Alles von Dir

Mir fehlt immer alles von dir.
Mir fehlt das „Guten Morgen“ und das „Wie geht es dir?“.
Nicht, daß du das jedes Mal erwähnst. Normalerweise neigst du dazu, solche Fragen nicht zu stellen. Wir mögen diese Fragen beide nicht. Denn üblicherweise will darauf nie jemand eine ehrliche Antwort.
Eine Freundin ist tot und man erinnert sich an sie. Ein Haustier womöglich. Ein Ereignis wirft einen aus der Bahn und man spürt das noch Tage später. Oder an Jahrestagen.

Mich jagen immer wieder die verdammten Panikattacken. Dieser scheiß Herzschlag, der plötzlich aus den Tritt geraten will. Dieses Dröhnen von Kriegstrommeln in meinen Ohren, die herankriechende Furcht, die weichen Knie. Obwohl weit und breit nichts zu fürchten ist. Es macht mich fertig. Es nagt an mir und wenn die schlauen Leute mit dem Spruch kommen, ich solle der Fels in der Brandung sein, sehe ich immer endlose Sandstrände vor meinem geistigen Auge. Sand. Das ist es, was Brandung aus Felsen macht. Schönen Gruß, ihr Idioten.Weiterlesen »

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Dämmerung

All das, worin ich mich jeden Tag bewege, was ich jeden Tag wahrnehme, was mich schon immer als normal umgeben hat in meinem Leben – all das ist nichts weiter als eine wahnsinnig gewordene Massenpsychose. Das angebliche reale Leben ist nichts anderes als eine Traumwelt. Oder womöglich eine Albtraumwelt. Ich bin umgeben vom Zombies, die schlicht noch nicht begriffen haben, das sie welche sind.

Aber der Schläfer ist unruhig. Er wälzt sich hin und her in seinem Schlaf, während er im Traum durch Labyrinthe hetzt, in denen sich die Wände verschieben und die Gänge hinter ihm verschließen. Immer weniger Optionen bleiben zurück und keine von ihnen ist gut oder verspricht eine bessere Zukunft. Und irgendwo in all diesen verschlungenen Gängen hausen Ungeheuer. Der Schläfer sieht sie nicht. Aber er kann sie hören. Sie riechen. Sie spüren.

Immer öfter betreten wir eine Weggabelung, einen Platz, von dem weitere dunkle Gänge abzweigen, und haben diesess unbestimmte Gefühl, einen Raum zu betreten, in dem gerade eben noch jemand war. Oder ein Etwas. Wir schaudern im Schlaf und wenden uns ab, laufen gehetzt in den nächsten Gang. Sackgassen voller Monster.

Unsere albträumende Traumwelt, diese Manifestation eines fundamentalen Mißverständnisses über die Natur der Welt und unserer Rolle in ihr, sie wird sich auflösen. Sie tut es bereits. Immer öfter zerreißen die Nebelschleier unserer Selbstzufriedenheit und was wir durch die Fetzen erkennen können, sind keinesfalls die verheißungsvollen Ufer von Avalon. Die schroffen Küsten, auf die wir zutreiben, sind voller Blut und Knochen und Verzweiflung. Das ist nicht das bessere, das strahlendere Morgen, das unsere ökonomischen und politischen Demagogen uns immer versprochen haben.
Dies ist das Land, in dem alle Lügen enden. Dies ist das Land der Konsequenzen unserers Handelns. Oder unseres Nicht-Handelns. Es ist nicht das Land der Füllhörner. Nur die Wüste der Wahrheiten, die immer geleugnet wurden.

Der Schlafende muß erwachen. Bald, sehr bald, wird es soweit sein.

Den Joker ziehen

F41.0 G

Zum ersten Mal in mehr als einem Jahrzehnt steht das auf einem gelben Zettel, den mein Hausarzt unterschreibt. Kein Hexenschuß. Keine grippalen Infekte. Keine normale Erkältung. Kein whatthefuckever. Keine Tarnung diesmal. Kein Schließen der Augen, damit das Monster einen nicht sieht.
Das erste Mal steht da wirklich, was ich ihm und anderen schon lange gesagt habe und was er nie aufgeschrieben hat. Angststörung. Psychogedöns halt.

Wobei ich mich sofort innerlich lachend frage, warum das Angst“störung“ heißt. Ich bin nicht gestört.
Diejenigen, die ich umgeben, diese vollblinden, nullempathischen, digitalisiert betäubten Achtstundenschichtzombies sind es.
Diese angeblich so angstfreien, supertoll funktionierenden Rädchen in der großen Maschine. Die sind es, die eine Störung haben. Mehrere.

