Alles von Dir

Mir fehlt immer alles von dir.
Mir fehlt das „Guten Morgen“ und das „Wie geht es dir?“.
Nicht, daß du das jedes Mal erwähnst. Normalerweise neigst du dazu, solche Fragen nicht zu stellen. Wir mögen diese Fragen beide nicht. Denn üblicherweise will darauf nie jemand eine ehrliche Antwort.
Eine Freundin ist tot und man erinnert sich an sie. Ein Haustier womöglich. Ein Ereignis wirft einen aus der Bahn und man spürt das noch Tage später. Oder an Jahrestagen.

Mich jagen immer wieder die verdammten Panikattacken. Dieser scheiß Herzschlag, der plötzlich aus den Tritt geraten will. Dieses Dröhnen von Kriegstrommeln in meinen Ohren, die herankriechende Furcht, die weichen Knie. Obwohl weit und breit nichts zu fürchten ist. Es macht mich fertig. Es nagt an mir und wenn die schlauen Leute mit dem Spruch kommen, ich solle der Fels in der Brandung sein, sehe ich immer endlose Sandstrände vor meinem geistigen Auge. Sand. Das ist es, was Brandung aus Felsen macht. Schönen Gruß, ihr Idioten.Weiterlesen »

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Im Freien bluten

Es heißt immer: „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“
Ich stimme dem nicht zu. Ich halte das sogar für vollkommenen Blödsinn. Einige Dinge, die mich nicht umgebracht haben, kamen dem zumindest so nah, daß sie mich beschädigt haben, meine Seele zerkratzt zurückließen. Manche Dinge machten mich nicht stärker, sie schwächten mich, ließen es mir schlechter gehen. Manche Dinge machten mich schlechter. Zumindest für eine Zeit lang.

Doch warum sollte das nicht in Ordnung sein? Kann das nicht einfach auch so gut sein in dem Moment, so, wie es ist?
Warum sollten manche Dinge uns nicht zerbrechen können? Beulen hinterlassen und blutende Wunden und Narben und all das? Was ist dagegen einzuwenden?
Die eigene unverwüstliche Unverletzlichkeit ist nichts weiter als eine Lüge. Sie paßt zum Narrativ einer Gesellschaft, die Menschen nach zwei Wochen Antidepressiva verschreiben möchte, die dann immer noch trauern um jemanden, den sie verloren haben. So sieht es eine Empfehlung des Berufsverbands der Psychiater in den USA vor. Wer nach vierzehn Tagen nicht wieder funktioniert, wird sediert.Weiterlesen »

Unquiet Earth

Nacht.
Ich liebe die Nacht. Es ist fast das gleiche Gefühl, das ich für dich empfinde. Die Stadt bei Nacht. Diese wunderbare, leere, in sanfte Stille gehüllte Dunkelheit. Kaum menschliche Geräusche. Windrauschen in den Bäumen des Friedhofs. Kein Rauschen des schwachsinnigen Autoverkehrs auf der Straße.
Das Quietschen der Aufhängung der Natriumdampflampe über der großen Kreuzung. Sie saugt den blinkenden Lichtern der Ampelanlage die Farben aus. Silbern glitzernder Nieselregen vor stummen Maschinen, die weiter ihren Dienst verrichten. Ignorant gegenüber ihren angeblichen menschlichen Meistern.
Selbst diese allgegenwärtigen Maschinen scheinen einen Moment Pause zu machen. Durchzuatmen. Wenn sie denn atmen würden.

Leises Zischen meiner Reifen auf dem Asphalt. Wie so oft wünsche ich mir, daß die Stadt nach Sonnenaufgang so still und so für mich verfügbar bliebe, wie sie das unter dem Mantel aus Nacht und Dunkelheit zu sein scheint.
Manchmal stelle ich mir vor, morgens von der Stille geweckt zu werden. Keine Geräusche der Autos. Keine Busse. Kein dröhnender Pulsschlag unserer Maschinenzivilisation, der gerade Menschen zu ihren Arbeitsplätzern spült. In Schulen, Büros, Kaufhäuser, Supermärkte. Kein brummelnder, murmelnder Hintergundlärm, den wir Menschen von uns geben in diesen Ansammlungen, die offiziell „Stadt“ genannt werden.Weiterlesen »

