Für immer und Dich

Und endlich hatte ich dich gefunden und habe dich nie verloren und trotzdem bist du wieder verschwunden und du warst nie da. Und du wolltest mich nie nie nie verletzen und hast es trotzdem immer wieder getan und hast nie damit aufgehört.
Vielleicht tut es dir sogar tatsächlich leid und du wolltest nichts tun von dem, was du gemacht hast, aber trotzdem macht das die Wunden nicht weniger real, die Narben weniger schmerzhaft, mein Blut weniger rot, die Risse in meiner Seele weniger quälend, die Lücke in meinen Kopf weniger leer. Gewollt zu haben ist eins, gehandelt zu haben das andere.

Du und ich. Der alte Sack und Lolita. Die Schöne und das Biest. Wir wären Jekyll und Hyde. Und außerdem Harold und Maude. Luke Vader und Darth Skywalker. Jeder für sich in einer Person und zusammen erst recht. Wir würden derartig brennen füreinander, daß wir die Sonne überstrahlten. Allerdings bestünde natürlich das Risiko, daß außer Asche von uns nichts übrig bliebe. Wahrscheinlich nicht einmal das. Ich denke, wenn wir schon dabei gewesen wären, hätten wir die Sache dann auch gründlich erledigt. Wir sind beide auf unsere Art nicht für halbe Sachen zu haben. Im Grunde unseres Selbst sind wir beide Extremisten.Weiterlesen »

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Feindberührung

Wie lange habe ich Krieg geführt gegen mich selber?
Wie lange war ich davon überzeugt, mit dem nächsten Angriff, der nächsten Attacke, der nächsten brennenden Brücke endlich den Sieg zu erringen?
Ich weiß es nicht. Aber ich schätze, etwa zwei Jahrzehnte. Nimmt man die gelegentlichen Feuerpausen und Waffenruhen hinzu, komme ich auf ein Vierteljahrhundert. Etwas mehr als mein halbes Leben.Weiterlesen »

Brandrodung

‚Gestern ging es ihnen aber nicht so gut, oder?‘
Alle sagen heute solche Sätze zu mir. Seltsam. Andere Menschen scheinen durchaus empathische Antennen zu haben.

Wobei es schwierig gewesen wäre, in diesem Fall nichts zu bemerken. Dieses Bild mit den geprügelten Striemen auf deiner Rückseite geht mir nicht aus dem Kopf. Irgendwie hat es mich über eine Kante geschubst, von der ich gar nicht wußte, daß sie da ist.
Ich schwimme wie in Öl durch den Tag. Der Lärm eines vorbeifahrenden Zuges bohrt sich mit schriller Gewalt durch meine nebelverhüllten Gedanken. Sofort kocht wieder Wut in mir hoch. Rasende, brennende Wut. Hulk tobt mal wieder durch mein Hirn.

Ich nehme alle anderen um mich herum nicht wirklich wahr. In jeder Unterhaltung muß ich mir immer wieder vorsagen, daß diese Person da, die ihren Mund bewegt, irgendwie echt ist. Das ich auf den Input reagieren muß. Das diese Gestalt überhaupt eine Person ist. Das sie Wirklichkeit besitzt.
Aber es fällt mir schwer, mich davon zu überzeugen. In meiner schwebenden Welt gibt es nur mich. Ich stehe allein im Ladekonstrukt der Matrix.

Die Hälfte des Tages bin ich beschäftigt damit, nicht in Tränen auszubrechen. Ich befürchte, es würde nicht dabei bleiben. Das ich anfangen könnte zu schreien. Wild um mich zu schlagen. Dieser Drang, etwas zu zertrümmern, ist ohnehin kaum zu ertragen.
Und gerade bin ich umgeben von Dingen, die recht zerbrechlich sind. Sie würden alle wunderbar zersplittern. Während mein Geist die Flugbahnen der Splitter berechnet, würden meine Arme weitere Dinge zerstören. Was für ein wunderbarer Gedanke.
Mein Kopfkino zeigt mich, übersät mit Schnittwunden, in einem Meer aus zertrümmerten Chaos. Überall glitzerndes Glas und blutiger Dunst auf anklagenden Splittern. Ich beginne hysterisch zu lachen. Ich kann nicht mehr aufhören damit.