Wer keine Angst hat vor der Zukunft, die mit zunehmender Geschwindigkeit auf uns zurollt, muß massiv gestört sein. Wie man das Grollen der Lawine nicht hören kann vor lauter iPod-verstöpselten Ohren, ist mir ein Rätsel. Wie man nicht bemerken kann, wie unserer industrialisierten Supergesellschaft der Boden unter den Füßen bebt, weil das Fundament unserer aktuellen Existenz immer schneller wegbröckelt, kann kein noch so geiler Baß entschuldigen.
Von allen Ecken frißt sich Unheil an uns heran, erodiert die Basis unseres Alltäglichen. Und die Allermeisten dieser humanoiden Gestalten auf der Straße, im Bus, der Innenstadt bemerken davon nichts. Betäubt von RTL und Propaganda für den neuesten Konsummüll laufen alle dieser gigantischen Massenpsychose hinterher, die seit gut sieben Jahrzehnten unsere Welt frißt.Weiterlesen »

Einhorns Wort zur Weihnacht

Ihr Menschen dort draußen: Seid nicht einfach traurig oder geschockt oder ängstlich. Seid nicht wortlos oder in Schweigen erstarrt.
Redet darüber. Sprecht darüber mit anderen Menschen. Mit allen anderen Menschen. In der Kneipe. Im Stadtpark. Auf einem Spaziergang im Wald. Beim Niederlegen von Blumen an irgendeinem verdammten Absperrgitter.

Aber schweigt nicht. Redet auch nicht nur. Hört euch zu. Freßt es nicht hinein in eure Köpfe, eure Herzen, in einem ebenso schädlichen wie sinnlosen Versuch, ungerührt zu wirken. Einfach weiter zu funktionieren in unserer oft recht kalten und sich so unerschütterlich gebenden Gesellschaft.Weiterlesen »

Kokon aus Dunkelheit

Du ziehst zu ihm. In dem Moment, in dem Du sagst, er würde sich bei diesen Dingen ja nicht einmischen, ist mir völlig klar, daß du zu ihm ziehen wirst. Nachdem du ja gerade erst in deiner Stadt in eine neue Wohnung gezogen bist. Mein erster Gedanke ist Furcht. Panische Angst. Nicht für mich. Um dich.
Dieser andere Kerl wird dich endgültig und vollständig von sich abhängig machen. Er wird dich an andere Männer „verleihen“, denn er sieht gerne zu. Du wirst all das mit dir machen lassen. „Für meinen Herrn tue ich alles“. So hast du es ja einmal formuliert. Ich phantasiere das nicht. Du selbst hast mir beschrieben, wie das so abläuft. Mehr als einmal. Es gibt sogar verschiedene Codes für diesen Scheiß in einschlägigen Foren.

Die Frau, die ich einmal geliebt habe, existiert nicht länger. Sie ist ausgelöscht worden in einem Akt der Selbstauflösung, des geistigen Vampirismus, den du mit Liebe und Hingabe verwechselst.
Ich fühle, wie mein Inneres zerbricht, während ich das schreibe. Erstaunlich, wie sehr ich gehofft hatte, irgendwann doch noch mal etwas von dir zu hören. Etwas Positives, aus dem ich entnehmen kann, daß es dir besser geht. Das deine beiden Seiten jetzt besser miteinander klarkommen. Aber eingeschlossen in diesen hermetischen Kokon aus Unterwerfung, in den du dich begibst, wird das nicht passieren.

Eines meiner Gedankenbilder, das ich dir mehr als einmal gezeigt habe, war es, wie du auf diesem verdammten flauschigen Riesenhund liegst, den ich dir geschenkt hatte. Bäuchlings und nackt. Wie das Bild deine Beine zeigt, diesen prachtvollen Arsch und alles andere auch. Wenn ich mir vorstelle, daß dieses Bild womöglich für diesen anderen Kerl wahr wird oder einen, der dir gerade „zugewiesen“ ist, möchte ich kotzen. Du sagtest mir einmal, daß er dich auch mit Zärtlichkeit dominiert. Ein Gedanke, den ich dir überhaupt erst beigebracht habe. Aber ich traue diesem Mann nicht. Ich hasse ihn. Ich hasse dich, weil du ihm die Belohnung für meine Anstrengungen bist.Weiterlesen »

Schmetterlinge im Nieselregen

Der Duft von Flieder weht über meinen Balkon. Ich erinnere mich daran, wie ich dir einmal geschrieben habe, wie sehr ich diesen Duft mag. Ich denke dabei immer an den Flieder, der in unserem Garten stand, als ich ein Kind war. Jeden Sommer waren die großen, violetten Blütendolden voll mit Schmetterlingen. Kaum etwas verkörpert so sehr den Begriff des Sommers für mich wie dieser Geruch. Ich erinnere mich auch noch daran, wie du gerochen hast. In dieser Nacht bei dir, als du versucht hast, meinen Händen und Fingern zu entkommen.

