Du warst niemals schöner, Herbst

Das gnadenlose Glühen der Sonne hat nachgelassen. Nachts kann ich wieder schlafen, ohne dabei in meinem Bett langsam zu ertrinken oder im eigenen Saft vor mich hin zu köcheln.
Noch immer ist der endende Sommer warm. Auch heute erstreckt sich wieder wolkenloses Blau über meinem Kopf. Unter den Reifen meines Transportmittels erstreckt sich immer noch betonharte Erde. Der einzige Unterschied zwischen dem Asphalt der Straße und den Feldwegen ist, daß die Feldwege glatter sind hier in dieser Stadt.

Der Flieder blüht. Schon wieder. Und ich liebe den Duft von Flieder. Früher verkündete er für mich Sommer. Heute verkündet er das Heraufdämmern des Herbstes. Jedenfalls auch. Noch immer lassen alle Büsche und Bäume auf meinem Weg ihre Äste und Blätter hängen. Es ist zu trocken, selbst für diese Gegend hier.
Doch ich bin in Bewegung. Wochenschwere Bleifesseln depressiven Dahindümpelns verwandeln sich in leichte Seide. Ich suche noch immer Entspannung im kühlenden Fahrtwind. Im Rhythmus meines Atems. Sogar dem meines Herzens, dem ich so sehr mißtraue. Ich suche wieder diesen Moment aus Ruhe und Fluß. Ich hatte ihn so lange vermißt, während du Teil von mir warst.Weiterlesen »

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Lazarus

Wenn dieser Mann an dich denkt, brennt weder sein Herz noch seine Seele. Vielleicht lächelt er, aber er lächelt nicht wie ich.
Er lächelt wie ein Mann, der seine Kunstsammlung begutachtet. Ein besonders wertvolles Stück in die Hand nimmt. Besitzerstolz, gepaart mit kühler Gier und der Gewißheit des Neids von anderen. Der Besitz steht im Vordergrund. Die Schönheit als Selbstzweck, um die Profaniät der Hand zu übertünchen, die sie streichelt. Ein Kunstwerk altert nicht.

Wenn ich an dich denke, brennen Sonnen in mir aus. Jedesmal. Immer wieder.
Wenn ich dabei lächle, ist es ein Lächeln aus purer Freude. Wenn deine Stimme in meinen Gedanken ertönt, sind es Glocken, die nur für mich läuten. In meinem Lächeln und meinen Gedanken liegen Schmerz und Erstaunen immer nebeneinander. Schmerz, weil ich dir wenig bedeute. Erstaunen darüber, daß es in meinem Universum so etwas wie dich gab, wenn auch nur für einen Moment. Meine Hände würden dich immer wieder streicheln, um sich zu vergewissern, daß du existierst.Weiterlesen »

Gekreuzte Wege

Eine Freundin ist tot. Hätte T. nicht damals, als ich sie kennenlernte, einen festen Freund gehabt und ich nicht ebenfalls eine überaus wunderbare Partnerin, ich hätte mich in sie verlieben können. Wäre T. nicht außerdem noch nicht einmal volljährig gewesen und ich bereits in meinen Dreißigern, ich hätte mich trotzdem in sie verlieben können.
Damals schon, um die Jahrhundertwende, so muß man es wohl sagen, war sie eine großartige Künstlerin. Unablässig zeichnete sie ihre Ideen auf Papier, befreite ihren stets umtriebigen Kopf von den Bildern, die er so produzierte. Als einer, der selber schreibt, kann ich verstehen, was oft in ihr vorging, wenn sie wieder irgendwo im Alltag auf eine Anregung getroffen war, eine Inspiration sie stillstehen ließ, um Stift und Karton hervorzukramen.

T. war schon damals jemand, der unablässige, unbändige Fröhlichkeit ausstrahlte. Sie war eine dieser Personen, in deren Nähe es selbst einem Misanthropen wie mir unmöglich ist, irgendwie schlecht drauf zu sein. In dieser Eigenschaft als aktiver Kritiker unserer Spezies kann ich sagen, daß auf diesem Planeten sehr viele Menschen herumlaufen, die scheinbar keine Seele besitzen. Sie haben sie eingetauscht. Wo ein Herz sein sollte, sitzt eine Registrierkasse. Wo Gefühl sein sollte, sitzt eine Kreditkarte. Wo Seele sein sollte, scheint bei diesen Menschen irgendein Plastikdingsbums neuester Generation zu ticken, das sie gerade erworben haben. In wenigen Monaten wird es Müll sein, vergessen und freudlos und sinnlos.Weiterlesen »

