Die Einhorn-Dialoge: Ungeküßt

„Sie ist immer so früh wach“, sagt das Fabeltier und glitzert vorwurfsvoll, während wir morgens im Bad versuchen, uns in vorzeigbare Menschen zu verwandeln. Oder in vorzeigbare Einhörner, versteht sich.

„Ja. Weiß ich. Ich verstehe es ja auch nicht. Einfach mal liegen bleiben wäre nicht schlecht. Vor allem, wenn sie ja gar nicht früh raus muß. Kuscheliges Bett und so.“

„Würdest du sie hinterunters Ohr küssen, wenn du gehst?“

„Natürlich würde ich das, du blödes Fabeltier. Immer.“

„Weißt du, was ich gerne mal von ihr hören würde?“

„Die Antwort auf: ’Mir fällt so einiges dir gegenüber ein, aber das ist heute der falsche Tag dafür. Dann fange ich sofort an zu heulen.’ ?“

„Schtimmt. Woher weischt du dasch?“ fragt Einhorn mit der Zahnbürste im Mund.

„Du bist wir. Also ich. Schon vergessen? Ich wüßte gerne mal, was ihr einfiele, gäbe es den richtigen Tag jemals. Sie hat uns das niemals verraten. Sie hat uns so vieles nie verraten. Die ganzen Bilder aus meinem Kopf…“

„Unfferem Kopff…“

„…unserem Kopf, die sie von uns bekommen hat. Und nie kam etwas zurück.“

„Na ja, manchmal schon“, sagt das Einhorn und beginnt, sich die schlafzerzauste Mähne zu kämmen. „Manchmal hat sie schon gesagt, was in ihr so vorgeht.“Weiterlesen »

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Solovorstellung

Ich denke daran, wie du mir erzählst, daß du es dir neulich an einem Tag achtmal selber gemacht hast und du am nächsten Tag vor lauter Muskelkater in den Beinen kaum die Treppe raufgekommen bist.
Mich erinnert das daran, daß ich es war, der dir gesagt hat: „Du solltest mal dringend lernen, es dir selber zu machen.“
Jemand mit deiner Veranlagung, die es nicht zulassen will, einen Höhepunkt zu kriegen, der keine Belohnung ist, weil du wirklich glaubst, so etwas Schönes nicht verdient zu haben. Unfaßbarer Sklavenschwachsinn. Und unglaublich gefährlich. Das ist etwa so, als würde man Charles Manson eine geladene Kettensäge in die Hand drücken, mit dem Hinweis, damit niemanden zu verletzen. Also keine besonders gute Kombination.Weiterlesen »

Brandrodung

‚Gestern ging es ihnen aber nicht so gut, oder?‘
Alle sagen heute solche Sätze zu mir. Seltsam. Andere Menschen scheinen durchaus empathische Antennen zu haben.

Wobei es schwierig gewesen wäre, in diesem Fall nichts zu bemerken. Dieses Bild mit den geprügelten Striemen auf deiner Rückseite geht mir nicht aus dem Kopf. Irgendwie hat es mich über eine Kante geschubst, von der ich gar nicht wußte, daß sie da ist.
Ich schwimme wie in Öl durch den Tag. Der Lärm eines vorbeifahrenden Zuges bohrt sich mit schriller Gewalt durch meine nebelverhüllten Gedanken. Sofort kocht wieder Wut in mir hoch. Rasende, brennende Wut. Hulk tobt mal wieder durch mein Hirn.

Ich nehme alle anderen um mich herum nicht wirklich wahr. In jeder Unterhaltung muß ich mir immer wieder vorsagen, daß diese Person da, die ihren Mund bewegt, irgendwie echt ist. Das ich auf den Input reagieren muß. Das diese Gestalt überhaupt eine Person ist. Das sie Wirklichkeit besitzt.
Aber es fällt mir schwer, mich davon zu überzeugen. In meiner schwebenden Welt gibt es nur mich. Ich stehe allein im Ladekonstrukt der Matrix.

Die Hälfte des Tages bin ich beschäftigt damit, nicht in Tränen auszubrechen. Ich befürchte, es würde nicht dabei bleiben. Das ich anfangen könnte zu schreien. Wild um mich zu schlagen. Dieser Drang, etwas zu zertrümmern, ist ohnehin kaum zu ertragen.
Und gerade bin ich umgeben von Dingen, die recht zerbrechlich sind. Sie würden alle wunderbar zersplittern. Während mein Geist die Flugbahnen der Splitter berechnet, würden meine Arme weitere Dinge zerstören. Was für ein wunderbarer Gedanke.
Mein Kopfkino zeigt mich, übersät mit Schnittwunden, in einem Meer aus zertrümmerten Chaos. Überall glitzerndes Glas und blutiger Dunst auf anklagenden Splittern. Ich beginne hysterisch zu lachen. Ich kann nicht mehr aufhören damit.

