Im Freien bluten

Es heißt immer: „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“
Ich stimme dem nicht zu. Ich halte das sogar für vollkommenen Blödsinn. Einige Dinge, die mich nicht umgebracht haben, kamen dem zumindest so nah, daß sie mich beschädigt haben, meine Seele zerkratzt zurückließen. Manche Dinge machten mich nicht stärker, sie schwächten mich, ließen es mir schlechter gehen. Manche Dinge machten mich schlechter. Zumindest für eine Zeit lang.

Doch warum sollte das nicht in Ordnung sein? Kann das nicht einfach auch so gut sein in dem Moment, so, wie es ist?
Warum sollten manche Dinge uns nicht zerbrechen können? Beulen hinterlassen und blutende Wunden und Narben und all das? Was ist dagegen einzuwenden?
Die eigene unverwüstliche Unverletzlichkeit ist nichts weiter als eine Lüge. Sie paßt zum Narrativ einer Gesellschaft, die Menschen nach zwei Wochen Antidepressiva verschreiben möchte, die dann immer noch trauern um jemanden, den sie verloren haben. So sieht es eine Empfehlung des Berufsverbands der Psychiater in den USA vor. Wer nach vierzehn Tagen nicht wieder funktioniert, wird sediert.Weiterlesen »

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Feindberührung

Wie lange habe ich Krieg geführt gegen mich selber?
Wie lange war ich davon überzeugt, mit dem nächsten Angriff, der nächsten Attacke, der nächsten brennenden Brücke endlich den Sieg zu erringen?
Ich weiß es nicht. Aber ich schätze, etwa zwei Jahrzehnte. Nimmt man die gelegentlichen Feuerpausen und Waffenruhen hinzu, komme ich auf ein Vierteljahrhundert. Etwas mehr als mein halbes Leben.Weiterlesen »

Brandrodung

‚Gestern ging es ihnen aber nicht so gut, oder?‘
Alle sagen heute solche Sätze zu mir. Seltsam. Andere Menschen scheinen durchaus empathische Antennen zu haben.

Wobei es schwierig gewesen wäre, in diesem Fall nichts zu bemerken. Dieses Bild mit den geprügelten Striemen auf deiner Rückseite geht mir nicht aus dem Kopf. Irgendwie hat es mich über eine Kante geschubst, von der ich gar nicht wußte, daß sie da ist.
Ich schwimme wie in Öl durch den Tag. Der Lärm eines vorbeifahrenden Zuges bohrt sich mit schriller Gewalt durch meine nebelverhüllten Gedanken. Sofort kocht wieder Wut in mir hoch. Rasende, brennende Wut. Hulk tobt mal wieder durch mein Hirn.

Ich nehme alle anderen um mich herum nicht wirklich wahr. In jeder Unterhaltung muß ich mir immer wieder vorsagen, daß diese Person da, die ihren Mund bewegt, irgendwie echt ist. Das ich auf den Input reagieren muß. Das diese Gestalt überhaupt eine Person ist. Das sie Wirklichkeit besitzt.
Aber es fällt mir schwer, mich davon zu überzeugen. In meiner schwebenden Welt gibt es nur mich. Ich stehe allein im Ladekonstrukt der Matrix.

Die Hälfte des Tages bin ich beschäftigt damit, nicht in Tränen auszubrechen. Ich befürchte, es würde nicht dabei bleiben. Das ich anfangen könnte zu schreien. Wild um mich zu schlagen. Dieser Drang, etwas zu zertrümmern, ist ohnehin kaum zu ertragen.
Und gerade bin ich umgeben von Dingen, die recht zerbrechlich sind. Sie würden alle wunderbar zersplittern. Während mein Geist die Flugbahnen der Splitter berechnet, würden meine Arme weitere Dinge zerstören. Was für ein wunderbarer Gedanke.
Mein Kopfkino zeigt mich, übersät mit Schnittwunden, in einem Meer aus zertrümmerten Chaos. Überall glitzerndes Glas und blutiger Dunst auf anklagenden Splittern. Ich beginne hysterisch zu lachen. Ich kann nicht mehr aufhören damit.

Alle Versuche der anderen, mit dem Ding in mir Kontakt aufzunehmen, werden im Ansatz vernichtet. Ich strahle Unnahbarkeit und Kälte aus, die eine Sicherheitszone um mich erschafft. Die Tatsache, daß du mir tatsächlich fehlst, brennt Löcher in meine Seele.
Eingehüllt in meinen Schleier aus Düsternis brülle ich meinen Schmerz auf Papier, fresse dein letztes Bild in mich hinein, überziehe mich von innen mit einer Schicht aus Asche. Mein Kopf füllt sich mehr und mehr mit diesem widerwärtigen, bitteren Geschmack verbrannter Gefühle. Zug um Zug lege ich Feuer an jede Erinnerung, die dich enthält.

