Dämmerung

All das, worin ich mich jeden Tag bewege, was ich jeden Tag wahrnehme, was mich schon immer als normal umgeben hat in meinem Leben – all das ist nichts weiter als eine wahnsinnig gewordene Massenpsychose. Das angebliche reale Leben ist nichts anderes als eine Traumwelt. Oder womöglich eine Albtraumwelt. Ich bin umgeben vom Zombies, die schlicht noch nicht begriffen haben, das sie welche sind.

Aber der Schläfer ist unruhig. Er wälzt sich hin und her in seinem Schlaf, während er im Traum durch Labyrinthe hetzt, in denen sich die Wände verschieben und die Gänge hinter ihm verschließen. Immer weniger Optionen bleiben zurück und keine von ihnen ist gut oder verspricht eine bessere Zukunft. Und irgendwo in all diesen verschlungenen Gängen hausen Ungeheuer. Der Schläfer sieht sie nicht. Aber er kann sie hören. Sie riechen. Sie spüren.

Immer öfter betreten wir eine Weggabelung, einen Platz, von dem weitere dunkle Gänge abzweigen, und haben diesess unbestimmte Gefühl, einen Raum zu betreten, in dem gerade eben noch jemand war. Oder ein Etwas. Wir schaudern im Schlaf und wenden uns ab, laufen gehetzt in den nächsten Gang. Sackgassen voller Monster.

Unsere albträumende Traumwelt, diese Manifestation eines fundamentalen Mißverständnisses über die Natur der Welt und unserer Rolle in ihr, sie wird sich auflösen. Sie tut es bereits. Immer öfter zerreißen die Nebelschleier unserer Selbstzufriedenheit und was wir durch die Fetzen erkennen können, sind keinesfalls die verheißungsvollen Ufer von Avalon. Die schroffen Küsten, auf die wir zutreiben, sind voller Blut und Knochen und Verzweiflung. Das ist nicht das bessere, das strahlendere Morgen, das unsere ökonomischen und politischen Demagogen uns immer versprochen haben.
Dies ist das Land, in dem alle Lügen enden. Dies ist das Land der Konsequenzen unserers Handelns. Oder unseres Nicht-Handelns. Es ist nicht das Land der Füllhörner. Nur die Wüste der Wahrheiten, die immer geleugnet wurden.

Der Schlafende muß erwachen. Bald, sehr bald, wird es soweit sein.

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Nur ein Moment

Dieser Moment, in dem ich zum ersten Mal deine Stimme hörte. Der Moment, in dem ich wußte, daß ich diese Stimme immer wieder würde hören wollen.
Zum ersten Mal hattest du an Realität gewonnen. Keine getippten Sätze im digitalen Raum. Kein Bild, das zwar genauso Dinge zeigt wie früher ein Photo. Aber trotzdem bleiben digitale Bilder eben digitale Bilder. Man kann sie nicht greifen. Sie haben keine physische Substanz. Und das merkt man den Bildern, mit denen Millionen Menschen die Welt fluten, auch an.

In einer immer flüchtigeren und unwirklicheren Welt war deine Stimme der erste echte Kontakt. Funken auf Schießpulver. Der Lichtbogen für den Raketentreibstoff. Bereits in diesen Sekunden stellte ich mir vor, wie es wäre, diese Stimme neben mir zu haben. Morgens beim Aufwachen. Während du mich aus deinen verschlafenen Bambiaugen anblinzelst. Dieser unwirkliche Blick unter zerwühlten Haaren hervor.Weiterlesen »

Nightfall

Ich sitze am Ufer und sehe auf den Fluß hinaus. An diesem prächtigen Sommertag glitzert das Sonnenlicht auf dem Wasser. Die Strömung formt daraus eine Oberfläche aus flüssigem Glas und zerbricht das Leuchten in ein Universum aus unzähligen Billionen Sonnen.
Ich atme tief, trinke die Luft in mich hinein, spüre den Molekülen des Sauerstoffs nach, der sich in meinem Blut verteilt. Wie so oft in letzter Zeit versuche ich, die Dunkelheit in meinem Innern zu beruhigen. Dieses dunkle Meer voller seltsamer, abstoßender Dinge, das sich in meinen persönlichen Tiefen befindet.
Dieses wunderbare, kalte, schwarze Glühen in mir, angefüllt mit faszinierenden Versprechen, das sich immer wieder einen Weg nach oben bahnen möchte. Es brodelt und schäumt so dicht unter meiner offiziellen Oberfläche wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.

