Panische Ruhe

Ich dusche mich gründlich ab. Seifenschaum rinnt gurgelnd in den Abfluß der Wanne. Ich habe schon längst normales Shampoo und anderen Kosmetikkram im Bad durch Seifen ersetzt. Um den Plastikmüll zu reduzieren. Den Einsatz von Ölderivaten in der Kosmetik. Seife ist eine gute Sache. Weniger Inhaltsstoffe machen weniger Streß, so lautet meine simple Gedankenformel.
Außerdem scheint Seife ein recht probates Mittell gegen das grassierende Coronavirus zu sein. Sie zerstört zuverlässig die virale Hülle und killt damit den Killer. Ätschbätsch, du blöde Nicht-Lebensform.

Der Drang zur Dusche ist unbeherrschbar groß geworden. Nur Händewaschen reicht jetzt nicht.
Noch vor zehn Minuten hatte ich alle Mühe, im Supermarkt keine Panikattacke zu bekommen. Aus dem regelmäßigen Ba-dumm-Ba-dumm meines Herzschlags wird zum X-ten mal in den letzten Tagen ein in der Muppetshow runtergedonnertes Solo von Animal. Trommeln, Trommeln, Trommeln!
Ich kann förmlich sehen, wie sich die Befehle der Leitzentrale des Sinusknotens an mein rechtes Atrium auf dem Weg dorthin verheddern und aus dem BipBipBip einer Monitorlinie ein schrilles Rückkopplungspfeifen wird. Ich atme ein. Tief. Sofern das durch den Wollschal über meiner Nase und meinem Mund geht. Die Brille beschlägt augenblicklich. Wie früher, auf jeder verdammten Demo. Wäre ich da so aufgelaufen wie ich heute Einkaufen gehe, die Staatsmacht hätte mich sofort zum Gespräch rausgewinkt.

Das Stolpern dauert nur eine Zehntelsekunde. Vielleicht eine ganze. Zeit wird in diesen Momenten einer Dilatation unterworfen, die kein Einstein jemals hätte berechnen können.
Ich zahle. Ich gehe raus. Ein sonniger Tag. Sogar ein sonniger warmer Tag, im Gegensatz zu den letzten paar. Ich sattle mein Drahteinhorn und radle davon. Lasse die ganzen gruseligen Menschen hinter mir, die in viel zu engen Gängen nicht in der Lage sind, die aktuell angedachten 150cm Abstand zu halten. Wenn sie denn dran dächten. Was die meisten von ihnen nicht tun.Weiterlesen »

Ein Jahrestag

Es sind heute vier Jahre. Vor vier Jahren bin ich über dich gestolpert durch reinen Zufall. Oder wir sind übereinander gestürzt. Zwei Leute, die auf ihre offenen Schuhbänder treten und beim Stolpern mit den Köpfen zusammenstoßen. Du bist nicht hier. Du warst natürlich niemals hier. Aber wärst du es, es wäre inzwischen meine zweitlängste Beziehung. Denn es würde ja nicht am heutigen Tag enden.
Ich weiß noch immer nicht, mit wie vielen Personen ich mich da eigentlich unterhalten habe, immer wieder zwischendurch, über so viele Dinge. Nach meiner besten Schätzung drei. Das Einhorn tippt pragmatisch auf zweikommafünf. Die Tendenz geht wahrscheinlich eher zu vier, denn eine ungerade Personenzahl in deinem Kopf wäre für dich – für euch – schwer zu ertragen. Aber vielleicht ist genau deswegen zweikommafünf richtig. Das Einhorn mag ein glitzerndes Fabeltier sein, das rumnerven kann wie…nun, ein Einhorn. Aber es hat oft recht.

Ich hatte auch oft recht. Sehr viele Dinge sind angekündigt nicht besonders gut gelaufen. Der Mann, der tatsächlich eine Beziehung mit dir führte, statt nur eine zu dir zu haben, hat sich wohl als der lieblose Penner herausgestellt, für den ich ihn immer hielt. Wobei Lieblosigkeit nicht der Grund gewesen sein kann, warum du ihn verlassen hast. Ich denke eher, es ist wieder etwas vorgefallen. Es gab da immer diese Kategorie „Dummheiten“. Ereignisse dieser Kategorie führten dazu, daß mein Telefon klingelte und ein Bild von einer Badewanne erschien, oft mit Kerzen und der unvermeidlichen Flasche Wein. Dann dein Gesicht, bis zum Hals im Schaum. Augenringe. Dieser fiebrig leuchtende Blick.

