, die kein Einstein jemals hätte berechnen können.
Ich zahle. Ich gehe raus. Ein sonniger Tag. Sogar ein sonniger warmer Tag, im Gegensatz zu den letzten paar. Ich sattle mein Drahteinhorn und radle davon. Lasse die ganzen gruseligen Menschen hinter mir, die in viel zu engen Gängen nicht in der Lage sind, die aktuell angedachten 150cm Abstand zu halten. Wenn sie denn dran dächten. Was die meisten von ihnen nicht tun.Weiterlesen »

Ein Jahrestag

Es sind heute vier Jahre. Vor vier Jahren bin ich über dich gestolpert durch reinen Zufall. Oder wir sind übereinander gestürzt. Zwei Leute, die auf ihre offenen Schuhbänder treten und beim Stolpern mit den Köpfen zusammenstoßen. Du bist nicht hier. Du warst natürlich niemals hier. Aber wärst du es, es wäre inzwischen meine zweitlängste Beziehung. Denn es würde ja nicht am heutigen Tag enden.
Ich weiß noch immer nicht, mit wie vielen Personen ich mich da eigentlich unterhalten habe, immer wieder zwischendurch, über so viele Dinge. Nach meiner besten Schätzung drei. Das Einhorn tippt pragmatisch auf zweikommafünf. Die Tendenz geht wahrscheinlich eher zu vier, denn eine ungerade Personenzahl in deinem Kopf wäre für dich – für euch – schwer zu ertragen. Aber vielleicht ist genau deswegen zweikommafünf richtig. Das Einhorn mag ein glitzerndes Fabeltier sein, das rumnerven kann wie…nun, ein Einhorn. Aber es hat oft recht.

Ich hatte auch oft recht. Sehr viele Dinge sind angekündigt nicht besonders gut gelaufen. Der Mann, der tatsächlich eine Beziehung mit dir führte, statt nur eine zu dir zu haben, hat sich wohl als der lieblose Penner herausgestellt, für den ich ihn immer hielt. Wobei Lieblosigkeit nicht der Grund gewesen sein kann, warum du ihn verlassen hast. Ich denke eher, es ist wieder etwas vorgefallen. Es gab da immer diese Kategorie „Dummheiten“. Ereignisse dieser Kategorie führten dazu, daß mein Telefon klingelte und ein Bild von einer Badewanne erschien, oft mit Kerzen und der unvermeidlichen Flasche Wein. Dann dein Gesicht, bis zum Hals im Schaum. Augenringe. Dieser fiebrig leuchtende Blick.

Ich habe dich nie gefragt, ob das symbolische Flüchten in den Mutterleib je erfolgreich gewesen ist. Vielleicht hätte ich das tun sollen. Aber ich mußte mich immer geistig auf das Geständnis der jeweiligen Dummheit vorbereiten. Die konnte mit anderen Männern zusammenhängen oder auch mit Rasierklingen und Blut zu tun haben. Oder mit der Tatsache, daß ich zwar oft sehen konnte, daß du halbwegs normal ißt, aber trotzdem immer dünner wirst. Du warst niemals die Person, die für starke Stimmungsschwankungen unempfindlich ist. Keine deiner Personen ist das.Weiterlesen »

Sirenen und Helium

Schon beim ersten Atemzug wird mir klar, daß es heute wieder einer dieser seltsamen Tage werden wird. Das heißt, beim ersten Atemzug, nachdem ich die Augen aufgeschlagen habe. Die verwaschene Welt starrt mich durch meine noch immer ungeputzten Fenster an. Ich starre zurück. Ich gewinne immer, denn solange ich die Brille nicht aufgesetzt habe, sehe ich eben nichts wirklich Konkretes.
Dann atme ich das erste Mal bewußt ein. Gucke nach, ob die Lungen noch da sind. Das scheint der Fall zu sein.