Die Einhorn-Dialoge: Kurt-Cobain-Horn

„Schick es ihr nicht“, sage ich zum Einhorn und blicke kurz von meiner Aufmunterungslektüre auf.

„Warum nicht?“ fragt das Fabeltier und zuckt dabei schuldbewußt zusammen. Denn eigentlich hat es in meinem Facebook-Account nichts verloren. Andererseits ist es etwas schwierig, das Passwort vor ihm geheim zu halten.

„Weil sie das dann sieht. Und womöglich drauf antwortet.“

„Sie wäre aber total neidisch. Ach was, ausrasten würde sie.“

„Sie würde vermutlich sagen: ‚Ich hasse dich.‘ „Und womöglich…“ – für einen Moment halte ich inne, von der Vorstellung schmerzhaft berührt – „…womöglich würde sie lächeln und sich freuen.“

„Ja. Wäre das nicht toll?“, antwortet das Einhorn und sieht mich an. Es sieht etwas zersaust aus in den letzten Wochen.. Immer wieder erleidet es Traueranfälle, die dann von manischen Episoden abgelöst werden.

„Nein. Wäre es nicht. Du willst nur einen Aufhänger haben, um was zu ihr zu sagen. Laß das!“

„Aber…“ sagt das Fabeltier und senkt seinen Kopf trübselig zu Boden…“aber irgendwie ist die Welt ohne sie..“

„…anders. Aber insgesamt ist sie eigentlich genau so, wie sie mal war. Früher. Bevor ich über sie gestolpert bin. Oder wir übereinander. Der einzige Unterschied ist, daß ich heute weiß, daß es sie gibt. Aber das ignorieren wir einfach mal.“

„Das habe ich ja versucht. Aber ich vermisse sie. Sie fehlt mir so sehr.“

„Aber du ihr nicht. Und ich auch nicht. Sie hat nichts gesagt oder getan, das diese Schlußfolgerung auch nur annähernd rechtfertigen würde.“Weiterlesen »

Fütterungszeit

Gestern aufgewacht und mein erster Gedanke warst du. Schon wieder. Immer noch. Heute dasselbe. In den letzten drei Tagen habe ich mich allein fünf Dutzend mal überreden müssen, nichts zu sagen. Kein Wort. Kein Bild. Zwanzigmal überlegt, ob ich dich nicht schlicht wegblocken soll. Aber das bringt nichts. Nichts blockt dich aus meinen Gedanken. Hau ab aus meinem Kopf.Weiterlesen »

Unperson

Ich weiß noch immer nicht, ob du all das extra machst. Ich habe es nie wirklich herausgefunden.
Du erzählst etwas von Herzrasen und Schwindel. Ich will es nicht, aber mache mir in diesem Moment schon wieder einmal Sorgen um dich. Schließlich sprechen diese Anzeichen nicht für einen ausgewogenen Gesundheitszustand. Ich habe mir so oft Sorgen um dich gemacht.

Etwas später stellt sich heraus, daß du mit einer Blasenentzündung rumläufst. Erst ganz nebenher erfahre ich dann die Geschichte dazu von dir. Herrchen hatte dich angewiesen, dich auf dem Golfplatz mal nackt auszuziehen, auf dem Rasen stehenzubleiben und die Klappe zu halten. Morgens um Sechs ist das eine kühle Angelegenheit. Unterwäsche trägst du ja ohnehin nicht auf seine Anweisung hin. Irgendwann, ganz zu Beginn, hattest du mir gesagt, daß du keine tragen würdest im Sommer.

Aber ich weiß längst nicht mehr, welche Aussagen von dir den Anweisungen deiner Sklavenhalter entspringen, welche deinen Wunschträumen und welche schlicht und einfach gelogen sind, weil du glaubst, dein Gegenüber möchte jetzt gerade genau das hören.

„Ein Golfplatz ist öffentliches Gelände“, sage ich.
„Ach, da ist morgens niemand“, sagst du mit fröhlicher Beiläufigkeit.