Alle Versuche der anderen, mit dem Ding in mir Kontakt aufzunehmen, werden im Ansatz vernichtet. Ich strahle Unnahbarkeit und Kälte aus, die eine Sicherheitszone um mich erschafft. Die Tatsache, daß du mir tatsächlich fehlst, brennt Löcher in meine Seele.
Eingehüllt in meinen Schleier aus Düsternis brülle ich meinen Schmerz auf Papier, fresse dein letztes Bild in mich hinein, überziehe mich von innen mit einer Schicht aus Asche. Mein Kopf füllt sich mehr und mehr mit diesem widerwärtigen, bitteren Geschmack verbrannter Gefühle. Zug um Zug lege ich Feuer an jede Erinnerung, die dich enthält.

Traum des Narren

Ich möchte immer in ihrer Nähe sein, was ich aber leider in 99,9 Prozent aller Fälle nicht bin, da diese großartige Frau aus meiner Sicht etwa schräg links hinter dem Nordpol wohnt. Jedenfalls ähnlich weit weg. Also stelle ich mir ständig vor, daß ich in ihrer Nähe bin. Beim Einkaufen zum Beispiel. Oder wenn sie mit dem Smartphone vor ihrer entzückenden Nase die Treppen runterläuft, wobei ich jedes Mal die Sorge habe, daß sich ihre Füße verheddern und sie furchtbar stürzt, denn manchmal kann sie sehr tolpatschig sein. Ein Wesenszug, den ich aus persönlicher Erfahrung nachvollziehen kann.

Aber am liebsten in ihrer Nähe bin ich, wenn sie sich die Decke in ihrem Bett bis zu den Ohren hochzieht und sich auf die Seite dreht, in ihre übliche fötale Schlafhaltung. Löffelchenstellung hat etwas sehr Erotisches und sie hat dafür auch die entsprechenden Kurven an den exakt richtigen Stellen, was natürlich meine Freude daran, mit ihr im Bett zu liegen – oder mir das zumindest vorzustellen – auch nicht gerade verringert.
Und wenn sie dann ihre Arme um den riesigen Flauschhund legt, der in ihrem Bett etwa 27 Prozent des verfügbaren Raums einnimmt, dann lächelt sie manchmal sogar, worüber ich mich unbändig freue.

Natürlich kämst du niemals auf die Idee, deine Arme um mich zu legen oder dich in meine Richtung zu drehen, denn das wäre einfach zuviel der Zuneigung und würde vermutlich heftige allergische Niesanfälle auslösen. Wenn ich denn da wäre. Aber auch, wenn ich es nicht bin.Weiterlesen »

Ich, allein

Ich kann das Grübeln hinter deinen wunderschönen Augen bis hierhin hören.
Da, wo ich bin. Alleine. Ohne dich. Ich könnte dir jetzt noch viel mehr dazu schreiben. Oder dir sagen am Telefon. Aber das tue ich jetzt einfach mal nicht. Du würdest es ohnehin nicht hören wollen. Zu gefühlig.

Ich kann klar und deutlich sehen, wie du auf der Seite liegst. Deiner rechten Seite. Eingerollt. Die embryonale Schutzhaltung. Das Kissen umklammert. Oder mehrere Kissen, auch möglich. Wie du die Augen geschlossen hast. Und wie hinter deiner Stirn aber trotzdem keine Ruhe einkehrt. Wie du jede Menge Szenarien durchspielst, die dir alle nicht gefallen und mit jedem Durchlauf negativer und dunkler werden.
Dieses Ticken in deinem Kopf. Wie eine Zeitbombe, deren Zähler in den dunklen Hallen deines Unterbewußtseins präzise und unerbittlich die Sekunden abschneidet. Völlig egal, wie sehr du dir Mühe gibst, das Geräusch für nichtexistent zu erklären. Keine Maske der Welt kann das verhindern oder stoppen. Denn Masken tarnen nur nach außen. Ich sehe dich innen.

