Sirenen und Helium

Schon beim ersten Atemzug wird mir klar, daß es heute wieder einer dieser seltsamen Tage werden wird. Das heißt, beim ersten Atemzug, nachdem ich die Augen aufgeschlagen habe. Die verwaschene Welt starrt mich durch meine noch immer ungeputzten Fenster an. Ich starre zurück. Ich gewinne immer, denn solange ich die Brille nicht aufgesetzt habe, sehe ich eben nichts wirklich Konkretes.
Dann atme ich das erste Mal bewußt ein. Gucke nach, ob die Lungen noch da sind. Das scheint der Fall zu sein.

Der nächste Schritt führt zum Sofa. Mehrere Schritte. Das Sofa muß rituell vorbereitet werden. Decken richten. Kissen richten. Dann die Bettdecke transplantieren. Ich nehme meine Wärme morgens immer aus dem Bett mit. Das ist effizienter. Ich wohne auf meinem Sofa, jedenfalls sehr oft. Da kann es auch verdammt noch mal gemütlich sein.
Das Teewasser filtert, der Computer beginnt seine elektronische Existenz. Fast ein bißchen so wie ich. Eingeschaltet. Die Lüfter beginnen zu atmen. Pa-Ling. Gib mir Input. Allerdings denkt der Computer nicht an dich.

Mehr Teewasser filtert, der Typ im Spiegel meines Badezimmers sieht aus wie ein explodiertes Kopfkissen. Zum gefühlt achthundertsten Male frage ich mich, ob ich diese Haare nicht einfach wieder stoppelkurz machen soll. Thema erledigt. Was das an Schaum sparte. Nach dem Duschen kurz mit dem Handtuch drüber. Fertig. Die Bürste kann ich dann in Harz eingießen und an die Wand hängen. ‚Life Art‘, geht es mir durch den noch immer schlafverstrahlten Kopf. Sogar einen Titel hat das Werk: ‚Haart, aber herzlich‘. Es ist einer dieser seltsamen Tage.Weiterlesen »

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Liebe als Erklärung

Ich habe dich im ganzen Leben real nur einige Stunden erleben dürfen. Trotzdem sagtest du einmal, daß ich dich besser kenne als du dich selbst. Wie konnte es mir passieren, daß ich über dich stolpere, digital und virtuell statt real und physisch, und mich sofort in das interessanteste Gespräch mit dem interessantesten Menschen verwickelt sah, das ich seit ziemlich genau 1996 geführt hatte?
Ich sollte längst alt genug sein, um darauf zu achten, wo ich hintrete. Ich bin nämlich auch alt genug, um einen Sturz schlimme Folgen haben zu lassen.Du bist nicht nur widersprüchlich. Du bist ein einziges Durcheinander.
Auf die Frage, wie du dich fühlst, reagierst du nicht verständnisvoller als Mr. Spock in der berühmten Star Trek-Szene. Empfindungen zu erfragen wird von dir üblicherweise mit einem tiefen Brunnen des Schweigens beantwortet.

Dann ist diese andere Frau. Ich denke, es war die, mit der ich damals sprach. Sie ist hingebungsvoll. Romantisch. Manchmal neigt sie sogar ein wenig zum Kitsch. Sie ist anhänglich und geradezu süchtig nach Zuneigung. Danach, daß jemand Interesse an ihr zeigt. Sie ist fest davon überzeugt, daß sich die meisten Dinge im Universum um sie drehen und das so auch seine Richtigkeit hat. Sie ist auch die Person, die all das vehement abstreiten würde, falls sie nicht schon bei der Andeutung von romantischem Kitsch, also persönlichen Gefühlen, in allergische Niesanfälle verfiele.Weiterlesen »

Gewollt wie

Man sagt immer, über die erste Freundin, die erste Frau oder sonstige Person hinwegzukommen, die einem wirklich etwas bedeutet hat, wäre am schwersten.