Alle Versuche der anderen, mit dem Ding in mir Kontakt aufzunehmen, werden im Ansatz vernichtet. Ich strahle Unnahbarkeit und Kälte aus, die eine Sicherheitszone um mich erschafft. Die Tatsache, daß du mir tatsächlich fehlst, brennt Löcher in meine Seele.
Eingehüllt in meinen Schleier aus Düsternis brülle ich meinen Schmerz auf Papier, fresse dein letztes Bild in mich hinein, überziehe mich von innen mit einer Schicht aus Asche. Mein Kopf füllt sich mehr und mehr mit diesem widerwärtigen, bitteren Geschmack verbrannter Gefühle. Zug um Zug lege ich Feuer an jede Erinnerung, die dich enthält.

Fütterungszeit

Gestern aufgewacht und mein erster Gedanke warst du. Schon wieder. Immer noch. Heute dasselbe. In den letzten drei Tagen habe ich mich allein fünf Dutzend mal überreden müssen, nichts zu sagen. Kein Wort. Kein Bild. Zwanzigmal überlegt, ob ich dich nicht schlicht wegblocken soll. Aber das bringt nichts. Nichts blockt dich aus meinen Gedanken. Hau ab aus meinem Kopf.Weiterlesen »

Unperson

Ich weiß noch immer nicht, ob du all das extra machst. Ich habe es nie wirklich herausgefunden.
Du erzählst etwas von Herzrasen und Schwindel. Ich will es nicht, aber mache mir in diesem Moment schon wieder einmal Sorgen um dich. Schließlich sprechen diese Anzeichen nicht für einen ausgewogenen Gesundheitszustand. Ich habe mir so oft Sorgen um dich gemacht.

Etwas später stellt sich heraus, daß du mit einer Blasenentzündung rumläufst. Erst ganz nebenher erfahre ich dann die Geschichte dazu von dir. Herrchen hatte dich angewiesen, dich auf dem Golfplatz mal nackt auszuziehen, auf dem Rasen stehenzubleiben und die Klappe zu halten. Morgens um Sechs ist das eine kühle Angelegenheit. Unterwäsche trägst du ja ohnehin nicht auf seine Anweisung hin. Irgendwann, ganz zu Beginn, hattest du mir gesagt, daß du keine tragen würdest im Sommer.

Aber ich weiß längst nicht mehr, welche Aussagen von dir den Anweisungen deiner Sklavenhalter entspringen, welche deinen Wunschträumen und welche schlicht und einfach gelogen sind, weil du glaubst, dein Gegenüber möchte jetzt gerade genau das hören.

„Ein Golfplatz ist öffentliches Gelände“, sage ich.
„Ach, da ist morgens niemand“, sagst du mit fröhlicher Beiläufigkeit.

Von mir wolltest du dich in der Öffentlichkeit nicht einmal küssen lassen. Das wäre mit einer Art offiziellem Gefühlsbekenntnis verbunden. Auch der Gedanke an Sex in der Öffentlichkeit war dir nicht geheuer. Ich bin mir sicher, wenn es dir nur befohlen wird, wären all diese Dinge nicht das geringste Hindernis für dich. Gehorsames Sexmaschinchen, das du bist, würdest du jeden Wunsch erfüllen, klaglos funktionierend.

Das Ausmaß deiner Versklavung war mir nie so bewußt wie bei diesen Sätzen. Stundenlang gehst du nicht aufs Klo, weil er es dir befiehlt. Genau wie diese Geschichte mit dem völlig Fremden, an den du verliehen wirst und der dich grün und blau schlägt, erfahre ich das alles nebenbei. Beiläufig hingeworfene Schrapnelle, die mich jedesmal zerfetzen.Weiterlesen »

Geist und Fleisch

Seit vorletzter Woche überlege ich jeden Tag, ob ich dir dieses verdammte Bild schicken soll. Audrey Hepburn für die Wand, mit einer Szene aus „Breakfast at Tiffany’s“.
Eigentlich will ich es, seitdem ich es das erste Mal gesehen habe. Es ist wie Du. Nur wollte ich dich, seitdem ich dich das erste Mal gehört habe. Seitdem du wie beiläufig erwähnt hast, daß Du deine Gedanken wieder öfter um Selbstmord kreisen läßt in deinem Kopf, mache ich mir darüber Sorgen. Jeden Tag fällt mir dieser Satz ein. Aber warum mache ich mir immer noch Sorgen?
Ständig stolpere ich über Dinge, bei denen ich an dich denken muß.