Ich habe dich nie gefragt, ob das symbolische Flüchten in den Mutterleib je erfolgreich gewesen ist. Vielleicht hätte ich das tun sollen. Aber ich mußte mich immer geistig auf das Geständnis der jeweiligen Dummheit vorbereiten. Die konnte mit anderen Männern zusammenhängen oder auch mit Rasierklingen und Blut zu tun haben. Oder mit der Tatsache, daß ich zwar oft sehen konnte, daß du halbwegs normal ißt, aber trotzdem immer dünner wirst. Du warst niemals die Person, die für starke Stimmungsschwankungen unempfindlich ist. Keine deiner Personen ist das.Weiterlesen »

Du warst niemals schöner, Herbst

Das gnadenlose Glühen der Sonne hat nachgelassen. Nachts kann ich wieder schlafen, ohne dabei in meinem Bett langsam zu ertrinken oder im eigenen Saft vor mich hin zu köcheln.
Noch immer ist der endende Sommer warm. Auch heute erstreckt sich wieder wolkenloses Blau über meinem Kopf. Unter den Reifen meines Transportmittels erstreckt sich immer noch betonharte Erde. Der einzige Unterschied zwischen dem Asphalt der Straße und den Feldwegen ist, daß die Feldwege glatter sind hier in dieser Stadt.

Der Flieder blüht. Schon wieder. Und ich liebe den Duft von Flieder. Früher verkündete er für mich Sommer. Heute verkündet er das Heraufdämmern des Herbstes. Jedenfalls auch. Noch immer lassen alle Büsche und Bäume auf meinem Weg ihre Äste und Blätter hängen. Es ist zu trocken, selbst für diese Gegend hier.
Doch ich bin in Bewegung. Wochenschwere Bleifesseln depressiven Dahindümpelns verwandeln sich in leichte Seide. Ich suche noch immer Entspannung im kühlenden Fahrtwind. Im Rhythmus meines Atems. Sogar dem meines Herzens, dem ich so sehr mißtraue. Ich suche wieder diesen Moment aus Ruhe und Fluß. Ich hatte ihn so lange vermißt, während du Teil von mir warst.Weiterlesen »

Gewollt wie

Man sagt immer, über die erste Freundin, die erste Frau oder sonstige Person hinwegzukommen, die einem wirklich etwas bedeutet hat, wäre am schwersten.

Ich kann das nicht bestätigen. Meine erste wirkliche Freundin verwandelte sich im Laufe der Zeit auch in meine Frau. Und später meine erste Scheidung. Es ist bisher die einzige geblieben und das wird sich nicht ändern. Aber das ist in Ordnung. Einmal in seinem Leben sollte jeder Mann verheiratet gewesen sein.
Aber nach ihr kam die nächste Freundin. Wobei vorher eine Affäre kam. Mit einer Frau, auf die ich binnen Sekunden so unfaßbar scharf war wie noch nie zuvor in meinem Leben. Was auch durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Ausgerechnet ein Mann, der seine Frau filmreif an einen guten Freund verloren hatte, führte also eine Affäre mit der Freundin eines anderen. Aber das war nur eine kurze Sache. Sobald ich etwas ernsthaftere Gefühle zu zeigen begann, war ich für sie raus. Worüber ich gar nicht einmal böse war. Wobei auch diese Sache noch ein Nachspiel hatte, in jeder Bedeutung des Wortes.Weiterlesen »

Für immer und Dich

Und endlich hatte ich dich gefunden und habe dich nie verloren und trotzdem bist du wieder verschwunden und du warst nie da. Und du wolltest mich nie nie nie verletzen und hast es trotzdem immer wieder getan und hast nie damit aufgehört.
Vielleicht tut es dir sogar tatsächlich leid und du wolltest nichts tun von dem, was du gemacht hast, aber trotzdem macht das die Wunden nicht weniger real, die Narben weniger schmerzhaft, mein Blut weniger rot, die Risse in meiner Seele weniger quälend, die Lücke in meinen Kopf weniger leer. Gewollt zu haben ist eins, gehandelt zu haben das andere.

Du und ich. Der alte Sack und Lolita. Die Schöne und das Biest. Wir wären Jekyll und Hyde. Und außerdem Harold und Maude. Luke Vader und Darth Skywalker. Jeder für sich in einer Person und zusammen erst recht. Wir würden derartig brennen füreinander, daß wir die Sonne überstrahlten. Allerdings bestünde natürlich das Risiko, daß außer Asche von uns nichts übrig bliebe. Wahrscheinlich nicht einmal das. Ich denke, wenn wir schon dabei gewesen wären, hätten wir die Sache dann auch gründlich erledigt. Wir sind beide auf unsere Art nicht für halbe Sachen zu haben. Im Grunde unseres Selbst sind wir beide Extremisten.Weiterlesen »

Im Freien bluten

Es heißt immer: „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“
Ich stimme dem nicht zu. Ich halte das sogar für vollkommenen Blödsinn. Einige Dinge, die mich nicht umgebracht haben, kamen dem zumindest so nah, daß sie mich beschädigt haben, meine Seele zerkratzt zurückließen. Manche Dinge machten mich nicht stärker, sie schwächten mich, ließen es mir schlechter gehen. Manche Dinge machten mich schlechter. Zumindest für eine Zeit lang.