Ich kann das nicht bestätigen. Meine erste wirkliche Freundin verwandelte sich im Laufe der Zeit auch in meine Frau. Und später meine erste Scheidung. Es ist bisher die einzige geblieben und das wird sich nicht ändern. Aber das ist in Ordnung. Einmal in seinem Leben sollte jeder Mann verheiratet gewesen sein.
Aber nach ihr kam die nächste Freundin. Wobei vorher eine Affäre kam. Mit einer Frau, auf die ich binnen Sekunden so unfaßbar scharf war wie noch nie zuvor in meinem Leben. Was auch durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Ausgerechnet ein Mann, der seine Frau filmreif an einen guten Freund verloren hatte, führte also eine Affäre mit der Freundin eines anderen. Aber das war nur eine kurze Sache. Sobald ich etwas ernsthaftere Gefühle zu zeigen begann, war ich für sie raus. Worüber ich gar nicht einmal böse war. Wobei auch diese Sache noch ein Nachspiel hatte, in jeder Bedeutung des Wortes.Weiterlesen »

Für immer und Dich

Und endlich hatte ich dich gefunden und habe dich nie verloren und trotzdem bist du wieder verschwunden und du warst nie da. Und du wolltest mich nie nie nie verletzen und hast es trotzdem immer wieder getan und hast nie damit aufgehört.
Vielleicht tut es dir sogar tatsächlich leid und du wolltest nichts tun von dem, was du gemacht hast, aber trotzdem macht das die Wunden nicht weniger real, die Narben weniger schmerzhaft, mein Blut weniger rot, die Risse in meiner Seele weniger quälend, die Lücke in meinen Kopf weniger leer. Gewollt zu haben ist eins, gehandelt zu haben das andere.

Du und ich. Der alte Sack und Lolita. Die Schöne und das Biest. Wir wären Jekyll und Hyde. Und außerdem Harold und Maude. Luke Vader und Darth Skywalker. Jeder für sich in einer Person und zusammen erst recht. Wir würden derartig brennen füreinander, daß wir die Sonne überstrahlten. Allerdings bestünde natürlich das Risiko, daß außer Asche von uns nichts übrig bliebe. Wahrscheinlich nicht einmal das. Ich denke, wenn wir schon dabei gewesen wären, hätten wir die Sache dann auch gründlich erledigt. Wir sind beide auf unsere Art nicht für halbe Sachen zu haben. Im Grunde unseres Selbst sind wir beide Extremisten.Weiterlesen »

Im Freien bluten

Es heißt immer: „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“
Ich stimme dem nicht zu. Ich halte das sogar für vollkommenen Blödsinn. Einige Dinge, die mich nicht umgebracht haben, kamen dem zumindest so nah, daß sie mich beschädigt haben, meine Seele zerkratzt zurückließen. Manche Dinge machten mich nicht stärker, sie schwächten mich, ließen es mir schlechter gehen. Manche Dinge machten mich schlechter. Zumindest für eine Zeit lang.

Doch warum sollte das nicht in Ordnung sein? Kann das nicht einfach auch so gut sein in dem Moment, so, wie es ist?
Warum sollten manche Dinge uns nicht zerbrechen können? Beulen hinterlassen und blutende Wunden und Narben und all das? Was ist dagegen einzuwenden?
Die eigene unverwüstliche Unverletzlichkeit ist nichts weiter als eine Lüge. Sie paßt zum Narrativ einer Gesellschaft, die Menschen nach zwei Wochen Antidepressiva verschreiben möchte, die dann immer noch trauern um jemanden, den sie verloren haben. So sieht es eine Empfehlung des Berufsverbands der Psychiater in den USA vor. Wer nach vierzehn Tagen nicht wieder funktioniert, wird sediert.Weiterlesen »

Lazarus

Wenn dieser Mann an dich denkt, brennt weder sein Herz noch seine Seele. Vielleicht lächelt er, aber er lächelt nicht wie ich.
Er lächelt wie ein Mann, der seine Kunstsammlung begutachtet. Ein besonders wertvolles Stück in die Hand nimmt. Besitzerstolz, gepaart mit kühler Gier und der Gewißheit des Neids von anderen. Der Besitz steht im Vordergrund. Die Schönheit als Selbstzweck, um die Profaniät der Hand zu übertünchen, die sie streichelt. Ein Kunstwerk altert nicht.