Es fesselt mich ebensosehr wie mich das Glitzern auf dem Wasser fokussiert.
Ich sehe weiße Rosenblätter hinter meinen geschlossenen Augen, die sich rot färben von aufgesaugtem Blut. Ich kann ihren Duft riechen. Ich spüre den Geschmack des Blutes auf meiner Zunge. Heißes, rostiges Metall.
Ich sehe dein Gesicht überall. Im Glitzern auf dem Wasser. In den Wolken, die sich am Himmel über mir bewegen. In der Form der Blütenblätter, die leise raschelnd durch meinen Geist wehen, langsam vertrocknend. Ich stehe am Rand eines gigantischen Abgrunds in meiner Seele und sehe das Glühen der Dunkelheit tief unter mir. Ich kann sie rufen hören. Kriegslärm ertönt in meinem Geist. Getrampel von Hufen hinter meiner Stirn. Das Klirren von Waffen.Weiterlesen »

Grauzone

Es ist ein grauer Tag, der mich diesmal weckt. Wieder früher als gestern. Schon gestern war es früher als vorgestern. Jeden Tag ein bißchen früher. Dabei war ich sogar länger wach als sonst.
Mit jedem Tag erodiert mein Schlaf um ein paar Minuten dahin. Ganz langsam, wie das Tröpfeln des Wassers von einer sonnenbeschienenen Gletscherkante. Tropfen für Tropfen. Aber addiert ergeben sich Bäche, Flüsse, Ozeane. Endlosigkeiten aus Wasser.

Ich bin so dankbar für Schlaf. Mein verdammtes, ruheloses Gehirn legt eine Pause ein. Oder zumindest muß ich ihm eine Weile nicht mehr zuhören. Es wird wieder schlimmer in letzter Zeit. Die Bücher, die ich lese, die wissenschaftlichen papers, die ganzen Artikel, die Nachrichten. Alles, was ich auf mein Denken ablade, um dein Scheißbild in meinem Kopf zuzuschütten.
Alles sammelt sich an, wird in meinem Kopf hin und her geworfen. Die Daten. Die Zahlen. Kurven und Grafiken. Alles zusammengerührt, durcheinandergewürfelt, wiedergekäut, in Beziehung gesetzt, zu Puzzlestücken gestanzt und wieder zusammenmontiert.
Ich kann ums Verrecken nicht aufhören zu denken und der Ton meiner Gedanken ist soviel lauter geworden, seitdem du nicht mehr bist. Ich sage extra nicht „da bist“, denn das warst du ja eigentlich nie. Monatelang hast du mich in einer Illusion von Nähe gehalten wie in einer Nährlösung.Weiterlesen »

Fluchtbewegung

Ich muß hier raus.

Ich habe in aller Ruhe gefrühstückt, nachdem mich die Sonne so gegen neun Uhr geweckt hat an diesem Sonntag.Vorgestern hat es bei dem verdammten Gewitter nachts meinen Verstärker zerlegt, den ich nicht ausgeschaltet hatte.  Einmal in mehr als zehn Jahren habe ich die übliche Routine nicht beachtet. Ich war eingeschlafen in der schwülen Hitze der zwei Sommertage vorher. Das war gut, denn ich habe endlich mal nicht von dir geträumt.
Bis mich das tiefe dröhnende Brummen weckte, das jetzt nicht mehr weggehen will. Was immer es sein mag, dieses technische Gerät hat wohl eindeutig einen endgültigen Schaden erlitten. Schade. Dieser Verstärker ist satte 38 Jahre alt und hat mir gute Dienste geleistet.

Jetzt habe ich keine Musik in meiner Wohnung. Denn die kommt vom PC und der hängt am Verstärker und der…nun ja, keine Musik. Aber ich brauche irgendwas, um diese beschissene Stille in mir zu übertönen. Ich muß diese leeren Hallen, die sich in meinem Inneren befinden, mit etwas ausfüllen.
Ich habe bereits die Hütte aufgeräumt, habe den Staub bekämpft, der sich auf, unter und zwischen den antiken Videocassetten angesammelt hatte. Denn beim Frühstücken konnte ich ja nicht wie üblich vor dem PC hocken. Kein Ton beim Dokus gucken.

Also mußte der Fernseher herhalten. Der steht ja ohnehin nur deshalb rum, weil er noch Videos anzeigen kann. Fernsehanschluß habe ich gar keinen. Wer braucht das schon?
Zum ersten Mal seit zwei Jahren sitze ich also beim Frühstück nicht vor dem PC, sondern vorm Fernseher. Oder sind es drei Jahre? Ich weiß es nicht genau. Also mußte ich natürlich auch ein Band einlegen. Dafür mußte ich eins aussuchen. Da war dann die Sache mit dem Staub. Eine prima Gelegenheit zur Ablenkung. Alles ist gut, solange es ablenkt. Anschließend mußte ich wie immer das Gekrümel zusammenfegen, das ich jedesmal anrichte. Da überkam mich der Drang, das mit dem Staubsauger zu erledigen. Alles ist gut, solange es ablenkt.Weiterlesen »