Liebe als Erklärung

Ich habe dich im ganzen Leben real nur einige Stunden erleben dürfen. Trotzdem sagtest du einmal, daß ich dich besser kenne als du dich selbst. Wie konnte es mir passieren, daß ich über dich stolpere, digital und virtuell statt real und physisch, und mich sofort in das interessanteste Gespräch mit dem interessantesten Menschen verwickelt sah, das ich seit ziemlich genau 1996 geführt hatte?
Ich sollte längst alt genug sein, um darauf zu achten, wo ich hintrete. Ich bin nämlich auch alt genug, um einen Sturz schlimme Folgen haben zu lassen.Du bist nicht nur widersprüchlich. Du bist ein einziges Durcheinander.
Auf die Frage, wie du dich fühlst, reagierst du nicht verständnisvoller als Mr. Spock in der berühmten Star Trek-Szene. Empfindungen zu erfragen wird von dir üblicherweise mit einem tiefen Brunnen des Schweigens beantwortet.

Dann ist diese andere Frau. Ich denke, es war die, mit der ich damals sprach. Sie ist hingebungsvoll. Romantisch. Manchmal neigt sie sogar ein wenig zum Kitsch. Sie ist anhänglich und geradezu süchtig nach Zuneigung. Danach, daß jemand Interesse an ihr zeigt. Sie ist fest davon überzeugt, daß sich die meisten Dinge im Universum um sie drehen und das so auch seine Richtigkeit hat. Sie ist auch die Person, die all das vehement abstreiten würde, falls sie nicht schon bei der Andeutung von romantischem Kitsch, also persönlichen Gefühlen, in allergische Niesanfälle verfiele.Weiterlesen »

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Gebundene Rotation

Im blassen, strahlenden Blau über mir schwimmt der bleiche Anblick des Mondes. Der Wind beißt sich in den Wangenknochen fest. Eisblau. Der ganze wolkenlose Himmel wie eine endlose See voller Licht.
Ich vermisse den Geruch deiner Haut und das Knistern deiner Haare und das Gefühl, wie dein Fleisch nachgibt unter meinen Fingerspitzen. Wie deine Lippen sich teilen vor meiner Zunge. Dein Atem sich niederschlägt auf meiner Brille. Meine Hand sich vergräbt im wolligen Flaum deines Nackens. Ich erinnere mich an den Geschmack dieser kleinen Schweißperlen zwischen deinen Brüsten. Die Wärme an deinem Hals. Wie du leise genießend den Atem einziehst, wenn meine Zähne über deine Leiste knabbern.

Du bist so weit fort und unerreichbar für mich. Als stünde ich auf Lunas gefrorenen Meeren und sähe die Erde aufgehen über dem Horizont. Dieser blaue Diamant vor dem schwarzen Samt der Schöpfung. Dieser Sehnsuchtsort voller Leben. Das Versprechen eines Wunders aus Wärme und Luft. Nur eine Armlänge entfernt in endloser See aus Dunkelheit.

Der einzige Ort in diesem Universum, an dem Du bist. Der einzige Ort in diesem Universum, an dem ich sein kann. Einziger Punkt in Gottes Unendlichkeit, an dem mein Geist sein will, denn nur dort könnte er deinen treffen.

Jedes Atom in uns war einmal Teil einer fremden Sonne. Wir sind aus demselben Stern gemacht, nehme ich an.
Dem Mond ist es unmöglich, mit dem Kreisen aufzuhören. Darum kann er die Erde nie berühren. Sisyphos bekommt den Stein niemals auf den Berg. Ich kann unmöglich damit aufhören, dich zu lieben.

My bloody Queen of Hearts

Du kannst wild um dich schlagen in deinem Innern und dich nicht schneiden. Du kannst es tun und dir damit eine gewisse Erleichterung verschaffen. Ein Ventil. Einen Kontakt zur Realität. Einen Cooldown. Klarheit. Aber dazu müßtest du gegen Regeln verstoßen.

Egal, was du tust oder nicht tust. Am Ende wird es immer wieder die Klinge sein an deinem Handgelenk. Die Flasche Wein am Abend. Die zitternd angezündete Zigarette auf dem Balkon. Der Albtraum morgens um vier, der dich wachprügelt und nicht mehr schlafen läßt, bis du über deine Augenringe stolperst.
Irgendwann wird es die Klinge am Hals sein. Blutende Narben auf deinem Rücken, irgendwo zwischen deinen Tattoos und Piercings, die deine Ersatzbefriedigung geworden sind. Tropfendes Blut auf dem Boden in den großen Hallen in deinem Innern, langsam versickernd im Staub. Rorschachmuster aus Schmerz und Grauen.Weiterlesen »

Mein Traum von dir

Vorgestern war es mal wieder soweit. Abends, allein in deinem Zuhause, das gar nicht deines ist, sondern die Wohnung deines Sklavenherrn, warst du wieder einmal wieder kurz davor, dich zu schneiden. „Ich weiß nicht, warum ich das will“, sagst du.

