Liebe als Erklärung

Ich habe dich im ganzen Leben real nur einige Stunden erleben dürfen. Trotzdem sagtest du einmal, daß ich dich besser kenne als du dich selbst. Wie konnte es mir passieren, daß ich über dich stolpere, digital und virtuell statt real und physisch, und mich sofort in das interessanteste Gespräch mit dem interessantesten Menschen verwickelt sah, das ich seit ziemlich genau 1996 geführt hatte?
Ich sollte längst alt genug sein, um darauf zu achten, wo ich hintrete. Ich bin nämlich auch alt genug, um einen Sturz schlimme Folgen haben zu lassen.Du bist nicht nur widersprüchlich. Du bist ein einziges Durcheinander.
Auf die Frage, wie du dich fühlst, reagierst du nicht verständnisvoller als Mr. Spock in der berühmten Star Trek-Szene. Empfindungen zu erfragen wird von dir üblicherweise mit einem tiefen Brunnen des Schweigens beantwortet.

Dann ist diese andere Frau. Ich denke, es war die, mit der ich damals sprach. Sie ist hingebungsvoll. Romantisch. Manchmal neigt sie sogar ein wenig zum Kitsch. Sie ist anhänglich und geradezu süchtig nach Zuneigung. Danach, daß jemand Interesse an ihr zeigt. Sie ist fest davon überzeugt, daß sich die meisten Dinge im Universum um sie drehen und das so auch seine Richtigkeit hat. Sie ist auch die Person, die all das vehement abstreiten würde, falls sie nicht schon bei der Andeutung von romantischem Kitsch, also persönlichen Gefühlen, in allergische Niesanfälle verfiele.Weiterlesen »

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Dämmerung

All das, worin ich mich jeden Tag bewege, was ich jeden Tag wahrnehme, was mich schon immer als normal umgeben hat in meinem Leben – all das ist nichts weiter als eine wahnsinnig gewordene Massenpsychose. Das angebliche reale Leben ist nichts anderes als eine Traumwelt. Oder womöglich eine Albtraumwelt. Ich bin umgeben vom Zombies, die schlicht noch nicht begriffen haben, das sie welche sind.

Aber der Schläfer ist unruhig. Er wälzt sich hin und her in seinem Schlaf, während er im Traum durch Labyrinthe hetzt, in denen sich die Wände verschieben und die Gänge hinter ihm verschließen. Immer weniger Optionen bleiben zurück und keine von ihnen ist gut oder verspricht eine bessere Zukunft. Und irgendwo in all diesen verschlungenen Gängen hausen Ungeheuer. Der Schläfer sieht sie nicht. Aber er kann sie hören. Sie riechen. Sie spüren.

Immer öfter betreten wir eine Weggabelung, einen Platz, von dem weitere dunkle Gänge abzweigen, und haben diesess unbestimmte Gefühl, einen Raum zu betreten, in dem gerade eben noch jemand war. Oder ein Etwas. Wir schaudern im Schlaf und wenden uns ab, laufen gehetzt in den nächsten Gang. Sackgassen voller Monster.

Unsere albträumende Traumwelt, diese Manifestation eines fundamentalen Mißverständnisses über die Natur der Welt und unserer Rolle in ihr, sie wird sich auflösen. Sie tut es bereits. Immer öfter zerreißen die Nebelschleier unserer Selbstzufriedenheit und was wir durch die Fetzen erkennen können, sind keinesfalls die verheißungsvollen Ufer von Avalon. Die schroffen Küsten, auf die wir zutreiben, sind voller Blut und Knochen und Verzweiflung. Das ist nicht das bessere, das strahlendere Morgen, das unsere ökonomischen und politischen Demagogen uns immer versprochen haben.
Dies ist das Land, in dem alle Lügen enden. Dies ist das Land der Konsequenzen unserers Handelns. Oder unseres Nicht-Handelns. Es ist nicht das Land der Füllhörner. Nur die Wüste der Wahrheiten, die immer geleugnet wurden.

Der Schlafende muß erwachen. Bald, sehr bald, wird es soweit sein.

Entfernte Fremde

Dieses seltsame Gewimmel von Menschen dort unten. Das Hin und Her auf den Bahnsteigen erweckt von hier oben, von der Brücke, den Eindruck eines Ameisenhaufens. Nur nicht so organisiert.
Während nur ein paar Meter von mir entfernt die Kraft durch die Drähte brummt, die unsere Zivilisation antreibt, die Volts und Amperes die riesigen Metallmassen über die Metallschienen beschleunigen, bin ich wesentlich weiter von diesem Punktegewimmel entfernt als nur diese wenigen Meter.

