Leerer Raum

Das Telefon neben dir auf deinem Bett oder deinem Nachttisch sagt nichts mehr zu dir mit meiner Stimme. Ich denke, es liegt nicht mehr neben dir, sondern weiter weg und du schläfst trotzdem ein.

Was immer du warst oder was ich dachte, das du bist oder was immer ich mir vorgestellt habe, was du sein könntest – du hast aufgehört, es zu sein. Du bist eine Präsenz irgendwo dort draußen. Weit weg. Wie immer weit weg. Ich weiß nicht mehr, was du tust oder wann, denn du sagst es mir nicht mehr. Ich höre es nicht mehr in meinem Kopf, fühle es nicht in meinen Gedanken. Ich rufe und rufe, aber es hallen nur Echos zurück von da, wo du mal warst. Die verblassende Erinnerung an eine Gelegenheit, die ich mich nicht getraut habe zu nutzen.Weiterlesen »

Für immer und Dich

Und endlich hatte ich dich gefunden und habe dich nie verloren und trotzdem bist du wieder verschwunden und du warst nie da. Und du wolltest mich nie nie nie verletzen und hast es trotzdem immer wieder getan und hast nie damit aufgehört.
Vielleicht tut es dir sogar tatsächlich leid und du wolltest nichts tun von dem, was du gemacht hast, aber trotzdem macht das die Wunden nicht weniger real, die Narben weniger schmerzhaft, mein Blut weniger rot, die Risse in meiner Seele weniger quälend, die Lücke in meinen Kopf weniger leer. Gewollt zu haben ist eins, gehandelt zu haben das andere.

Du und ich. Der alte Sack und Lolita. Die Schöne und das Biest. Wir wären Jekyll und Hyde. Und außerdem Harold und Maude. Luke Vader und Darth Skywalker. Jeder für sich in einer Person und zusammen erst recht. Wir würden derartig brennen füreinander, daß wir die Sonne überstrahlten. Allerdings bestünde natürlich das Risiko, daß außer Asche von uns nichts übrig bliebe. Wahrscheinlich nicht einmal das. Ich denke, wenn wir schon dabei gewesen wären, hätten wir die Sache dann auch gründlich erledigt. Wir sind beide auf unsere Art nicht für halbe Sachen zu haben. Im Grunde unseres Selbst sind wir beide Extremisten.Weiterlesen »

My bloody Queen of Hearts

Du kannst wild um dich schlagen in deinem Innern und dich nicht schneiden. Du kannst es tun und dir damit eine gewisse Erleichterung verschaffen. Ein Ventil. Einen Kontakt zur Realität. Einen Cooldown. Klarheit. Aber dazu müßtest du gegen Regeln verstoßen.

Egal, was du tust oder nicht tust. Am Ende wird es immer wieder die Klinge sein an deinem Handgelenk. Die Flasche Wein am Abend. Die zitternd angezündete Zigarette auf dem Balkon. Der Albtraum morgens um vier, der dich wachprügelt und nicht mehr schlafen läßt, bis du über deine Augenringe stolperst.
Irgendwann wird es die Klinge am Hals sein. Blutende Narben auf deinem Rücken, irgendwo zwischen deinen Tattoos und Piercings, die deine Ersatzbefriedigung geworden sind. Tropfendes Blut auf dem Boden in den großen Hallen in deinem Innern, langsam versickernd im Staub. Rorschachmuster aus Schmerz und Grauen.Weiterlesen »

Fütterungszeit

Gestern aufgewacht und mein erster Gedanke warst du. Schon wieder. Immer noch. Heute dasselbe. In den letzten drei Tagen habe ich mich allein fünf Dutzend mal überreden müssen, nichts zu sagen. Kein Wort. Kein Bild. Zwanzigmal überlegt, ob ich dich nicht schlicht wegblocken soll. Aber das bringt nichts. Nichts blockt dich aus meinen Gedanken. Hau ab aus meinem Kopf.Weiterlesen »

Unperson

Ich weiß noch immer nicht, ob du all das extra machst. Ich habe es nie wirklich herausgefunden.
Du erzählst etwas von Herzrasen und Schwindel. Ich will es nicht, aber mache mir in diesem Moment schon wieder einmal Sorgen um dich. Schließlich sprechen diese Anzeichen nicht für einen ausgewogenen Gesundheitszustand. Ich habe mir so oft Sorgen um dich gemacht.

