Zuwendung abgewendet

Manche Menschen erlauben anderen Personen um sich herum keinerlei Eigenständigkeit. Diese Menschen benutzen andere als einen Spiegel für sich selbst. Wir tun das alle irgendwo und in einer gewissen Art. Normale Menschen sehen dann eben andere Menschen, andere Persönlichkeiten.

Diese Typen nicht. Sie wollen, daß der Spiegel, den sie da benutzen und benutzen müssen – denn sonst gäbe es keine Interaktion – ausschließlich ihre eigene Person zurückwirft. Sobald das Gegenüber auch nur den Hauch einer eigenen Persönlichkeit zeigt – was natürlich immer der Fall ist, bei jeder natürlichen Interaktion – reagieren sie mit Angst und Panik. Hier dringt etwas in ihre Welt ein, mit dem sie nicht zurechtkommen und auch nicht zurechtkommen wollen.

Sehr oft reagieren diese Menschen dann mit Gewalt. Gegen die eigenen Kinder, die eigene Ehefrau. Denn im überwiegenden Fall sind diese Leute Männer. Sie benutzen Gewalt, um den anderen exakt das Bild und die Reaktionen aufzuzwingen, die sie mit ihrer eigenen Persönlichkeit asoziieren. Einer im Normalfall enorm instabilen Persönlichkeit, deshalb verträgt ja dieses Selbstbild auch keinerlei Erschütterung von außen. Jede Reaktion, jede Handlung im Alltag hat nach bestimmten Mustern zu erfolgen, sonst setzt es Prügel.Weiterlesen »

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Song Text

Noch immer ziehen die Lachse zum Laichen und Sterben den Fluß hinauf, wenn sie morgens um Vier noch bei dir sind, während du an jeder Ecke bist und mir nicht zuhörst am Ende von Berlin, wo ich dich unter meiner Haut trage und dich nicht gehen lassen will und das Geräusch der Stille sich ausbreitet wie ein Krebs, während ich allein im Dunkeln bin und Du nackt und ganz weit oben und nicht gut zu Fuß und du noch immer das Spiel spielst von Herr und Sklavin, während du feststeckst in diesem Moment, aus dem du nicht mehr herauskommst.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ghost of a smile

„Komm jetzt, Einhorn. Wir müssen los.“

Das Fabeltier kommt mit gesenktem Kopf um die Ecke. Seine Hufe hallen ungewöhnlich laut im leeren Flur.

„Wir können doch nicht einfach so gehen. Ich finde das nicht richtig. Sie braucht uns.“

„Für was? Um nichts zu sagen? Für ’ich hätte noch eine ganze Menge Sätze für dich‘, gefolgt von Schweigen bis zum Ende aller Tage? Um uns dann wieder mitzuteilen, wie schlecht es ihr geht und sich sofort wieder zurückzuziehen, wenn wir wieder so unfaßbar idiotisch gewesen sind, uns um sie zu kümmern?“

Ich tätschle dem deprimierten Fabeltier etwas geistesabwesend die Mähne.

„Nein. Die Wahrheit ist schlicht, daß wir außer friends without benefits nie irgendwas von diesem ganzen Mist hatten. Wir gehen gar nicht einfach so. Seit 2,5 Jahren sind wir jetzt geduldig gewesen.“

„Es tut ihr bestimmt leid.“

„Das tut es immer. Oder sie tut so, als tue es das. Und dann ändert sich wie immer nichts. Hörnchen, ich sag“s ungern – aber wir gehen dieser Frau einfach am Arsch vorbei.“

„Wir sind mit ihr verbunden! Schon die ganze Zeit.“

Ich schüttle energisch den Kopf.

„Nein. Diesmal nicht mehr. Ich bin einfach nur enttäuscht, angepißt und es leid. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Aber wir sind nicht mehr in ihrem Kopf. Diesmal fühlt es sich völlig anders an.“

„Du willst einfach aufgeben?“

„Nein. Ich höre einfach auf, mir jemanden vorzustellen, der gar nicht existiert.“Weiterlesen »

Im Freien bluten

Es heißt immer: „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“
Ich stimme dem nicht zu. Ich halte das sogar für vollkommenen Blödsinn. Einige Dinge, die mich nicht umgebracht haben, kamen dem zumindest so nah, daß sie mich beschädigt haben, meine Seele zerkratzt zurückließen. Manche Dinge machten mich nicht stärker, sie schwächten mich, ließen es mir schlechter gehen. Manche Dinge machten mich schlechter. Zumindest für eine Zeit lang.