Von mir wolltest du dich in der Öffentlichkeit nicht einmal küssen lassen. Das wäre mit einer Art offiziellem Gefühlsbekenntnis verbunden. Auch der Gedanke an Sex in der Öffentlichkeit war dir nicht geheuer. Ich bin mir sicher, wenn es dir nur befohlen wird, wären all diese Dinge nicht das geringste Hindernis für dich. Gehorsames Sexmaschinchen, das du bist, würdest du jeden Wunsch erfüllen, klaglos funktionierend.

Das Ausmaß deiner Versklavung war mir nie so bewußt wie bei diesen Sätzen. Stundenlang gehst du nicht aufs Klo, weil er es dir befiehlt. Genau wie diese Geschichte mit dem völlig Fremden, an den du verliehen wirst und der dich grün und blau schlägt, erfahre ich das alles nebenbei. Beiläufig hingeworfene Schrapnelle, die mich jedesmal zerfetzen.Weiterlesen »

Kokon aus Dunkelheit

Du ziehst zu ihm. In dem Moment, in dem Du sagst, er würde sich bei diesen Dingen ja nicht einmischen, ist mir völlig klar, daß du zu ihm ziehen wirst. Nachdem du ja gerade erst in deiner Stadt in eine neue Wohnung gezogen bist. Mein erster Gedanke ist Furcht. Panische Angst. Nicht für mich. Um dich.
Dieser andere Kerl wird dich endgültig und vollständig von sich abhängig machen. Er wird dich an andere Männer „verleihen“, denn er sieht gerne zu. Du wirst all das mit dir machen lassen. „Für meinen Herrn tue ich alles“. So hast du es ja einmal formuliert. Ich phantasiere das nicht. Du selbst hast mir beschrieben, wie das so abläuft. Mehr als einmal. Es gibt sogar verschiedene Codes für diesen Scheiß in einschlägigen Foren.

Die Frau, die ich einmal geliebt habe, existiert nicht länger. Sie ist ausgelöscht worden in einem Akt der Selbstauflösung, des geistigen Vampirismus, den du mit Liebe und Hingabe verwechselst.
Ich fühle, wie mein Inneres zerbricht, während ich das schreibe. Erstaunlich, wie sehr ich gehofft hatte, irgendwann doch noch mal etwas von dir zu hören. Etwas Positives, aus dem ich entnehmen kann, daß es dir besser geht. Das deine beiden Seiten jetzt besser miteinander klarkommen. Aber eingeschlossen in diesen hermetischen Kokon aus Unterwerfung, in den du dich begibst, wird das nicht passieren.

Eines meiner Gedankenbilder, das ich dir mehr als einmal gezeigt habe, war es, wie du auf diesem verdammten flauschigen Riesenhund liegst, den ich dir geschenkt hatte. Bäuchlings und nackt. Wie das Bild deine Beine zeigt, diesen prachtvollen Arsch und alles andere auch. Wenn ich mir vorstelle, daß dieses Bild womöglich für diesen anderen Kerl wahr wird oder einen, der dir gerade „zugewiesen“ ist, möchte ich kotzen. Du sagtest mir einmal, daß er dich auch mit Zärtlichkeit dominiert. Ein Gedanke, den ich dir überhaupt erst beigebracht habe. Aber ich traue diesem Mann nicht. Ich hasse ihn. Ich hasse dich, weil du ihm die Belohnung für meine Anstrengungen bist.Weiterlesen »

Mitternachtsvorstellung

Geisterstunde. In meinem Kopf murmeln und flüstern wieder einmal ganz viele Stimmen. Und sie sind alle deine.

Ich weiß nicht, was ihr noch angestellt habt nach dem Film heute abend. Oder beim Film. Aber diese eine andere Stimme in meinem Kopf sagt mir gerade, daß das Schicksal ein Arschloch ist und das ich es sehr hassen sollte. Was ich tue, denn es ist meine Stimme, die das sagt. Ich weiß genau, was ich noch mit dir getan hätte an so einem Abend. Meine Vorstellung ist da gnadenlos.