Wie du hinterher auf deiner Seite liegst, dabei deine Kissen umarmst und ganz süß vor dich hin schnaufst, deine Lippen eine Kleinigkeit geöffnet. Du atmest schnell und träumst intensiv und häufig. Soviel stelle ich in dieser Nacht fest.
Du lächelst, wenn ich dich auf die Wange küsse. Dieser unbeschreiblich weiche Geruch deiner Haut. Ich würde mich gerne richtig hinlegen, aber das kann ich nicht. Dazu müßte ich meinen Arm unter dir wegziehen, aber das geht nicht, denn damit würde ich dich sicher wecken. Dieser endlose, schwebende Moment darf nicht gestört werden. Ich versinke in deinem Anblick. Wie du da neben mir liegst und ich auf dich hinuntersehe. Du wirkst so unschuldig und siehst ein bißchen aus wie Porzellan. Ich traue mich kaum zu atmen. In stillem Staunen starre ich dich an, während mir langsam der Arm abstirbt.Weiterlesen »

Schwerkrafttrichter

Ich weiß nicht, ob du dich noch an diesen Tag erinnerst. Ich erinnere mich genau daran.

Am Abend vorher hatte ich meine Reisetasche gepackt. Für eine Zugfahrt zu dir. Neun verdammte Stunden auf der Schiene, eine echte Odyssee. Die junge Frau, über die ich da vor ein paar Tagen gestolpert war, mußte ja unbedingt am anderen Ende des Landes wohnen. Gerade eben hatten wir unser Gespräch beendet. Es war ein langes Gespräch. Den Klang deiner Stimme noch im Ohr, gehe ich ins Schlafzimmer und fange an, Dinge in die Tasche zu packen. Alle unsere Gespräche waren lang in den letzten paar Tagen. Wir reden miteinander, als hätten wir uns immer gekannt.

Ich hasse verreisen. Seit Jahren werde ich immer unruhiger, immer zappeliger und nervöser, sobald ich meinen Wirkungskreis verlasse. Also den unmittelbaren Bereich, den ich so „zu Hause“ nenne. Mein Home ist in dem Fall wirklich mein Castle. Und mein Gefängnis. Ich habe es schon geschafft, meine Mutter nicht zu besuchen, weil sich meine Panik schon Tage vorher derartig gesteigert hat, daß ich am Reisetag nicht mit dem Fahrrad zum Bahnhof fahren konnte. Du bist doppelt so weit weg.
Ich besuche schon Freunde nicht mehr, weil ich ansonsten bei ihnen übernachten müßte und ich will nicht woanders schlafen müssen.
Die Stimme in mir schreit, daß ich das nicht tun sollte. Das das eine unvernünftige Entscheidung ist. Irrational. Meine Kehle wird trocken, mein Herzschlag zieht an, die Atmung auch. Streßsymptome. Sie werden nicht besser durch die Erkenntnis, daß die Stimme völlig recht hat. Ich muß den Verstand verloren haben. Jedenfalls den Rest Verstand, den ich noch hatte bis dahin.Weiterlesen »

Einkaufen mit Hulk

Einkaufen.
Eine ganz banale Alltagstätigkeit. Macht jeder.
Ich muß wieder mal raus. Gerade eben fällt mir die Decke auf den Kopf und es ist ein schöner Tag. Eigentlich ist es ein schöner Tag. Wenn ich nicht immer wieder diese schwarzen Wellen hätte, die da auf mich zurollen. Wie ein Meer aus Öl und Teer bewegt sich die Dunkelheit in meinem Inneren. Zäh lecken diese trägen Wogen aus Emotion an einen düsteren Strand aus grauem Fels. Ich kann es hören.

Also raus. Fahrrad schnappen. Die Wochenzeitung aus dem Briefkasten holen. Ich bleibe in der Einfahrt stehen, die Sonne scheint mir genau ins Gesicht auf dem Weg zurück zur Haustür. Ich trinke das Licht und atme die Wärme ein. Die Sonne brennt hinter meinen geschlossenen Lidern dein Bild weg. Das ist gut. Atmen. Tief. Gleichmäßig. Ich erzeuge einen ruhigen Punkt in mir, an dem ich stehen kann, ohne zu schwanken.

Übers Feld, dann die Straße. Wind im Gesicht. Draußen ist gut.
Aber es hat einen Nachteil: Menschen. Hier gibt es welche. Supermärkte und ihre Parkplätze haben die dumme Angewohnheit, auch andere Menschen zu beherbergen. Gott, wie ich Menschen manchmal hasse! In Gruppen besonders. Je älter ich werde, desto mehr sind mir Menschenmengen zuwider. Mehr als ein Jahrzehnt gelebter Einsamkeit tut da ihr übriges.
Ich überprüfe den Sitz meines offiziellen Ausgeh-Gesichts. Scheint alles in Ordnung zu sein. Die Einkaufsroutine kann beginnen. Ich muß was kochen, habe ich beschlossen. Ich kann Tiefkühlfutter grad nicht mehr sehen. Ich brauche Ablenkung. Gemüse zum Töten. Außerdem ist der neue Verstärker da. Funktioniert einwandfrei. Beschickt meine Boxen wesentlich besser als mein altes Gerät, das Digitale ist manchmal nicht unvorteilhaft. Ich wollte immer noch, ich könnte mein Herz genauso schnell austauschen. Meinen Kopf.Weiterlesen »