Mein erster Impuls ist, mich zurückzuziehen. Oder dir entgegenzuschreien: „Dann tu es endlich!“
Stattdessen sage ich dir andere Dinge. Lenke dich ab. Bewerfe dich mit Empathie, wie so oft.
„Ich bin bei dir“, sage ich zu dir.
„Bist du nicht. Und ich auch nicht“, kommt es von dir zurück.

Zum ersten Mal seit langem bist wieder in diesen Zustand abgerutscht, in dem es dir nicht an Selbstwert und anderen Dingen mangelt. Du spürst einfach nicht mehr, daß du noch da bist. Was ein erheblicher Unterschied ist.
Ich stelle mir vor, wie all die Trümmer, aus denen dein kaputter Geist besteht, sich zu lösen beginnen. Der ganze verdammte Schutt gerät ins Rutschen, kippt auf dich zu und droht dich zu erschlagen. Wie du hilflos und winzig neben den Monstern und Dämonen stehst, die sich in deinem Innern wieder räkeln und strecken. Das erste Mal seit langem wieder das trockene Kratzen von Drachenschuppen. Dieses Ticken im Hintergrund. Ein schweres Pendel zerteilt rauschend die Luft.Weiterlesen »

Gespräch mit Gestern

„Du liegst auf der Seite, an Hund gekuschelt und die Brille hast du vorher schon abgenommen“, sage ich.
„Ja“, sagst du.
„Woher ich das nur weiß?“, sage ich.

Und ich kann das Bild tatsächlich in diesem Moment vor mir sehen. Wie du auf der Seite liegst, deine blasse Haut unter dem Licht deiner Weihnachtslichterkette, die in dein Bettgitter gewoben ist. Wie du das verdammte Telefon an dein Ohr hältst und die Augen geschlossen hast, während du mit mir redest. Oder wie es neben dir liegt, auf dem anderen Kopfkissen. So, als wolltest du mich tatsächlich dort haben. Ich schwebe geradezu über dir und sehe nach unten auf diese Szene. Ich bin immer noch in deinem Kopf. Es hat nur Sekunden gedauert, dorthin zu kommen. Fast wie früher. Fast wie immer.

Wie du mir immer sagst, du wüßtest nicht, wer da gerade noch Bilder oder Nachrichten zu dir schickt, wenn ich den Alarm deines Smartphones höre beim Telefonieren. Und wie ich weiß, daß du mich gerade wieder belogen hast und es mir nur nicht sagen willst. Das ist genau wie früher.
Ich denke, Du weißt sehr wohl, wer dir gegen Mitternacht noch Nachrichten im Minutentakt schickt. Wer sollte es sein, wenn nicht dein Herr? Du redest wieder einmal nur nebenbei mit mir und tust so, als wäre das ein irgendwie intimes Gespräch.

Plötzlich hatte mein Telefon geklingelt, gestern abend. Nachdem ich dir unvorsichtigerweise vorher wieder einmal auf eine Nachricht geantwortet hatte, schon eine Weile her. Ich hätte sie hinnehmen sollen und nichts dazu sagen. Aber dumm, wie ich bin, mußte ich antworten. Habe sogar selber wieder Kontakt initiiert. Über mehrere Tage haben wir uns über die Entfernung Belanglosigkeiten zugerufen. Kaum bist du wieder allein zu Hause, werde ich plötzlich wieder interessant für dich.Weiterlesen »

Für immer Blut und Rosen

Es geht endlich zu Ende. Dieses halbe ganze Jahr, in dem ich zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt wieder einen anderen Menschen geliebt habe. Dich. Du schienst es wert zu sein, dieses Wagnis noch einmal einzugehen. Ein letztes Mal aus meinem Herzen keine Mördergrube machen, wie man so sagt. Aus meiner Seele erst recht nicht. Ich habe vom ersten Moment an gefühlt, was du wirklich sein könntest. Ich habe dich leuchten sehen in der Nacht wie den Turm an der Küste, der Reisenden im Nebel den Weg weist, seitdem Menschen auf der Endlosigkeit der Ozeane verlorengehen in ihrem Hang zu Abenteuer, ihrer Neugier folgend.

Ich wollte Dich in meinem Leben haben. Jemanden bei mir wissen, der mich mit sich teilt und umgekehrt. Aber vergebens.
Kein ‚Für immer und Dich‘. Nur ein ‚Für nichts und wieder nichts‘. Wie immer in meinem Leben. In meiner eigenen Blindheit hatte ich bis zuletzt gehofft, du könntest jemand anders sein als die Person, die du wirklich bist. Oder besser, die Nicht-Person, die du krampfhaft sein willst.

