Eintausendfünfhundertneunundachtzig

Donnerstag. Es ist Donnerstag, nicht Mittwoch. Ich stelle das fest, indem ich am späten Nachmittag etwas stirnrunzelnd auf die Blisterpackung Tabletten starre. Ich zähle die Tage nachträglich an den Medikamenten ab. Wie ein alter Sack. Ich bin offiziell einer. Finde ich jedenfalls. Seit Montag. Da hatte ich Geburtstag. Schon wieder. Und zu viele Geburtstage machen einen auf Dauer alt. Dummerweise sind Geburtstage keine Angewohnheit, die man ablegen kann, wie die des Rauchens. Schade eigentlich, das mit dem Rauchen habe ich vor Jahren hinbekommen.

Dieses ständige Wachbleiben bis weit nach Mitternacht – oder bis kurz vor den Sonnenaufgang. Das ist es, was mich wieder einmal nachhaltig aus der normalen Zeitlinie geworfen hat. Dienstag war das letzte Mal, daß du dich kurz gemeldet hast. Das ich Montag Geburtstag hatte, hast du wieder erfolgreich vergessen. Wie schon im letzten Jahr. Und dem Jahr davor. Dabei war es dir im letzten Jahr noch peinlich und du hattest deinem Telefon befohlen, dich daran zu erinnern.
Schon deswegen hätte ich mich nicht unbedingt gefreut, hättest du dran gedacht. Denn das hättest du ja gar nicht. Du wärst von einem Programm daran erinnert worden. Ich weiß nicht, ob du diesen Unterschied jemals wirklich verstanden hast.Weiterlesen »

Ein Jahrestag

Es sind heute vier Jahre. Vor vier Jahren bin ich über dich gestolpert durch reinen Zufall. Oder wir sind übereinander gestürzt. Zwei Leute, die auf ihre offenen Schuhbänder treten und beim Stolpern mit den Köpfen zusammenstoßen. Du bist nicht hier. Du warst natürlich niemals hier. Aber wärst du es, es wäre inzwischen meine zweitlängste Beziehung. Denn es würde ja nicht am heutigen Tag enden.
Ich weiß noch immer nicht, mit wie vielen Personen ich mich da eigentlich unterhalten habe, immer wieder zwischendurch, über so viele Dinge. Nach meiner besten Schätzung drei. Das Einhorn tippt pragmatisch auf zweikommafünf. Die Tendenz geht wahrscheinlich eher zu vier, denn eine ungerade Personenzahl in deinem Kopf wäre für dich – für euch – schwer zu ertragen. Aber vielleicht ist genau deswegen zweikommafünf richtig. Das Einhorn mag ein glitzerndes Fabeltier sein, das rumnerven kann wie…nun, ein Einhorn. Aber es hat oft recht.

Ich hatte auch oft recht. Sehr viele Dinge sind angekündigt nicht besonders gut gelaufen. Der Mann, der tatsächlich eine Beziehung mit dir führte, statt nur eine zu dir zu haben, hat sich wohl als der lieblose Penner herausgestellt, für den ich ihn immer hielt. Wobei Lieblosigkeit nicht der Grund gewesen sein kann, warum du ihn verlassen hast. Ich denke eher, es ist wieder etwas vorgefallen. Es gab da immer diese Kategorie „Dummheiten“. Ereignisse dieser Kategorie führten dazu, daß mein Telefon klingelte und ein Bild von einer Badewanne erschien, oft mit Kerzen und der unvermeidlichen Flasche Wein. Dann dein Gesicht, bis zum Hals im Schaum. Augenringe. Dieser fiebrig leuchtende Blick.

Ich habe dich nie gefragt, ob das symbolische Flüchten in den Mutterleib je erfolgreich gewesen ist. Vielleicht hätte ich das tun sollen. Aber ich mußte mich immer geistig auf das Geständnis der jeweiligen Dummheit vorbereiten. Die konnte mit anderen Männern zusammenhängen oder auch mit Rasierklingen und Blut zu tun haben. Oder mit der Tatsache, daß ich zwar oft sehen konnte, daß du halbwegs normal ißt, aber trotzdem immer dünner wirst. Du warst niemals die Person, die für starke Stimmungsschwankungen unempfindlich ist. Keine deiner Personen ist das.Weiterlesen »

Liebe als Erklärung

Ich habe dich im ganzen Leben real nur einige Stunden erleben dürfen. Trotzdem sagtest du einmal, daß ich dich besser kenne als du dich selbst. Wie konnte es mir passieren, daß ich über dich stolpere, digital und virtuell statt real und physisch, und mich sofort in das interessanteste Gespräch mit dem interessantesten Menschen verwickelt sah, das ich seit ziemlich genau 1996 geführt hatte?
Ich sollte längst alt genug sein, um darauf zu achten, wo ich hintrete. Ich bin nämlich auch alt genug, um einen Sturz schlimme Folgen haben zu lassen.Du bist nicht nur widersprüchlich. Du bist ein einziges Durcheinander.
Auf die Frage, wie du dich fühlst, reagierst du nicht verständnisvoller als Mr. Spock in der berühmten Star Trek-Szene. Empfindungen zu erfragen wird von dir üblicherweise mit einem tiefen Brunnen des Schweigens beantwortet.