Du hast keinen Platz für mich und willst das auch nicht. Du beklagst dich über fehlendes Gefühl und einen Mangel an Empathie. Aber wenn ich dir meine schenken will oder dir meine Gefühle entgegenhalte, willst du davon nichts wissen.

Noch immer sagst Du nichts. Du redest mit mir, aber Du sagst nichts. Über alltägliche Dinge kommen wir nicht hinaus. Und wenn doch mal irgendwas mit deiner Gefühlswelt vorkommt, ist es unmittelbar mit seinem Namen verbunden. Ich kann diesen Mist nicht mehr ertragen. Aber mit ihm sprichst du ja auch nicht. Wenn dir gesagt wirst, du solltest ihm jetzt mal vertrauen, dann tust Du das. Du folgst den Anweisungen deines Herrn. Ich bin es, der deinen Frust über dich hinterher wieder abkriegt.Weiterlesen »

Einhorns Wort zur Weihnacht

Ihr Menschen dort draußen: Seid nicht einfach traurig oder geschockt oder ängstlich. Seid nicht wortlos oder in Schweigen erstarrt.
Redet darüber. Sprecht darüber mit anderen Menschen. Mit allen anderen Menschen. In der Kneipe. Im Stadtpark. Auf einem Spaziergang im Wald. Beim Niederlegen von Blumen an irgendeinem verdammten Absperrgitter.

Aber schweigt nicht. Redet auch nicht nur. Hört euch zu. Freßt es nicht hinein in eure Köpfe, eure Herzen, in einem ebenso schädlichen wie sinnlosen Versuch, ungerührt zu wirken. Einfach weiter zu funktionieren in unserer oft recht kalten und sich so unerschütterlich gebenden Gesellschaft.Weiterlesen »

Mitternachtsvorstellung

Geisterstunde. In meinem Kopf murmeln und flüstern wieder einmal ganz viele Stimmen. Und sie sind alle deine.

Ich weiß nicht, was ihr noch angestellt habt nach dem Film heute abend. Oder beim Film. Aber diese eine andere Stimme in meinem Kopf sagt mir gerade, daß das Schicksal ein Arschloch ist und das ich es sehr hassen sollte. Was ich tue, denn es ist meine Stimme, die das sagt. Ich weiß genau, was ich noch mit dir getan hätte an so einem Abend. Meine Vorstellung ist da gnadenlos.

Wie du gemeinsam mit mir auf dem Sofa liegst und deinen Kopf auf meine Brust gelegt hast. Wie mein Arm um dich liegt und ich nicht aufhören kann damit anzufangen, dich immer wieder zu streicheln. Die warme Haut deines Halses, deines Nackens, deiner Arme unter meinen Fingerspitzen, meinen Händen. Die Querlinien deiner Narben an deinem linken Unterarm. Für die du dich immer so schämst, wenn ich sie berühre.
Wie du mir näher kommst und versuchst, in mich hineinzukriechen. Weil du dich verstecken willst, während ich deinen Arm an meine Lippen ziehe. Ich berühre diese Narben, diese Spuren deines Schmerzes und küsse sie. Sanft. Ganz leicht. Dein Kopf zittert an meiner Brust. Du schämst dich. Ich nage leicht an deinem Handgelenk und streichle deinen Kopf. Du atmest tiefer. Es ist demütigend für dich. Denn jede Narbe ist ein Schnitt und jeder Schnitt ist ein Symbol des Versagens für dich.Weiterlesen »

Die Sache mit Hund

Du bist so fürchterlich traurig. Ich kenne dich erst seit fünf Tagen, aber das Bild ist für mich nicht zu ertragen. Du umklammerst einen riesigen Bären. Ein Kuscheltier. Ein Geschenk von deinem Ex. Du wartest in diesem Moment darauf, daß die Frau ihn abholt, die das plüschige Monster von dir gekauft hat.
Du hast mir inzwischen erzählt, was dieser „Freund“ dir angetan hat. Drei Jahre lang. Immer wieder. Bei späteren Überlegungen wird mir klar werden, das dich das auf einen Kurs geschickt hat, den du noch heute verfolgst.