In meinem Unglauben über deine völlige Unfähigkeit zur Empathie habe ich völlig daran vorbeigesehen, wie sehr du andere Menschen zu dem degradierst, was du selber sein willst und somit auch bist. Ein seelenloses Werzeug, jederzeit bereit, seinem Herrn zur Verfügung zu stehen. In meinem Gefühl für dich war ich so unfaßbar naiv, dir alle Stellen zu zeigen, an denen du mich so richtig tief verletzen kannst. Selbst als du eine nach der andern davon gegen mich benutzt hast, war ich nicht bereit, dich loszulassen.
Dein Licht hat mich nicht im Nebel geleitet, sondern geblendet. Und geblendet wollte ich nicht erkennen, daß du nur gegenüber Menschen geistige oder körperliche Zuneigung simulieren kannst, die dich wie Dreck behandeln.
Die widerwärtige Überzeugung deiner eigenen Wertlosigkeit ist in dich eingeätzt und muß dir bestätigt werden, alles andere zählt nicht. In deiner zutiefst traumatisierten Welt stellt alles andere dein gesamtes Denken über dich in Frage. Dieses Risiko gehst du nicht ein. Du wirst es niemals riskieren, von jemanden wahrhaft geliebt zu werden und glaubst, die ganze Welt sei so aufgebaut.Weiterlesen »

Einhorns Wort zur Weihnacht

Ihr Menschen dort draußen: Seid nicht einfach traurig oder geschockt oder ängstlich. Seid nicht wortlos oder in Schweigen erstarrt.
Redet darüber. Sprecht darüber mit anderen Menschen. Mit allen anderen Menschen. In der Kneipe. Im Stadtpark. Auf einem Spaziergang im Wald. Beim Niederlegen von Blumen an irgendeinem verdammten Absperrgitter.

Aber schweigt nicht. Redet auch nicht nur. Hört euch zu. Freßt es nicht hinein in eure Köpfe, eure Herzen, in einem ebenso schädlichen wie sinnlosen Versuch, ungerührt zu wirken. Einfach weiter zu funktionieren in unserer oft recht kalten und sich so unerschütterlich gebenden Gesellschaft.Weiterlesen »

Totes Gleis

Ich sitze da, mit geschlossenen Augen. Langsam erschaffe ich in meinem Kopf einen Ort, weit weg vom Hier und Jetzt. Einen Ort ohne andere Menschen, die mir auf die Nerven gehen könnten. Außer dir. Du mußt hier irgendwo sein. Denn du hast mir den Ort als Bild geschickt.
Ein sonniger Tag. Es ist ruhig hier. Einsam fast. Herbstkühle Luft weht durch meinen Kopf. Zweige und Äste knarren vor sich hin. Laub raschelt. Dieses typisch trockene Aneinanderreiben von vergangenem Grün, das sich immer noch an seinem Platz festklammert.

Dann sehe ich dich. Wie du allein durch den Wald spazierst, die Kamera in der Hand. Wie du überall hinsiehst. Die mit Blättern zugewehten Trampelpfade verläßt, ohne Rücksicht auf Verluste. Wie du in die Knie gehst und ein Motiv in den Fokus nimmst. Völlig in Gedanken verloren nimmst du die Dinge auf, in die Kamera und auch in dich.
Ich kann deine Leidenschaft fühlen, mit der du das tust. So wie man sie später immer in deinen Bildern sehen kann. Deine Dämonen und Drachen schweigen die ganze Zeit, werden vollkommen belanglos, während du die Mauerreste photographierst, auseindergeschoben von den Wurzeln eines kräftigen Baums. Ein kleiner Schößling zwischen moosigen Ziegelsteinen vor dreißig oder fünfzig Jahren.
Dieses Bahngleis. Überwachsen, halb versunken, zugedeckt von Zeit und Flechten. Erblindetes Metall. Ein Weg, der nirgendwo mehr hinführt. Schon lange nicht mehr.Weiterlesen »

Herbst im Kopf

Ein sonniger Morgen. Schon gestern hatte das Wetter etwas von Herbst. Richtigem Herbst. Den Altweibersommer-Herbst, den ich bestellt hatte schon vor Wochen. Die Luft ist nicht mehr so brennend heiß, es war ein angenehmer Tag gestern. Aber heute ist es offiziell. Die Glocken der Stadtkirche erfüllen ihre sonntägliche Pflicht und glocken mich aus dem Schlaf, mehr oder weniger jedenfalls. Der Wind steht günstig, deswegen dringt mir das Geräusch, mit dem Christen ihren Gott becircen wollen, so deutlich ins Ohr. Sonnenlicht ergießt sich über die braun verfärbten Maisfelder. Bald werden die industriellen Maschinenbändiger auch über diese hinwegrollen und innerhalb von Minuten Pflanzen in Input für die Agrarindustrie verwandeln. Mir ist noch kein Name eingefallen, der hier zutreffend wäre. „Ernte“ kann man das jedenfalls nicht nennen. Was aber den eindeutigen Herbst markiert, ist dieses andere Geräusch, daß der Wind zu mir trägt. Dieses Knallen wie von einem entfernten Feuerwerk bei irgendeinem Volksfest in der Stadt. Starenschrecke. Automatische Selbstschußanlagen, die die aufdringlichen Vögel aus dem Weinberg verscheuchen sollen, bevor diese die reifen Trauben fressen. Und natürlich schon seit geraumer Zeit dieses andere Geräusch. Das Schraddeln der dieselgetriebenen Trecker, im Schlepp die Anhänger mit den Ergebnissen der Weinlese.Weiterlesen »