Dann ist diese andere Frau. Ich denke, es war die, mit der ich damals sprach. Sie ist hingebungsvoll. Romantisch. Manchmal neigt sie sogar ein wenig zum Kitsch. Sie ist anhänglich und geradezu süchtig nach Zuneigung. Danach, daß jemand Interesse an ihr zeigt. Sie ist fest davon überzeugt, daß sich die meisten Dinge im Universum um sie drehen und das so auch seine Richtigkeit hat. Sie ist auch die Person, die all das vehement abstreiten würde, falls sie nicht schon bei der Andeutung von romantischem Kitsch, also persönlichen Gefühlen, in allergische Niesanfälle verfiele.Weiterlesen »

Anschein von Sommer

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.

Während ich den alten, toten Dreck in den Blumentöpfen durch neuen Boden ersetze, denke ich an dich. Du hast bei der ersten Berührung sofort Spuren auf mir hinterlassen, die ich nicht mehr wegbekommen werde. Ich bräuchte Sandpaste für meine Seele, um das zu schaffen. Aber so etwas gibt es nicht.
Du bist mir auch immer ausgewichen, wenn ich versuchte, dich zu halten. Hast dich verformt, ganz nach Belieben. Was immer jemand wollte, das Du bist, wurdest du auch. Nur du selbst sein, das hast du niemals hinbekommen. Das ist keine Schande. Sehr viele Menschen scheitern an dieser Übung.Weiterlesen »

Für immer und Dich

Und endlich hatte ich dich gefunden und habe dich nie verloren und trotzdem bist du wieder verschwunden und du warst nie da. Und du wolltest mich nie nie nie verletzen und hast es trotzdem immer wieder getan und hast nie damit aufgehört.
Vielleicht tut es dir sogar tatsächlich leid und du wolltest nichts tun von dem, was du gemacht hast, aber trotzdem macht das die Wunden nicht weniger real, die Narben weniger schmerzhaft, mein Blut weniger rot, die Risse in meiner Seele weniger quälend, die Lücke in meinen Kopf weniger leer. Gewollt zu haben ist eins, gehandelt zu haben das andere.

Du und ich. Der alte Sack und Lolita. Die Schöne und das Biest. Wir wären Jekyll und Hyde. Und außerdem Harold und Maude. Luke Vader und Darth Skywalker. Jeder für sich in einer Person und zusammen erst recht. Wir würden derartig brennen füreinander, daß wir die Sonne überstrahlten. Allerdings bestünde natürlich das Risiko, daß außer Asche von uns nichts übrig bliebe. Wahrscheinlich nicht einmal das. Ich denke, wenn wir schon dabei gewesen wären, hätten wir die Sache dann auch gründlich erledigt. Wir sind beide auf unsere Art nicht für halbe Sachen zu haben. Im Grunde unseres Selbst sind wir beide Extremisten.Weiterlesen »

Lazarus

Wenn dieser Mann an dich denkt, brennt weder sein Herz noch seine Seele. Vielleicht lächelt er, aber er lächelt nicht wie ich.
Er lächelt wie ein Mann, der seine Kunstsammlung begutachtet. Ein besonders wertvolles Stück in die Hand nimmt. Besitzerstolz, gepaart mit kühler Gier und der Gewißheit des Neids von anderen. Der Besitz steht im Vordergrund. Die Schönheit als Selbstzweck, um die Profaniät der Hand zu übertünchen, die sie streichelt. Ein Kunstwerk altert nicht.