Dieses zischende Geräusch im grauen Licht.
Wie eine schwere, pendelnde Klinge, die das Denken durchschneidet, während sie sich auf deine schlafende Gestalt absenkt, gefesselt auf einem Bett. Dieser ewige Countdown, der dir niemals verrät, wie lang er eigentlich ist.Weiterlesen »

Dieses Kratzen auf Vinyl…

Ich denke an dich, bevor ich einschlafe und ich kann nicht verhindern, daß ich lächle. Ich denke an dich, wenn meine Träume von dir dem grauen Licht des verregneten Herbsttages weichen. Und ich lächle. Ich beginne zu pfeifen, wenn ich das Teewasser aufsetze und dabei an dich denke.
So lange ich dich in meinem Kopf spüren kann, ist das Universum ein Ort, an dem alle Dinge möglich sind. Sogar, daß du erkennst, was du selbst bist. Oder besser das, was du eben nicht bist.

Du löschst meine verdammte Nummer nicht aus deinem Smartphone. Du rufst mich an und sagst, du willst nicht, daß wir wieder irgendwie komisch zueinander sind. Du bist froh, wenn ich mir anhöre, was dich bedrückt. Wenn ich dir die Hand halte. Dich in die Arme nehme, wenn du wieder vor irgend etwas oder irgendwem Angst hast. Und nichts tue ich lieber als all diese Dinge.
Du magst es, wenn ich dich vor dir selber beschütze. Du küßt mich virtuell und wünschst mir einen Guten Morgen. Du wünschst mir eine angenehme Nacht.
Ich küsse dich und wünsche dir dasselbe. Mir wünsche ich echte Küsse, den echten Geschmack von dir.Weiterlesen »

Nachhall

Ich denke nicht an dich. Ich schicke dir keine SMS. Ich suche keine Songtexte raus, um deine letzte Nachricht zu beantworten. Die, über die ich erst Tage später gestolpert bin. Was schon wieder diverse Tage her ist, da ich ja nie auf mein dummes Handy achte. Ich hätte noch immer keins, wenn die besorgte Mami mir nicht irgendwann dieses Ding gekauft hätte. Ich habe es immer noch. Weil es aussieht wie ein Phaser bei Star Trek, nur in rot. Außerdem telefoniert es besser als ein Phaser.

Ich stolpere über deinen Instagram-Account. Rein zufällig. Weil ich gerade heute nicht an dich gedacht habe. Den ganzen Tag schon nicht. Ich pfeife auch nie dieses verdammte Lied vor mich hin, von dem du mir eine Textzeile geschickt hast. Und das zufällig von einer meiner liebsten, in letzter Zeit neu entdeckten Bands stammt. Was du natürlich mit einkalkuliert hast, wie ich einfach mal unterstelle.
Während du irgendwie trostlos um Aufmerksamkeit heischend dein Abendessen per Photo-App teilst, glaubst du noch immer, ich sei suizidgefährdet einsam. Noch immer willst du mir weismachen, das sei der einzige Grund, warum du überhaupt deine kostbare Zeit für mich geopfert hast und strickst mir daraus auch noch einen Vorwurf. Dabei gibt dir der arme, alte Mann, den du so regelmäßig bedauern konntest, nur die Möglichkeit, dich selber besser zu fühlen.
Du hast vor elf  Minuten ein Update gepostet. Ein winziges Stückchen Lachs und Brokkolisauce. Mit sorgfältig geachtelten Cherrytomaten umd irgendwas Grünem nebendran. Wie immer als Gesamtkunstwerk aufgeschichtet. Ungewöhnliche Zeit zum Essen für dich. Eventuell sitze ich immer noch in deinem Kopf. Oder du in meinem.Weiterlesen »

Geburt eines Einhorns

Was mir noch von dir bleibt, ist die immer noch ungelesene Känguruh-Trilogie von Marc Uwe Kling. Die hatte ich mir gekauft, weil du das Känguruh so großartig findest. Und weil ich den ersten Band schon gelesen hatte.
So wurdest du mein Känguruh. Mein kommunistisches Känguruh. Denn du bist eine Literatin und kannst wunderbar zitieren und was den Kapitalismus angeht, sind wir beide einer Meinung mit dem verdammten Beuteltier, das früher beim Vietcong war und mit dem Künstler in einer WG lebt.
Oder zumindest ein Teil von dir ist dieser Meinung. Der Teil, der sich keine Schuhe für 150 Mäuse und Klamotten für 300 kaufen läßt von einem neuen Dom oder davon wenigstens nicht beeindruckt ist. Und auch keinen Vibrator für 160 Euro, bei dem ich mich frage, ob der auch Kaffee kochen kann. Finanziell kann ich bei so etwas nicht mithalten. Und ich wollte es auch nicht.