Doch warum sollte das nicht in Ordnung sein? Kann das nicht einfach auch so gut sein in dem Moment, so, wie es ist?
Warum sollten manche Dinge uns nicht zerbrechen können? Beulen hinterlassen und blutende Wunden und Narben und all das? Was ist dagegen einzuwenden?
Die eigene unverwüstliche Unverletzlichkeit ist nichts weiter als eine Lüge. Sie paßt zum Narrativ einer Gesellschaft, die Menschen nach zwei Wochen Antidepressiva verschreiben möchte, die dann immer noch trauern um jemanden, den sie verloren haben. So sieht es eine Empfehlung des Berufsverbands der Psychiater in den USA vor. Wer nach vierzehn Tagen nicht wieder funktioniert, wird sediert.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ungeküßt

„Sie ist immer so früh wach“, sagt das Fabeltier und glitzert vorwurfsvoll, während wir morgens im Bad versuchen, uns in vorzeigbare Menschen zu verwandeln. Oder in vorzeigbare Einhörner, versteht sich.

„Ja. Weiß ich. Ich verstehe es ja auch nicht. Einfach mal liegen bleiben wäre nicht schlecht. Vor allem, wenn sie ja gar nicht früh raus muß. Kuscheliges Bett und so.“

„Würdest du sie hinterunters Ohr küssen, wenn du gehst?“

„Natürlich würde ich das, du blödes Fabeltier. Immer.“

„Weißt du, was ich gerne mal von ihr hören würde?“

„Die Antwort auf: ’Mir fällt so einiges dir gegenüber ein, aber das ist heute der falsche Tag dafür. Dann fange ich sofort an zu heulen.’ ?“

„Schtimmt. Woher weischt du dasch?“ fragt Einhorn mit der Zahnbürste im Mund.

„Du bist wir. Also ich. Schon vergessen? Ich wüßte gerne mal, was ihr einfiele, gäbe es den richtigen Tag jemals. Sie hat uns das niemals verraten. Sie hat uns so vieles nie verraten. Die ganzen Bilder aus meinem Kopf…“

„Unfferem Kopff…“

„…unserem Kopf, die sie von uns bekommen hat. Und nie kam etwas zurück.“

„Na ja, manchmal schon“, sagt das Einhorn und beginnt, sich die schlafzerzauste Mähne zu kämmen. „Manchmal hat sie schon gesagt, was in ihr so vorgeht.“Weiterlesen »

Feindberührung

Wie lange habe ich Krieg geführt gegen mich selber?
Wie lange war ich davon überzeugt, mit dem nächsten Angriff, der nächsten Attacke, der nächsten brennenden Brücke endlich den Sieg zu erringen?
Ich weiß es nicht. Aber ich schätze, etwa zwei Jahrzehnte. Nimmt man die gelegentlichen Feuerpausen und Waffenruhen hinzu, komme ich auf ein Vierteljahrhundert. Etwas mehr als mein halbes Leben.Weiterlesen »

Die Einhorndialoge: Depressiver Realismus

‚Sie ist schon süß, oder?‘, sagt das Fabeltier zu mir und knufft mich in meiner Depression mit diesem wissendem Blick in die Seite, den ich so sehr hasse, während es genüßlich die letzten Glitzerluftschlangen von Silvester auffrißt. Einhörner sind nämlich Glitzer-Wiederkäuer, das wissen die wenigsten.

‚Das beschreibt es nicht annähernd. Sie war mein Wunder‘, sage ich, ohne mich dabei von der ensetzlichen Fröhlichkeit des Fabeltiers auch nur im geringsten in meiner Embryonalhaltung auf dem Sofa stören zu lassen.