Aber im Moment schaue ich nur auf dieses Bild. Diese riesigen, traurigen Augen von dir. Und ich höre deine Stimme, denn wir telefonieren. Wir haben in diesen ersten paar Tagen bereits einen riesigen Haufen an Telefonkosten produziert.
Besonders ich, denn normalerweise rufe ich fast niemanden an. In meinem Leben ist sonst niemand, den ich anrufen würde. Schon gar nicht täglich. Ständig. Immer.
Ich habe in den letzten paar Tagen öfter eine Telefonnummer getippt als in den letzten zwei Jahren zusammen, schätze ich. Es war immer deine.
Jedesmal, wenn es klingelt und du dran bist und jedesmal, wenn ich dich anrufe, wird mir mit unglaublicher Klarheit bewußt, in was für einer Einöde aus Einsamkeit ich eigentlich feststecke. Seit damals. Seit meiner Ex. Seit diesem Jahr, in dem mein Leben irgendwie einen Riß bekommen hat, in den ich hineingefallen bin.

Dieses Bild von dir, auf dem du den Stoffbären umarmst und Tränen in den Augen hast, läßt zum ersten Mal glasklar den Gedanken durch meinen Kopf zucken, daß ich dich besuchen muß. Wir hatten das schon am zweiten Tag beschlossen. Zumindest so etwas Ähnliches. Noch während wir übereinander stolpern und die Treppe hinunterstürzen, sind wir uns beide einig darin, daß Telefongespräche nicht genug sein werden für uns. Am Abend dieses Tages werde ich Klamotten in meine Reisetasche werfen und die Reise zu dir antreten. Diese eine echte Reise, die ich zu dir machen werde. Gemacht habe.Weiterlesen »

Ferngespräche mit Drachen

Eine Forscherin läuft durch Schmelzwassertümpel in der kanadischen Arktis. Sie erklärt, daß es sich hier um aufgetauten Permafrost handelt, daß die kleinen Teiche voll sind mit Mikroorganismen, die wiederum jede Menge Methan freisetzen. Ein weiteres Klimagas, das wesentlich potenter ist als das gute alte Kohlendioxid, das immer solche Schlagzeilen macht.
Es schüttelt mich wieder einmal. Alleine der Gedanke, daß Permafrost einfach großflächig taut, läßt meinen Kopf nach unten sinken, lädt eine Last auf meine Schultern, die mich zu erdrücken droht, mir Angst ins Gesicht schreibt. Es ist einer dieser Momente, in denen ich den Schmerz der Welt spüren kann, die wir gerade vernichten.

Es ist derselbe Zustand, in dem ich auf deinem Sofa gesessen habe, damals, vor gut sieben Monaten. Vor ein paar Tagen erst waren wir übereinander gestolpert. Du bloggst. Ich schreibe einen Kommentar. Du antwortest. Wir tauschen Anfragen aus, um die beginnende Unterhaltung hinter den Kulissen weiterzuführen.
Ich bin erstaunt, daß Du überhaupt antwortest. Meinem Profil läßt sich deutlich entnehmen, welcher Altersklasse ich angehöre. Du antwortest mir, weil ich ,,junge Frau“ zu dir gesagt habe. Oder besser, geschrieben. Du schlußfolgerst mein Alter allerdings aus dem, was ich bisher von mir gegeben habe, statt es einfach mal nachzuschlagen.

Sehr schnell driftet unsere Unterhaltung in den persönlichen Bereich. Ich erzähle dir in groben Zügen meine Geschichte. Zumindest die der letzten zehn Jahre. Eigentlich schreiben wir über das Schreiben. Du willst es benutzen, um Dinge über dich herauszufinden. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. In Wirklichkeit willst du schreiben, weil dich etwas quält. In deinem Inneren befinden sich viele dunkle Gänge und verschlossene Türen, wie ich sehr bald feststelle. Hinter diesen Türen wohnt etwas.
Ich werde leidenschaftlich, denn ich habe eine leidenschaftliche Meinung zu Büchern. Zum Schreiben an sich. Zu Worten und ihrer Bedeutung. Ich habe eine deutliche Meinung zu dem, was du tun solltest. Ich weiß nicht, warum ich dir das alles erzähle. Weil ich es will? Weil ich es muß? Weil du es bist?
Aus völlig unerklärlichen Gründen habe ich innerhalb von Minuten beschlossen, dir zu vertrauen. Es wird sich als folgenschwerer Fehler erweisen.Weiterlesen »