Wenn ich an dich denke, brennen Sonnen in mir aus. Jedesmal. Immer wieder.
Wenn ich dabei lächle, ist es ein Lächeln aus purer Freude. Wenn deine Stimme in meinen Gedanken ertönt, sind es Glocken, die nur für mich läuten. In meinem Lächeln und meinen Gedanken liegen Schmerz und Erstaunen immer nebeneinander. Schmerz, weil ich dir wenig bedeute. Erstaunen darüber, daß es in meinem Universum so etwas wie dich gab, wenn auch nur für einen Moment. Meine Hände würden dich immer wieder streicheln, um sich zu vergewissern, daß du existierst.Weiterlesen »

My bloody Queen of Hearts

Du kannst wild um dich schlagen in deinem Innern und dich nicht schneiden. Du kannst es tun und dir damit eine gewisse Erleichterung verschaffen. Ein Ventil. Einen Kontakt zur Realität. Einen Cooldown. Klarheit. Aber dazu müßtest du gegen Regeln verstoßen.

Egal, was du tust oder nicht tust. Am Ende wird es immer wieder die Klinge sein an deinem Handgelenk. Die Flasche Wein am Abend. Die zitternd angezündete Zigarette auf dem Balkon. Der Albtraum morgens um vier, der dich wachprügelt und nicht mehr schlafen läßt, bis du über deine Augenringe stolperst.
Irgendwann wird es die Klinge am Hals sein. Blutende Narben auf deinem Rücken, irgendwo zwischen deinen Tattoos und Piercings, die deine Ersatzbefriedigung geworden sind. Tropfendes Blut auf dem Boden in den großen Hallen in deinem Innern, langsam versickernd im Staub. Rorschachmuster aus Schmerz und Grauen.Weiterlesen »

Die Einhorndialoge: Depressiver Realismus

‚Sie ist schon süß, oder?‘, sagt das Fabeltier zu mir und knufft mich in meiner Depression mit diesem wissendem Blick in die Seite, den ich so sehr hasse, während es genüßlich die letzten Glitzerluftschlangen von Silvester auffrißt. Einhörner sind nämlich Glitzer-Wiederkäuer, das wissen die wenigsten.

‚Das beschreibt es nicht annähernd. Sie war mein Wunder‘, sage ich, ohne mich dabei von der ensetzlichen Fröhlichkeit des Fabeltiers auch nur im geringsten in meiner Embryonalhaltung auf dem Sofa stören zu lassen.

‚Sie ist es also nicht mehr?‘

‚Nein. Nein, ich denke, nicht.‘

‚Sie hat uns aus ihrem Kopf vertrieben, nicht wahr?‘

‚Ich weiß nicht, ob sie das war. Oder er. Aber ja. Wir wohnen da nicht mehr.‘Weiterlesen »

Moment des Stolperns

Dieser eine Satz. Hätte ich diesen einen Satz vor zwei Jahren nicht geschrieben. Hätte dieser eine Moment nicht existiert. Die neun Stunden Zugfahrt nur sechs Tage später. Sechs Tage, die ich so gut wie ununterbrochen mit dir am Telefon verbrachte. Die Gestalt mit dem Smartphone am Ohr, die aus dem Dunkel auf mich zugelaufen kam an diesem Bahnhof in dieser verdammten Stadt am anderen Ende des Landes. Dieser Bahnhof, der nicht so viel anders aussah als der, von dem ich losgefahren war. Aber hier konnte man das Meer riechen. Hier gab es dich.

Wie ich meine Jacke aufgemacht habe, weil du sagtest, dir wäre so kalt. Wie du deine Arme um mich legtest, unter der Jacke. Dieser Geruch deiner Haare. Dein Geruch. Meine Arme, die sich ganz langsam um dich legten. Ganz vorsichtig an mich drückten. Ich wollte dich nicht zerbrechen. Wollte nicht, daß du dich einfach in Nichts auflöst. Träume lösen sich doch immer in Nichts auf.

Es hätte all das nie gegeben.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ungefühlig

„Du könntest sie hinterunters Ohr küssen und ihr was zuflüstern. Damit deine Stimme das letzte ist, was sie hört, bevor ihr Unterbewußtsein mit dem Träumen beginnt“, sagt das Fabeltier zu mir und glitzert dabei fröhlich vor sich hin. Überhaupt war es in den letzten paar Tagen geradezu manisch fröhlich.

„Würde ich tun. Wäre sie hier. Ist sie aber nicht. War sie nie. Wird sie nie sein. Und ihr Unterbewußtsein träumt seltsame Dinge von mir. Zumindest war das mal so. Abgesehen davon haben wir gar keinen Platz mehr in ihrem Kopf. Oder woanders. Falls dir das nicht aufgefallen sein sollte.“

Ich bin nicht manisch fröhlich in den letzten Tagen, wie ich beim Blick in den Spiegel unschwer erkennen kann. Ich stelle fest, daß sich eigentlich an deinem Verhalten nichts geändert hat. Im Grunde hat es das nie wirklich.
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