Zwischen Zeilen

Jedesmal, wenn ich dich nach deinem verdammten Gewicht fragte.
Wenn ich fragte, ob du was gegessen hast inmitten deiner üblichen Scheißhektik.
Jedesmal, wenn ich dir sagte, daß du aufpassen sollst beim Radfahren.
Wenn ich sagte, daß du Handschuhe und Schal mitnehmen sollst.
Jedesmal, wenn ich dir sagte, daß du dir eine Decke holen sollst auf deinem verdammten Sofa.
Wenn dir kalt war und ich fragte, ob du dich zugedeckt hast.
Jedesmal, wenn ich dir sagte, daß du dich melden sollst, sobald du zu Hause bist.
Wenn ich dir einen schönen Tag gewünscht habe.
Jedesmal, wenn  ich dir sagte, daß du endlich aufhören sollst mit deiner Lernorgie.
Wenn ich in deinem Kopf gesessen habe, während du ihn auf deine Kissen legtest.
Jedesmal, wenn ich meine Hand austreckte nach dir auf dem Videobild.
Wenn ich dir virtuell dein Haar zerwühlte.

Jedes verdammte Mal habe ich dir gesagt, daß ich dich liebe.
Wenn du es gehört hast oder gespürt oder verstanden
Jedesmal oder jemals, weiß ich es noch immer nicht.

Wenn ich an dich denken muß.
Jedesmal sage ich dir noch immer, was du mir bist.
Wenn ich nicht aufpasse.
Zerreißt du mich noch immer.
Jedesmal.

© by A. S. (November 10th, 2017)


© und alle sonstigen Rechte beim Verfasser. Dieses Werk unterliegt nicht der CC-Lizenz. Keine Weiterverbreitung ohne Rücksprache.

Das Beitragsbild stammt einmal mehr von Christian Hopkins. Es ist titellos, aber ich habe es „Hours of glas“ getauft.
Den Künstler findet man auf Facebook unter diesem Link.

Restlicht

Es kommen dunklere Tage.
Jetzt, wo mir nichts bleibt von dir aus dieser grauen, gestaltlosen Leere, wo vorher dein Bild war.
Jedesmal, wenn ich über etwas lachen will oder lächeln, kommt dieser Gedanke, daß dir das gefallen hätte oder das du jetzt auch lächeln würdest, wärst du denn noch da. Doch das ist Blödsinn. Du warst es ja niemals.

Trotzdem verläßt mich dieses Gefühl nicht, daß du fort bist. Irgendwo, weit weg, in einer unerreichbaren Ferne, über die meine Gefühle nicht hinwegreichen. Sie haben es in Wahrheit nie getan.
Du wolltest nichts und schon gar nicht von mir. Dafür wiederum warst du erstaunlich hartnäckig darin, mir vorzumachen, ich wäre doch etwas für dich. Jemand. Nichtsahnende Beobachter hätten manchmal schlußfolgern können, daß du mich liebst.Weiterlesen »

Unbedacht

Wie ich niemals an dich denke. Bei diesem schönen steinernen Deko-Herz. Beim Blick auf den Kalender, der mir sagt, daß du schon wieder Geburtstag hast. Eingehüllt in Schweigen, wie im letzten Jahr. Oder die Arme deines Sklavenherrn. Wie auch immer. Ich denke nicht daran. Sage kein Wort. Denke nicht daran, dir was zu sagen. Zu schreiben. Welchem Zweck sollte das dienen?

Ich lächle auch nicht bei dieser Ausgabe von Anna Karenina, die mir in der Bibliothek in die Hände fällt. 1959. Die Ausgabe ist älter als ich. Älter als mein Bruder sogar. Sie würde dir gefallen, denkt sich ein Teil von mir. Ganz kurz nur denkt er das, und ich läche. Kurz.

Ich dachte nie an dich, als ich Cobains Tagebücher kaufte. Als ich das Känguruh wegräumte, von dem ich vorher noch zu dir sagte: „Es steht immer hinter mir.“
Du wolltest mir damit etwas sagen. Aber wie immer hast du es nicht getan.
Jetzt steht es da nicht mehr. Und als du es bemerkt hast, hast du nicht etwa danach gefragt. Du hast gesagt, wie süß doch das Schaf sei. Denn das stand auch immer hinter mir in meinem Wohnzimmer. Und das tut es immer noch.Weiterlesen »

Das leere Du

Alles nur Selfies und digital präparierte Szene. Niemals du selbst. Denn mit eben diesem „Du“ hast du ein ganz zentrales Problem.
Bist immer nur das gewesen, was andere dich sein lassen wollten. Seit diesem ersten Kerl, der dich auf das geprägt hat, was du jetzt unbedingt zu brauchen glaubst. Seit ewigen Zeiten keine echten Freunde um dich herum. Nirgends.

Du sagst nie wirklich Nein. Bist immer unverbindlich. Stellst niemals zur Rede. Gibst niemals zu, zutiefst verletzt zu sein oder zu bluten. Traust dich niemals wirklich zu weinen, wenn jemand es sehen oder hören könnte. Läßt dich in jede Richtung formen, selbst wenn deine Knochen dabei brechen. Es ist nicht so, daß du nicht existierst. Du bist überhaupt nicht. Ein seltsamer Zustand. Wie Nebel zwischen den Bäumen.