Doch warum sollte das nicht in Ordnung sein? Kann das nicht einfach auch so gut sein in dem Moment, so, wie es ist?
Warum sollten manche Dinge uns nicht zerbrechen können? Beulen hinterlassen und blutende Wunden und Narben und all das? Was ist dagegen einzuwenden?
Die eigene unverwüstliche Unverletzlichkeit ist nichts weiter als eine Lüge. Sie paßt zum Narrativ einer Gesellschaft, die Menschen nach zwei Wochen Antidepressiva verschreiben möchte, die dann immer noch trauern um jemanden, den sie verloren haben. So sieht es eine Empfehlung des Berufsverbands der Psychiater in den USA vor. Wer nach vierzehn Tagen nicht wieder funktioniert, wird sediert.Weiterlesen »

Eselhorn

Ich bin auf einem Langstreckenlauf. Aber jedes Mal, wenn es so aussieht, als käme ich dem Ziel näher, verlängert jemand die Strecke. Hase und Igel.
Wie auf einem Schachbrett werde ich hierhin und dorthin geschoben, ganz nach Belieben. Allerdings weiß ich manchmal nicht, ob ich Figur bin oder Spieler. Ob es meine Hand ist, die führt oder eine andere, die mich berührt.

Aber im Gegensatz zu einer Figur bin ich mir des Spielfelds bewußt. Ich weiß allerdings nicht, ob ich es in seiner ganzen Größe sehe. Und wie sind die Regeln des Spiels? Gibt es überhaupt welche? Oft habe ich den Eindruck, daß die Regeln beliebig sind. Das du sie formulierst, wie es dir paßt. Daß es deine Hand ist, die manipuliert.Weiterlesen »

Unquiet Earth

Nacht.
Ich liebe die Nacht. Es ist fast das gleiche Gefühl, das ich für dich empfinde. Die Stadt bei Nacht. Diese wunderbare, leere, in sanfte Stille gehüllte Dunkelheit. Kaum menschliche Geräusche. Windrauschen in den Bäumen des Friedhofs. Kein Rauschen des schwachsinnigen Autoverkehrs auf der Straße.
Das Quietschen der Aufhängung der Natriumdampflampe über der großen Kreuzung. Sie saugt den blinkenden Lichtern der Ampelanlage die Farben aus. Silbern glitzernder Nieselregen vor stummen Maschinen, die weiter ihren Dienst verrichten. Ignorant gegenüber ihren angeblichen menschlichen Meistern.
Selbst diese allgegenwärtigen Maschinen scheinen einen Moment Pause zu machen. Durchzuatmen. Wenn sie denn atmen würden.

Leises Zischen meiner Reifen auf dem Asphalt. Wie so oft wünsche ich mir, daß die Stadt nach Sonnenaufgang so still und so für mich verfügbar bliebe, wie sie das unter dem Mantel aus Nacht und Dunkelheit zu sein scheint.
Manchmal stelle ich mir vor, morgens von der Stille geweckt zu werden. Keine Geräusche der Autos. Keine Busse. Kein dröhnender Pulsschlag unserer Maschinenzivilisation, der gerade Menschen zu ihren Arbeitsplätzern spült. In Schulen, Büros, Kaufhäuser, Supermärkte. Kein brummelnder, murmelnder Hintergundlärm, den wir Menschen von uns geben in diesen Ansammlungen, die offiziell „Stadt“ genannt werden.Weiterlesen »

My bloody Queen of Hearts

Du kannst wild um dich schlagen in deinem Innern und dich nicht schneiden. Du kannst es tun und dir damit eine gewisse Erleichterung verschaffen. Ein Ventil. Einen Kontakt zur Realität. Einen Cooldown. Klarheit. Aber dazu müßtest du gegen Regeln verstoßen.

Egal, was du tust oder nicht tust. Am Ende wird es immer wieder die Klinge sein an deinem Handgelenk. Die Flasche Wein am Abend. Die zitternd angezündete Zigarette auf dem Balkon. Der Albtraum morgens um vier, der dich wachprügelt und nicht mehr schlafen läßt, bis du über deine Augenringe stolperst.
Irgendwann wird es die Klinge am Hals sein. Blutende Narben auf deinem Rücken, irgendwo zwischen deinen Tattoos und Piercings, die deine Ersatzbefriedigung geworden sind. Tropfendes Blut auf dem Boden in den großen Hallen in deinem Innern, langsam versickernd im Staub. Rorschachmuster aus Schmerz und Grauen.Weiterlesen »

Feindberührung

Wie lange habe ich Krieg geführt gegen mich selber?
Wie lange war ich davon überzeugt, mit dem nächsten Angriff, der nächsten Attacke, der nächsten brennenden Brücke endlich den Sieg zu erringen?
Ich weiß es nicht. Aber ich schätze, etwa zwei Jahrzehnte. Nimmt man die gelegentlichen Feuerpausen und Waffenruhen hinzu, komme ich auf ein Vierteljahrhundert. Etwas mehr als mein halbes Leben.Weiterlesen »