Jedenfalls kann ich das Scheißbuch nicht lesen. Denn dabei würde ich wieder an dich denken. Also steht es rum, drei Bände im Schuber, völlig konsumistisch, und staubt zu.

Kurz vor dem endgültigen Ende, als wir gerade kurz dabei waren, uns wieder einmal zusammenzuraufen, hast du noch gesagt, daß du eine Folge vom Känguruh im Fernsehen gesehen und dabei an mich gedacht hättest. Schön sei das gewesen, hast du geschrieben. Ich habe gelächelt bei diesem Satz. Ich wollte immer eine Quelle schöner Erinnerungen für dich sein. Das war eines meiner Ziele. Diese Dunkelheit aus deinem Kopf, deiner Seele herauszuschneiden und durch etwas Helleres zu ersetzen. Etwas Schönes. Etwas Sanftes und Erinnernswertes.Weiterlesen »

Totes Gleis

Ich sitze da, mit geschlossenen Augen. Langsam erschaffe ich in meinem Kopf einen Ort, weit weg vom Hier und Jetzt. Einen Ort ohne andere Menschen, die mir auf die Nerven gehen könnten. Außer dir. Du mußt hier irgendwo sein. Denn du hast mir den Ort als Bild geschickt.
Ein sonniger Tag. Es ist ruhig hier. Einsam fast. Herbstkühle Luft weht durch meinen Kopf. Zweige und Äste knarren vor sich hin. Laub raschelt. Dieses typisch trockene Aneinanderreiben von vergangenem Grün, das sich immer noch an seinem Platz festklammert.

Dann sehe ich dich. Wie du allein durch den Wald spazierst, die Kamera in der Hand. Wie du überall hinsiehst. Die mit Blättern zugewehten Trampelpfade verläßt, ohne Rücksicht auf Verluste. Wie du in die Knie gehst und ein Motiv in den Fokus nimmst. Völlig in Gedanken verloren nimmst du die Dinge auf, in die Kamera und auch in dich.
Ich kann deine Leidenschaft fühlen, mit der du das tust. So wie man sie später immer in deinen Bildern sehen kann. Deine Dämonen und Drachen schweigen die ganze Zeit, werden vollkommen belanglos, während du die Mauerreste photographierst, auseindergeschoben von den Wurzeln eines kräftigen Baums. Ein kleiner Schößling zwischen moosigen Ziegelsteinen vor dreißig oder fünfzig Jahren.
Dieses Bahngleis. Überwachsen, halb versunken, zugedeckt von Zeit und Flechten. Erblindetes Metall. Ein Weg, der nirgendwo mehr hinführt. Schon lange nicht mehr.Weiterlesen »

Dunkelheiten

Du hast in mir meine dunkle Seite geweckt. Erstmals seit sehr langer Zeit gebe ich mir gegenüber zu, daß ich von dem ganzen Blödsinn eigentlich nichts halte, den ich bisher in Sachen Beziehungen von mir gegeben habe. Das es nicht so sein sollte, daß einer dem anderen gehört.
Es ist deswegen Blödsinn, weil ich genau das will. Ich wollte es immer. Eine Partnerin muß nicht nur zu mir gehören. Sie muß auch mir gehören. Was ein erheblicher Unterschied ist.

Während ich mit ihr durch die dunklen Verliese deines Geistes gewandert bin und dich dazu gebracht habe, die eine oder andere Tür zu öffnen, hast du in mir schlafende Drachen aufgestört. Mit deiner Art. Mit dem, was Du bist. Mit deiner devoten Nummer, dieser gruseligen Unterwürfigkeit, hast du in mir das tiefe Verlangen erweckt, dich zu beschützen. Dein Alter spielt dabei sicherlich auch eine Rolle. Gleichzeitig spüre ich nagende, bohrende Gier in mir. Gier darauf, dich zu besitzen. Du hast die Gier in mir geweckt, die verlangt, daß du mir gehörst. Weil du immer mir gehört hast. Ich wollte, daß ich das Schwerezentrum in deinem Leben bin. Ausschließlich. Das ich in deinem Kopf sitze, wie es auch für eine Weile der Fall war. So wie du in meinem. Verschmelzung.Weiterlesen »