Keine deiner Baustellen wird bearbeitet. Du gibst alles ab, was direkt mir dir zu tun hat. An goldenen Drähten hängend, glaubt die willenlose Sexmarionette, alles sei unter Kontrolle. Verkauft zu werden und nach Zeit gehandelt wie Fleisch nach Kilogramm ist Zuneigung statt tiefster Verachtung. So bleiben alle Schäden liegen und fressen sich weiter in deinen Geist. Es kann gar keine Verachtung sein, denn du bist ja keine Person. Geschweige denn hast du Persönlichkeit. Gegenseitiger Mißbrauch muß Liebe sein.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Kurt-Cobain-Horn

„Schick es ihr nicht“, sage ich zum Einhorn und blicke kurz von meiner Aufmunterungslektüre auf.

„Warum nicht?“ fragt das Fabeltier und zuckt dabei schuldbewußt zusammen. Denn eigentlich hat es in meinem Facebook-Account nichts verloren. Andererseits ist es etwas schwierig, das Passwort vor ihm geheim zu halten.

„Weil sie das dann sieht. Und womöglich drauf antwortet.“

„Sie wäre aber total neidisch. Ach was, ausrasten würde sie.“

„Sie würde vermutlich sagen: ‚Ich hasse dich.‘ „Und womöglich…“ – für einen Moment halte ich inne, von der Vorstellung schmerzhaft berührt – „…womöglich würde sie lächeln und sich freuen.“

„Ja. Wäre das nicht toll?“, antwortet das Einhorn und sieht mich an. Es sieht etwas zersaust aus in den letzten Wochen.. Immer wieder erleidet es Traueranfälle, die dann von manischen Episoden abgelöst werden.

„Nein. Wäre es nicht. Du willst nur einen Aufhänger haben, um was zu ihr zu sagen. Laß das!“

„Aber…“ sagt das Fabeltier und senkt seinen Kopf trübselig zu Boden…“aber irgendwie ist die Welt ohne sie..“

„…anders. Aber insgesamt ist sie eigentlich genau so, wie sie mal war. Früher. Bevor ich über sie gestolpert bin. Oder wir übereinander. Der einzige Unterschied ist, daß ich heute weiß, daß es sie gibt. Aber das ignorieren wir einfach mal.“

„Das habe ich ja versucht. Aber ich vermisse sie. Sie fehlt mir so sehr.“

„Aber du ihr nicht. Und ich auch nicht. Sie hat nichts gesagt oder getan, das diese Schlußfolgerung auch nur annähernd rechtfertigen würde.“Weiterlesen »

Fütterungszeit

Gestern aufgewacht und mein erster Gedanke warst du. Schon wieder. Immer noch. Heute dasselbe. In den letzten drei Tagen habe ich mich allein fünf Dutzend mal überreden müssen, nichts zu sagen. Kein Wort. Kein Bild. Zwanzigmal überlegt, ob ich dich nicht schlicht wegblocken soll. Aber das bringt nichts. Nichts blockt dich aus meinen Gedanken. Hau ab aus meinem Kopf.Weiterlesen »

Letztmalig

Heute vor achtzehn Monaten habe ich die zweite Nacht bei dir verbracht. Neben dir. In deinem Bett. Für einen Moment lang war es unser Bett in meinen Gedanken. Ich habe die ganze Nacht deinem Atem zugehört. Und gelächelt im Halbschlaf.
Heute vor achtzehn Monaten bin ich in ein paar Stunden mit der Sonne aufgestanden und mit dir. Mit diesem verdammten Bus zum Bahnhof gefahren. Heute vor achtzehn Monaten habe ich dich geküßt. Auf dem Bahnsteig. Ganz vorsichtig und unauffällig, denn Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit sind dir ein Greuel. Es war ein so wundervoller Moment.
Heute vor achtzehn Monaten, irgendwann zwischen zehn und elf Uhr, habe ich dich das letzte Mal berührt. Das letzte Mal gespürt. Das letzte Mal gerochen. Den Duft deiner Haare. Die Wärme deiner Haut. Deinen Herzschlag an deinem Hals.

Ich stieg in diesen Zug. Glücklich und voller Hoffnung und voller Liebe. Ein Teil von mir blieb bei dir zurück. Als Versprechen. Als Pfand. Als Vertrauensbeweis. Vor achtzehn Monaten sammelte sich der Regen an der Scheibe des Zuges. Heute ist ein wunderschöner Sommertag. In meinem Kopf regnet es und ich höre das Zischen der Räder auf den Schienen.
Heute, im Hier und Jetzt, bin ich in allem irgendwie ein Stück weniger.
Hätte ich damals geahnt, daß es für immer das letzte Mal sein würde, ich hätte dich niemals losgelassen.