Fröhlichen Weihnachtshaß

Kapitalismus macht seit anderthalb Jahrhunderten mit wachsender Begeisterung und Effektivität nichts anderes, als uns als Menschen Dinge wegzunehmen, sie aus der Gesellschaft herauszuschneiden. Gemeingüter werden privatisiert und diese Privatisierungen mit Gesetzen für legitim erklärt, um so neue Geschäftsfelder zu erschließen, dem Kapitalismus eine weitere Nische zu erlauben, die er plündern kann.
Während der Kapitalismus, die Kommerzialisierung immer größer wird, immer allumfassender, schrumpft die Gesellschaft dahin, verliert an Boden. So wie sie Gemeingüter verliert, verliert sie an Gemeinschaft und somit an Zusammenhalt. Mit den common goods geht common ground verloren, könnte man sagen.

Während unser Wirtschaftsystem immer reicher wird und mit ihm eine immer kleinere Anzahl von Individuen, wird die Gesellschaft als ganzes ärmer. Nicht nur metaphorisch, auch real und finanziell, denn alles, was früher einmal Gemeinschaft war, ist jetzt eine Dienstleistung, ein Service, dargeboten gegen eine geringe Gebühr von ihren Wohlfühlexperten, bitte zahlen sie per Kreditkarte oder Smartphone oder Paypal. Besten Dank.

Das tägliche Leben im kapitalistischen Westen ist Eintönigkeit und Langeweile. Tinder statt Straßencafe oder Tanzabend. Wir programmieren Fräsen und vergessen dabei mehr und mehr, wie sich der Meißel anfühlt in unseren Händen, die Steinsplitter, der Staub. Wir streichen nicht mehr über den Werkstoff selbst mit unseren Händen, fragen den Stein nicht nach seiner Geschichte, seinen möglicherweise eingebauten Fehlern und Makeln. Wir erforschen nicht mehr direkt. Überall schalten wir Vermittler zwischen uns und die Welt.Weiterlesen »

Den Joker ziehen

F41.0 G

Zum ersten Mal in mehr als einem Jahrzehnt steht das auf einem gelben Zettel, den mein Hausarzt unterschreibt. Kein Hexenschuß. Keine grippalen Infekte. Keine normale Erkältung. Kein whatthefuckever. Keine Tarnung diesmal. Kein Schließen der Augen, damit das Monster einen nicht sieht.
Das erste Mal steht da wirklich, was ich ihm und anderen schon lange gesagt habe und was er nie aufgeschrieben hat. Angststörung. Psychogedöns halt.

Wobei ich mich sofort innerlich lachend frage, warum das Angst“störung“ heißt. Ich bin nicht gestört.
Diejenigen, die ich umgeben, diese vollblinden, nullempathischen, digitalisiert betäubten Achtstundenschichtzombies sind es.
Diese angeblich so angstfreien, supertoll funktionierenden Rädchen in der großen Maschine. Die sind es, die eine Störung haben. Mehrere.

Wer keine Angst hat vor der Zukunft, die mit zunehmender Geschwindigkeit auf uns zurollt, muß massiv gestört sein. Wie man das Grollen der Lawine nicht hören kann vor lauter iPod-verstöpselten Ohren, ist mir ein Rätsel. Wie man nicht bemerken kann, wie unserer industrialisierten Supergesellschaft der Boden unter den Füßen bebt, weil das Fundament unserer aktuellen Existenz immer schneller wegbröckelt, kann kein noch so geiler Baß entschuldigen.
Von allen Ecken frißt sich Unheil an uns heran, erodiert die Basis unseres Alltäglichen. Und die Allermeisten dieser humanoiden Gestalten auf der Straße, im Bus, der Innenstadt bemerken davon nichts. Betäubt von RTL und Propaganda für den neuesten Konsummüll laufen alle dieser gigantischen Massenpsychose hinterher, die seit gut sieben Jahrzehnten unsere Welt frißt.Weiterlesen »