Der nächste Schritt führt zum Sofa. Mehrere Schritte. Das Sofa muß rituell vorbereitet werden. Decken richten. Kissen richten. Dann die Bettdecke transplantieren. Ich nehme meine Wärme morgens immer aus dem Bett mit. Das ist effizienter. Ich wohne auf meinem Sofa, jedenfalls sehr oft. Da kann es auch verdammt noch mal gemütlich sein.
Das Teewasser filtert, der Computer beginnt seine elektronische Existenz. Fast ein bißchen so wie ich. Eingeschaltet. Die Lüfter beginnen zu atmen. Pa-Ling. Gib mir Input. Allerdings denkt der Computer nicht an dich.

Mehr Teewasser filtert, der Typ im Spiegel meines Badezimmers sieht aus wie ein explodiertes Kopfkissen. Zum gefühlt achthundertsten Male frage ich mich, ob ich diese Haare nicht einfach wieder stoppelkurz machen soll. Thema erledigt. Was das an Schaum sparte. Nach dem Duschen kurz mit dem Handtuch drüber. Fertig. Die Bürste kann ich dann in Harz eingießen und an die Wand hängen. ‚Life Art‘, geht es mir durch den noch immer schlafverstrahlten Kopf. Sogar einen Titel hat das Werk: ‚Haart, aber herzlich‘. Es ist einer dieser seltsamen Tage.Weiterlesen »

Alles von Dir

Mir fehlt immer alles von dir.
Mir fehlt das „Guten Morgen“ und das „Wie geht es dir?“.
Nicht, daß du das jedes Mal erwähnst. Normalerweise neigst du dazu, solche Fragen nicht zu stellen. Wir mögen diese Fragen beide nicht. Denn üblicherweise will darauf nie jemand eine ehrliche Antwort.
Eine Freundin ist tot und man erinnert sich an sie. Ein Haustier womöglich. Ein Ereignis wirft einen aus der Bahn und man spürt das noch Tage später. Oder an Jahrestagen.

Mich jagen immer wieder die verdammten Panikattacken. Dieser scheiß Herzschlag, der plötzlich aus den Tritt geraten will. Dieses Dröhnen von Kriegstrommeln in meinen Ohren, die herankriechende Furcht, die weichen Knie. Obwohl weit und breit nichts zu fürchten ist. Es macht mich fertig. Es nagt an mir und wenn die schlauen Leute mit dem Spruch kommen, ich solle der Fels in der Brandung sein, sehe ich immer endlose Sandstrände vor meinem geistigen Auge. Sand. Das ist es, was Brandung aus Felsen macht. Schönen Gruß, ihr Idioten.Weiterlesen »

Liebe als Erklärung

Ich habe dich im ganzen Leben real nur einige Stunden erleben dürfen. Trotzdem sagtest du einmal, daß ich dich besser kenne als du dich selbst. Wie konnte es mir passieren, daß ich über dich stolpere, digital und virtuell statt real und physisch, und mich sofort in das interessanteste Gespräch mit dem interessantesten Menschen verwickelt sah, das ich seit ziemlich genau 1996 geführt hatte?
Ich sollte längst alt genug sein, um darauf zu achten, wo ich hintrete. Ich bin nämlich auch alt genug, um einen Sturz schlimme Folgen haben zu lassen.Du bist nicht nur widersprüchlich. Du bist ein einziges Durcheinander.
Auf die Frage, wie du dich fühlst, reagierst du nicht verständnisvoller als Mr. Spock in der berühmten Star Trek-Szene. Empfindungen zu erfragen wird von dir üblicherweise mit einem tiefen Brunnen des Schweigens beantwortet.

Dann ist diese andere Frau. Ich denke, es war die, mit der ich damals sprach. Sie ist hingebungsvoll. Romantisch. Manchmal neigt sie sogar ein wenig zum Kitsch. Sie ist anhänglich und geradezu süchtig nach Zuneigung. Danach, daß jemand Interesse an ihr zeigt. Sie ist fest davon überzeugt, daß sich die meisten Dinge im Universum um sie drehen und das so auch seine Richtigkeit hat. Sie ist auch die Person, die all das vehement abstreiten würde, falls sie nicht schon bei der Andeutung von romantischem Kitsch, also persönlichen Gefühlen, in allergische Niesanfälle verfiele.Weiterlesen »

Gewollt wie

Man sagt immer, über die erste Freundin, die erste Frau oder sonstige Person hinwegzukommen, die einem wirklich etwas bedeutet hat, wäre am schwersten.