Wie du gemeinsam mit mir auf dem Sofa liegst und deinen Kopf auf meine Brust gelegt hast. Wie mein Arm um dich liegt und ich nicht aufhören kann damit anzufangen, dich immer wieder zu streicheln. Die warme Haut deines Halses, deines Nackens, deiner Arme unter meinen Fingerspitzen, meinen Händen. Die Querlinien deiner Narben an deinem linken Unterarm. Für die du dich immer so schämst, wenn ich sie berühre.
Wie du mir näher kommst und versuchst, in mich hineinzukriechen. Weil du dich verstecken willst, während ich deinen Arm an meine Lippen ziehe. Ich berühre diese Narben, diese Spuren deines Schmerzes und küsse sie. Sanft. Ganz leicht. Dein Kopf zittert an meiner Brust. Du schämst dich. Ich nage leicht an deinem Handgelenk und streichle deinen Kopf. Du atmest tiefer. Es ist demütigend für dich. Denn jede Narbe ist ein Schnitt und jeder Schnitt ist ein Symbol des Versagens für dich.Weiterlesen »

Schlußakkord

Sonnenaufgang. Die verdammte Scheißtaube im Garten des Nachbarn gurrt mit Industrielautstärke in ihrem Baum rum. Das Licht des heller werdenden Horizonts sickert durch die Scheibe meiner Balkontür ins Schlafzimmer, jedes Photon genau auf meine geschlossenen Augen gezielt.
Seit einer Stunde oder so drehe ich mich von links nach recht und zurück. Gefühlt die ganze Nacht. Ich habe geschlafen. Glaube ich jedenfalls.

Aber hinter meinen Augen, in diesem irren, ruhelosen Gehirn von mir, laufen immer wieder dieselben Bilder ab. Immer neue Sequenzen an Sätzen tauchen in meinem Kopf auf. Ich kann nicht aufhören zu denken über das, was passiert ist. Es ist fast so, als hätte mich etwas emotional erschüttert. Ich lache kurz auf, als mein Gehirn mit diesen Satz in die Stirn ballert. Es ist ein kurzes Lachen. Zynisch und bitter. Aber macht nichts, es hört ja niemand außer mir.

Ich verfluche die Taube, stelle mir ein letztes Mal vor, wie ein klitzekleines Geschoß aus der Luftpistole das Drecksvieh in einen Ball blutiger Federn explodieren läßt. Sehr befriedigender Gedanke.
Im Wohnzimmer malt der aufgehende Zentralstern dunkleoranges Licht an die Wände. Scheint ein schöner Tag zu werden. Tag Null. Oder Tag Eins, wie man es nimmt.
Heute ist der Tag, an dem ich endgültig beginne, dich aus meinem Inneren zu streichen. Ich impfe mich mit Haß, um jede verdammte Zelle in mir zu erwischen, in der du gespeichert bist. Eine Art emotionaler Chemotherapie. Allerdings sind es ziemlich viele Zellen. Der Krebs ist weit fortgeschritten.

Der weitere Text enthält durchaus heftige Worte und ist für Personen unter 18 nicht geeignet. Es wird keine weitere Warnung geben.Weiterlesen »

Nightfall

Ich sitze am Ufer und sehe auf den Fluß hinaus. An diesem prächtigen Sommertag glitzert das Sonnenlicht auf dem Wasser. Die Strömung formt daraus eine Oberfläche aus flüssigem Glas und zerbricht das Leuchten in ein Universum aus unzähligen Billionen Sonnen.
Ich atme tief, trinke die Luft in mich hinein, spüre den Molekülen des Sauerstoffs nach, der sich in meinem Blut verteilt. Wie so oft in letzter Zeit versuche ich, die Dunkelheit in meinem Innern zu beruhigen. Dieses dunkle Meer voller seltsamer, abstoßender Dinge, das sich in meinen persönlichen Tiefen befindet.
Dieses wunderbare, kalte, schwarze Glühen in mir, angefüllt mit faszinierenden Versprechen, das sich immer wieder einen Weg nach oben bahnen möchte. Es brodelt und schäumt so dicht unter meiner offiziellen Oberfläche wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.

Es fesselt mich ebensosehr wie mich das Glitzern auf dem Wasser fokussiert.
Ich sehe weiße Rosenblätter hinter meinen geschlossenen Augen, die sich rot färben von aufgesaugtem Blut. Ich kann ihren Duft riechen. Ich spüre den Geschmack des Blutes auf meiner Zunge. Heißes, rostiges Metall.
Ich sehe dein Gesicht überall. Im Glitzern auf dem Wasser. In den Wolken, die sich am Himmel über mir bewegen. In der Form der Blütenblätter, die leise raschelnd durch meinen Geist wehen, langsam vertrocknend. Ich stehe am Rand eines gigantischen Abgrunds in meiner Seele und sehe das Glühen der Dunkelheit tief unter mir. Ich kann sie rufen hören. Kriegslärm ertönt in meinem Geist. Getrampel von Hufen hinter meiner Stirn. Das Klirren von Waffen.Weiterlesen »