Ich gehöre gar nicht zu denen. Das da unten ist überhaupt keine Zivilisation. Es ist nicht meine Spezies, die da mit Koffern beladen durch die Gegend taumelt und nicht einmal in der Lage ist, in einen Zug einzusteigen, ohne dabei die Hälfte der dafür angebotenen Möglichkeiten gar nicht zu benutzen. Stattdessen stehen diese seltsamen Wesen in großen Knäueln vor irgendwelchen Türen und werden jede Sekunde ungeduldiger, weil es nicht vorwärts geht.

Ich bin ein Fremder in einem fremden Land. Ein Alien. Ein Marsianer. Was auch immer. Jedenfalls empfinde ich mit diesen seltsam unkontrollierten Säugetieren dort unten keine Verwandtschaft.
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Solovorstellung

Ich denke daran, wie du mir erzählst, daß du es dir neulich an einem Tag achtmal selber gemacht hast und du am nächsten Tag vor lauter Muskelkater in den Beinen kaum die Treppe raufgekommen bist.
Mich erinnert das daran, daß ich es war, der dir gesagt hat: „Du solltest mal dringend lernen, es dir selber zu machen.“
Jemand mit deiner Veranlagung, die es nicht zulassen will, einen Höhepunkt zu kriegen, der keine Belohnung ist, weil du wirklich glaubst, so etwas Schönes nicht verdient zu haben. Unfaßbarer Sklavenschwachsinn. Und unglaublich gefährlich. Das ist etwa so, als würde man Charles Manson eine geladene Kettensäge in die Hand drücken, mit dem Hinweis, damit niemanden zu verletzen. Also keine besonders gute Kombination.Weiterlesen »

My bloody Queen of Hearts

Du kannst wild um dich schlagen in deinem Innern und dich nicht schneiden. Du kannst es tun und dir damit eine gewisse Erleichterung verschaffen. Ein Ventil. Einen Kontakt zur Realität. Einen Cooldown. Klarheit. Aber dazu müßtest du gegen Regeln verstoßen.

Egal, was du tust oder nicht tust. Am Ende wird es immer wieder die Klinge sein an deinem Handgelenk. Die Flasche Wein am Abend. Die zitternd angezündete Zigarette auf dem Balkon. Der Albtraum morgens um vier, der dich wachprügelt und nicht mehr schlafen läßt, bis du über deine Augenringe stolperst.
Irgendwann wird es die Klinge am Hals sein. Blutende Narben auf deinem Rücken, irgendwo zwischen deinen Tattoos und Piercings, die deine Ersatzbefriedigung geworden sind. Tropfendes Blut auf dem Boden in den großen Hallen in deinem Innern, langsam versickernd im Staub. Rorschachmuster aus Schmerz und Grauen.Weiterlesen »

Unperson

Ich weiß noch immer nicht, ob du all das extra machst. Ich habe es nie wirklich herausgefunden.
Du erzählst etwas von Herzrasen und Schwindel. Ich will es nicht, aber mache mir in diesem Moment schon wieder einmal Sorgen um dich. Schließlich sprechen diese Anzeichen nicht für einen ausgewogenen Gesundheitszustand. Ich habe mir so oft Sorgen um dich gemacht.

Etwas später stellt sich heraus, daß du mit einer Blasenentzündung rumläufst. Erst ganz nebenher erfahre ich dann die Geschichte dazu von dir. Herrchen hatte dich angewiesen, dich auf dem Golfplatz mal nackt auszuziehen, auf dem Rasen stehenzubleiben und die Klappe zu halten. Morgens um Sechs ist das eine kühle Angelegenheit. Unterwäsche trägst du ja ohnehin nicht auf seine Anweisung hin. Irgendwann, ganz zu Beginn, hattest du mir gesagt, daß du keine tragen würdest im Sommer.

Aber ich weiß längst nicht mehr, welche Aussagen von dir den Anweisungen deiner Sklavenhalter entspringen, welche deinen Wunschträumen und welche schlicht und einfach gelogen sind, weil du glaubst, dein Gegenüber möchte jetzt gerade genau das hören.

„Ein Golfplatz ist öffentliches Gelände“, sage ich.
„Ach, da ist morgens niemand“, sagst du mit fröhlicher Beiläufigkeit.

Von mir wolltest du dich in der Öffentlichkeit nicht einmal küssen lassen. Das wäre mit einer Art offiziellem Gefühlsbekenntnis verbunden. Auch der Gedanke an Sex in der Öffentlichkeit war dir nicht geheuer. Ich bin mir sicher, wenn es dir nur befohlen wird, wären all diese Dinge nicht das geringste Hindernis für dich. Gehorsames Sexmaschinchen, das du bist, würdest du jeden Wunsch erfüllen, klaglos funktionierend.