Ich kann das nicht bestätigen. Meine erste wirkliche Freundin verwandelte sich im Laufe der Zeit auch in meine Frau. Und später meine erste Scheidung. Es ist bisher die einzige geblieben und das wird sich nicht ändern. Aber das ist in Ordnung. Einmal in seinem Leben sollte jeder Mann verheiratet gewesen sein.
Aber nach ihr kam die nächste Freundin. Wobei vorher eine Affäre kam. Mit einer Frau, auf die ich binnen Sekunden so unfaßbar scharf war wie noch nie zuvor in meinem Leben. Was auch durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Ausgerechnet ein Mann, der seine Frau filmreif an einen guten Freund verloren hatte, führte also eine Affäre mit der Freundin eines anderen. Aber das war nur eine kurze Sache. Sobald ich etwas ernsthaftere Gefühle zu zeigen begann, war ich für sie raus. Worüber ich gar nicht einmal böse war. Wobei auch diese Sache noch ein Nachspiel hatte, in jeder Bedeutung des Wortes.Weiterlesen »

Song Text

Noch immer ziehen die Lachse zum Laichen und Sterben den Fluß hinauf, wenn sie morgens um Vier noch bei dir sind, während du an jeder Ecke bist und mir nicht zuhörst am Ende von Berlin, wo ich dich unter meiner Haut trage und dich nicht gehen lassen will und das Geräusch der Stille sich ausbreitet wie ein Krebs, während ich allein im Dunkeln bin und Du nackt und ganz weit oben und nicht gut zu Fuß und du noch immer das Spiel spielst von Herr und Sklavin, während du feststeckst in diesem Moment, aus dem du nicht mehr herauskommst.Weiterlesen »

Entfernte Fremde

Dieses seltsame Gewimmel von Menschen dort unten. Das Hin und Her auf den Bahnsteigen erweckt von hier oben, von der Brücke, den Eindruck eines Ameisenhaufens. Nur nicht so organisiert.
Während nur ein paar Meter von mir entfernt die Kraft durch die Drähte brummt, die unsere Zivilisation antreibt, die Volts und Amperes die riesigen Metallmassen über die Metallschienen beschleunigen, bin ich wesentlich weiter von diesem Punktegewimmel entfernt als nur diese wenigen Meter.

Ich gehöre gar nicht zu denen. Das da unten ist überhaupt keine Zivilisation. Es ist nicht meine Spezies, die da mit Koffern beladen durch die Gegend taumelt und nicht einmal in der Lage ist, in einen Zug einzusteigen, ohne dabei die Hälfte der dafür angebotenen Möglichkeiten gar nicht zu benutzen. Stattdessen stehen diese seltsamen Wesen in großen Knäueln vor irgendwelchen Türen und werden jede Sekunde ungeduldiger, weil es nicht vorwärts geht.

Ich bin ein Fremder in einem fremden Land. Ein Alien. Ein Marsianer. Was auch immer. Jedenfalls empfinde ich mit diesen seltsam unkontrollierten Säugetieren dort unten keine Verwandtschaft.
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Anschein von Sommer

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.

Während ich den alten, toten Dreck in den Blumentöpfen durch neuen Boden ersetze, denke ich an dich. Du hast bei der ersten Berührung sofort Spuren auf mir hinterlassen, die ich nicht mehr wegbekommen werde. Ich bräuchte Sandpaste für meine Seele, um das zu schaffen. Aber so etwas gibt es nicht.
Du bist mir auch immer ausgewichen, wenn ich versuchte, dich zu halten. Hast dich verformt, ganz nach Belieben. Was immer jemand wollte, das Du bist, wurdest du auch. Nur du selbst sein, das hast du niemals hinbekommen. Das ist keine Schande. Sehr viele Menschen scheitern an dieser Übung.Weiterlesen »