Wenn ich an dich denke, brennen Sonnen in mir aus. Jedesmal. Immer wieder.
Wenn ich dabei lächle, ist es ein Lächeln aus purer Freude. Wenn deine Stimme in meinen Gedanken ertönt, sind es Glocken, die nur für mich läuten. In meinem Lächeln und meinen Gedanken liegen Schmerz und Erstaunen immer nebeneinander. Schmerz, weil ich dir wenig bedeute. Erstaunen darüber, daß es in meinem Universum so etwas wie dich gab, wenn auch nur für einen Moment. Meine Hände würden dich immer wieder streicheln, um sich zu vergewissern, daß du existierst.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ungeküßt

„Sie ist immer so früh wach“, sagt das Fabeltier und glitzert vorwurfsvoll, während wir morgens im Bad versuchen, uns in vorzeigbare Menschen zu verwandeln. Oder in vorzeigbare Einhörner, versteht sich.

„Ja. Weiß ich. Ich verstehe es ja auch nicht. Einfach mal liegen bleiben wäre nicht schlecht. Vor allem, wenn sie ja gar nicht früh raus muß. Kuscheliges Bett und so.“

„Würdest du sie hinterunters Ohr küssen, wenn du gehst?“

„Natürlich würde ich das, du blödes Fabeltier. Immer.“

„Weißt du, was ich gerne mal von ihr hören würde?“

„Die Antwort auf: ’Mir fällt so einiges dir gegenüber ein, aber das ist heute der falsche Tag dafür. Dann fange ich sofort an zu heulen.’ ?“

„Schtimmt. Woher weischt du dasch?“ fragt Einhorn mit der Zahnbürste im Mund.

„Du bist wir. Also ich. Schon vergessen? Ich wüßte gerne mal, was ihr einfiele, gäbe es den richtigen Tag jemals. Sie hat uns das niemals verraten. Sie hat uns so vieles nie verraten. Die ganzen Bilder aus meinem Kopf…“

„Unfferem Kopff…“

„…unserem Kopf, die sie von uns bekommen hat. Und nie kam etwas zurück.“

„Na ja, manchmal schon“, sagt das Einhorn und beginnt, sich die schlafzerzauste Mähne zu kämmen. „Manchmal hat sie schon gesagt, was in ihr so vorgeht.“Weiterlesen »

Gebundene Rotation

Im blassen, strahlenden Blau über mir schwimmt der bleiche Anblick des Mondes. Der Wind beißt sich in den Wangenknochen fest. Eisblau. Der ganze wolkenlose Himmel wie eine endlose See voller Licht.
Ich vermisse den Geruch deiner Haut und das Knistern deiner Haare und das Gefühl, wie dein Fleisch nachgibt unter meinen Fingerspitzen. Wie deine Lippen sich teilen vor meiner Zunge. Dein Atem sich niederschlägt auf meiner Brille. Meine Hand sich vergräbt im wolligen Flaum deines Nackens. Ich erinnere mich an den Geschmack dieser kleinen Schweißperlen zwischen deinen Brüsten. Die Wärme an deinem Hals. Wie du leise genießend den Atem einziehst, wenn meine Zähne über deine Leiste knabbern.

Du bist so weit fort und unerreichbar für mich. Als stünde ich auf Lunas gefrorenen Meeren und sähe die Erde aufgehen über dem Horizont. Dieser blaue Diamant vor dem schwarzen Samt der Schöpfung. Dieser Sehnsuchtsort voller Leben. Das Versprechen eines Wunders aus Wärme und Luft. Nur eine Armlänge entfernt in endloser See aus Dunkelheit.

Der einzige Ort in diesem Universum, an dem Du bist. Der einzige Ort in diesem Universum, an dem ich sein kann. Einziger Punkt in Gottes Unendlichkeit, an dem mein Geist sein will, denn nur dort könnte er deinen treffen.