Das Ausmaß deiner Versklavung war mir nie so bewußt wie bei diesen Sätzen. Stundenlang gehst du nicht aufs Klo, weil er es dir befiehlt. Genau wie diese Geschichte mit dem völlig Fremden, an den du verliehen wirst und der dich grün und blau schlägt, erfahre ich das alles nebenbei. Beiläufig hingeworfene Schrapnelle, die mich jedesmal zerfetzen.Weiterlesen »

Geist und Fleisch

Seit vorletzter Woche überlege ich jeden Tag, ob ich dir dieses verdammte Bild schicken soll. Audrey Hepburn für die Wand, mit einer Szene aus „Breakfast at Tiffany’s“.
Eigentlich will ich es, seitdem ich es das erste Mal gesehen habe. Es ist wie Du. Nur wollte ich dich, seitdem ich dich das erste Mal gehört habe. Seitdem du wie beiläufig erwähnt hast, daß Du deine Gedanken wieder öfter um Selbstmord kreisen läßt in deinem Kopf, mache ich mir darüber Sorgen. Jeden Tag fällt mir dieser Satz ein. Aber warum mache ich mir immer noch Sorgen?
Ständig stolpere ich über Dinge, bei denen ich an dich denken muß.

Du hast keinen Platz für mich und willst das auch nicht. Du beklagst dich über fehlendes Gefühl und einen Mangel an Empathie. Aber wenn ich dir meine schenken will oder dir meine Gefühle entgegenhalte, willst du davon nichts wissen.

Noch immer sagst Du nichts. Du redest mit mir, aber Du sagst nichts. Über alltägliche Dinge kommen wir nicht hinaus. Und wenn doch mal irgendwas mit deiner Gefühlswelt vorkommt, ist es unmittelbar mit seinem Namen verbunden. Ich kann diesen Mist nicht mehr ertragen. Aber mit ihm sprichst du ja auch nicht. Wenn dir gesagt wirst, du solltest ihm jetzt mal vertrauen, dann tust Du das. Du folgst den Anweisungen deines Herrn. Ich bin es, der deinen Frust über dich hinterher wieder abkriegt.Weiterlesen »

Mein Traum von dir

Vorgestern war es mal wieder soweit. Abends, allein in deinem Zuhause, das gar nicht deines ist, sondern die Wohnung deines Sklavenherrn, warst du wieder einmal wieder kurz davor, dich zu schneiden. „Ich weiß nicht, warum ich das will“, sagst du.

Mein erster Impuls ist, mich zurückzuziehen. Oder dir entgegenzuschreien: „Dann tu es endlich!“
Stattdessen sage ich dir andere Dinge. Lenke dich ab. Bewerfe dich mit Empathie, wie so oft.
„Ich bin bei dir“, sage ich zu dir.
„Bist du nicht. Und ich auch nicht“, kommt es von dir zurück.

Zum ersten Mal seit langem bist wieder in diesen Zustand abgerutscht, in dem es dir nicht an Selbstwert und anderen Dingen mangelt. Du spürst einfach nicht mehr, daß du noch da bist. Was ein erheblicher Unterschied ist.
Ich stelle mir vor, wie all die Trümmer, aus denen dein kaputter Geist besteht, sich zu lösen beginnen. Der ganze verdammte Schutt gerät ins Rutschen, kippt auf dich zu und droht dich zu erschlagen. Wie du hilflos und winzig neben den Monstern und Dämonen stehst, die sich in deinem Innern wieder räkeln und strecken. Das erste Mal seit langem wieder das trockene Kratzen von Drachenschuppen. Dieses Ticken im Hintergrund. Ein schweres Pendel zerteilt rauschend die Luft.Weiterlesen »

Auge des Feindes

Jede Woche wiegen, damit er weiß, du nimmst nicht ab. Ach, was für eine liebevolle Reaktion. Was dazu führen wird, daß du in seiner Umgebung – nein, unter seiner Kontrolle – nicht abnehmen wirst. Nicht, daß es bei dir annähernd nötig wäre. Das tust du dann, wenn du wieder allein bist. Dann gibt’s wieder Knäckebrot mit lackdünner Marmelade drauf. Sehr gesunde Sache.

Vielleicht willst du dich auch schneiden, weil er dir das kategorisch verbietet. In der Hoffnung, daß seine Reaktion aus Schlägen und Flecken besteht, um dich in deiner Unwürdigkeit mal wieder so richtig zu bestätigen. Wenn das deine Motivation ist, wird es Zeit, das Einhorn satteln und davonzutraben. Wenn du dich entscheidest, daß für dich zu brauchen, dann ist es gut. Wenn du es als Werkzeug benutzt, um bestraft zu werden, dann ohne mich. Aber eigentlich benutzt du alles und jeden als ein Werkzeug. Unter anderem mich.
Du wunderst dich, daß du dich mies fühlst. Eventuell könnte es damit zu tun haben, daß deine Psyche ein einziges Trümmerfeld voller verdammter Widersprüche ist. Und du räumst nicht etwa auf. Du zuckst die Schultern und sagst: „Ist doch toll hier“.Weiterlesen »