‚Sie ist es also nicht mehr?‘

‚Nein. Nein, ich denke, nicht.‘

‚Sie hat uns aus ihrem Kopf vertrieben, nicht wahr?‘

‚Ich weiß nicht, ob sie das war. Oder er. Aber ja. Wir wohnen da nicht mehr.‘Weiterlesen »

Fröhlichen Weihnachtshaß

Kapitalismus macht seit anderthalb Jahrhunderten mit wachsender Begeisterung und Effektivität nichts anderes, als uns als Menschen Dinge wegzunehmen, sie aus der Gesellschaft herauszuschneiden. Gemeingüter werden privatisiert und diese Privatisierungen mit Gesetzen für legitim erklärt, um so neue Geschäftsfelder zu erschließen, dem Kapitalismus eine weitere Nische zu erlauben, die er plündern kann.
Während der Kapitalismus, die Kommerzialisierung immer größer wird, immer allumfassender, schrumpft die Gesellschaft dahin, verliert an Boden. So wie sie Gemeingüter verliert, verliert sie an Gemeinschaft und somit an Zusammenhalt. Mit den common goods geht common ground verloren, könnte man sagen.

Während unser Wirtschaftsystem immer reicher wird und mit ihm eine immer kleinere Anzahl von Individuen, wird die Gesellschaft als ganzes ärmer. Nicht nur metaphorisch, auch real und finanziell, denn alles, was früher einmal Gemeinschaft war, ist jetzt eine Dienstleistung, ein Service, dargeboten gegen eine geringe Gebühr von ihren Wohlfühlexperten, bitte zahlen sie per Kreditkarte oder Smartphone oder Paypal. Besten Dank.

Das tägliche Leben im kapitalistischen Westen ist Eintönigkeit und Langeweile. Tinder statt Straßencafe oder Tanzabend. Wir programmieren Fräsen und vergessen dabei mehr und mehr, wie sich der Meißel anfühlt in unseren Händen, die Steinsplitter, der Staub. Wir streichen nicht mehr über den Werkstoff selbst mit unseren Händen, fragen den Stein nicht nach seiner Geschichte, seinen möglicherweise eingebauten Fehlern und Makeln. Wir erforschen nicht mehr direkt. Überall schalten wir Vermittler zwischen uns und die Welt.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ungefühlig

„Du könntest sie hinterunters Ohr küssen und ihr was zuflüstern. Damit deine Stimme das letzte ist, was sie hört, bevor ihr Unterbewußtsein mit dem Träumen beginnt“, sagt das Fabeltier zu mir und glitzert dabei fröhlich vor sich hin. Überhaupt war es in den letzten paar Tagen geradezu manisch fröhlich.

„Würde ich tun. Wäre sie hier. Ist sie aber nicht. War sie nie. Wird sie nie sein. Und ihr Unterbewußtsein träumt seltsame Dinge von mir. Zumindest war das mal so. Abgesehen davon haben wir gar keinen Platz mehr in ihrem Kopf. Oder woanders. Falls dir das nicht aufgefallen sein sollte.“

Ich bin nicht manisch fröhlich in den letzten Tagen, wie ich beim Blick in den Spiegel unschwer erkennen kann. Ich stelle fest, daß sich eigentlich an deinem Verhalten nichts geändert hat. Im Grunde hat es das nie wirklich.
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Kopfherbstfarben

Diesmal möchte ich mich selber anbrüllen, mir ins Gesicht schreien, was ich doch für ein leichtgläubiger Idiot war. Das es Unsinn war, auf dich hereinzufallen. Das ich es schon ganz am Anfang bemerkt hatte. Ich habe es sogar schriftlich. Ich habe es dir gesagt und mir eigentlich auch. Aber du hast mich zurückgehalten und ich wollte mir nicht zuhören.
Ich trete schneller in die Pedale. Mehr Geschwindigkeit. Mehr sonnige Herbstluft, die an mir vorbeirauscht. Mehr Rausch in meinem Blut. Schweiß. Herzschlag. Mit zunehmender Geschwindigkeit fahre ich dir davon. Aber es funktioniert nicht sonderlich gut.

Immer wieder tauchst du vor mir auf. Doch das ist gelogen. Du bist in mir drin. In meinem Kopf. Ich werfe dich vor mir auf den Asphalt, auf den Himmel, auf die Weinstöcke in der Landschaft. Wohin immer ich sehe, bist wieder du. Dein verdammtes, angemaltes Puppengesicht, gestylt für deinen Herrn und alle Menschen der Umgebung. Fassadengesicht. Ich würde dieses Gesicht hassen, ich hasse es sogar, das zumindest gelingt mir. Es ist das Wissen um das andere Gesicht darunter, das es mir unmöglich macht, dich zu hassen.Weiterlesen »