Jedes Atom in uns war einmal Teil einer fremden Sonne. Wir sind aus demselben Stern gemacht, nehme ich an.
Dem Mond ist es unmöglich, mit dem Kreisen aufzuhören. Darum kann er die Erde nie berühren. Sisyphos bekommt den Stein niemals auf den Berg. Ich kann unmöglich damit aufhören, dich zu lieben.

Unquiet Earth

Nacht.
Ich liebe die Nacht. Es ist fast das gleiche Gefühl, das ich für dich empfinde. Die Stadt bei Nacht. Diese wunderbare, leere, in sanfte Stille gehüllte Dunkelheit. Kaum menschliche Geräusche. Windrauschen in den Bäumen des Friedhofs. Kein Rauschen des schwachsinnigen Autoverkehrs auf der Straße.
Das Quietschen der Aufhängung der Natriumdampflampe über der großen Kreuzung. Sie saugt den blinkenden Lichtern der Ampelanlage die Farben aus. Silbern glitzernder Nieselregen vor stummen Maschinen, die weiter ihren Dienst verrichten. Ignorant gegenüber ihren angeblichen menschlichen Meistern.
Selbst diese allgegenwärtigen Maschinen scheinen einen Moment Pause zu machen. Durchzuatmen. Wenn sie denn atmen würden.

Leises Zischen meiner Reifen auf dem Asphalt. Wie so oft wünsche ich mir, daß die Stadt nach Sonnenaufgang so still und so für mich verfügbar bliebe, wie sie das unter dem Mantel aus Nacht und Dunkelheit zu sein scheint.
Manchmal stelle ich mir vor, morgens von der Stille geweckt zu werden. Keine Geräusche der Autos. Keine Busse. Kein dröhnender Pulsschlag unserer Maschinenzivilisation, der gerade Menschen zu ihren Arbeitsplätzern spült. In Schulen, Büros, Kaufhäuser, Supermärkte. Kein brummelnder, murmelnder Hintergundlärm, den wir Menschen von uns geben in diesen Ansammlungen, die offiziell „Stadt“ genannt werden.Weiterlesen »

Gekreuzte Wege

Eine Freundin ist tot. Hätte T. nicht damals, als ich sie kennenlernte, einen festen Freund gehabt und ich nicht ebenfalls eine überaus wunderbare Partnerin, ich hätte mich in sie verlieben können. Wäre T. nicht außerdem noch nicht einmal volljährig gewesen und ich bereits in meinen Dreißigern, ich hätte mich trotzdem in sie verlieben können.
Damals schon, um die Jahrhundertwende, so muß man es wohl sagen, war sie eine großartige Künstlerin. Unablässig zeichnete sie ihre Ideen auf Papier, befreite ihren stets umtriebigen Kopf von den Bildern, die er so produzierte. Als einer, der selber schreibt, kann ich verstehen, was oft in ihr vorging, wenn sie wieder irgendwo im Alltag auf eine Anregung getroffen war, eine Inspiration sie stillstehen ließ, um Stift und Karton hervorzukramen.

T. war schon damals jemand, der unablässige, unbändige Fröhlichkeit ausstrahlte. Sie war eine dieser Personen, in deren Nähe es selbst einem Misanthropen wie mir unmöglich ist, irgendwie schlecht drauf zu sein. In dieser Eigenschaft als aktiver Kritiker unserer Spezies kann ich sagen, daß auf diesem Planeten sehr viele Menschen herumlaufen, die scheinbar keine Seele besitzen. Sie haben sie eingetauscht. Wo ein Herz sein sollte, sitzt eine Registrierkasse. Wo Gefühl sein sollte, sitzt eine Kreditkarte. Wo Seele sein sollte, scheint bei diesen Menschen irgendein Plastikdingsbums neuester Generation zu ticken, das sie gerade erworben haben. In wenigen Monaten wird es Müll sein, vergessen und freudlos und sinnlos.Weiterlesen »