Etwas später stellt sich heraus, daß du mit einer Blasenentzündung rumläufst. Erst ganz nebenher erfahre ich dann die Geschichte dazu von dir. Herrchen hatte dich angewiesen, dich auf dem Golfplatz mal nackt auszuziehen, auf dem Rasen stehenzubleiben und die Klappe zu halten. Morgens um Sechs ist das eine kühle Angelegenheit. Unterwäsche trägst du ja ohnehin nicht auf seine Anweisung hin. Irgendwann, ganz zu Beginn, hattest du mir gesagt, daß du keine tragen würdest im Sommer.

Aber ich weiß längst nicht mehr, welche Aussagen von dir den Anweisungen deiner Sklavenhalter entspringen, welche deinen Wunschträumen und welche schlicht und einfach gelogen sind, weil du glaubst, dein Gegenüber möchte jetzt gerade genau das hören.

„Ein Golfplatz ist öffentliches Gelände“, sage ich.
„Ach, da ist morgens niemand“, sagst du mit fröhlicher Beiläufigkeit.

Von mir wolltest du dich in der Öffentlichkeit nicht einmal küssen lassen. Das wäre mit einer Art offiziellem Gefühlsbekenntnis verbunden. Auch der Gedanke an Sex in der Öffentlichkeit war dir nicht geheuer. Ich bin mir sicher, wenn es dir nur befohlen wird, wären all diese Dinge nicht das geringste Hindernis für dich. Gehorsames Sexmaschinchen, das du bist, würdest du jeden Wunsch erfüllen, klaglos funktionierend.

Das Ausmaß deiner Versklavung war mir nie so bewußt wie bei diesen Sätzen. Stundenlang gehst du nicht aufs Klo, weil er es dir befiehlt. Genau wie diese Geschichte mit dem völlig Fremden, an den du verliehen wirst und der dich grün und blau schlägt, erfahre ich das alles nebenbei. Beiläufig hingeworfene Schrapnelle, die mich jedesmal zerfetzen.Weiterlesen »

Mein Traum von dir

Vorgestern war es mal wieder soweit. Abends, allein in deinem Zuhause, das gar nicht deines ist, sondern die Wohnung deines Sklavenherrn, warst du wieder einmal wieder kurz davor, dich zu schneiden. „Ich weiß nicht, warum ich das will“, sagst du.

Mein erster Impuls ist, mich zurückzuziehen. Oder dir entgegenzuschreien: „Dann tu es endlich!“
Stattdessen sage ich dir andere Dinge. Lenke dich ab. Bewerfe dich mit Empathie, wie so oft.
„Ich bin bei dir“, sage ich zu dir.
„Bist du nicht. Und ich auch nicht“, kommt es von dir zurück.

Zum ersten Mal seit langem bist wieder in diesen Zustand abgerutscht, in dem es dir nicht an Selbstwert und anderen Dingen mangelt. Du spürst einfach nicht mehr, daß du noch da bist. Was ein erheblicher Unterschied ist.
Ich stelle mir vor, wie all die Trümmer, aus denen dein kaputter Geist besteht, sich zu lösen beginnen. Der ganze verdammte Schutt gerät ins Rutschen, kippt auf dich zu und droht dich zu erschlagen. Wie du hilflos und winzig neben den Monstern und Dämonen stehst, die sich in deinem Innern wieder räkeln und strecken. Das erste Mal seit langem wieder das trockene Kratzen von Drachenschuppen. Dieses Ticken im Hintergrund. Ein schweres Pendel zerteilt rauschend die Luft.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Resignation

„Los, sag es ihr. Sag ihr irgendwas“, sagt das Einhorn.

„Was soll ich sagen?“, entgegne ich entnervt, weil das Fabeltier schon wieder neben mir auf dem Sofa hockt und rumglitzert.

„Das du sie vermißt. Denn du tust es. Du bist wieder so unfröhlich die letzte Zeit. Sag ihr, daß sie dir fehlt.“

„Das habe ich schon hundertmal gemacht. Und es geht ihr am Arsch vorbei. Sie sagt nie was. Sie verschickt Bilder von fiependen Mülltonnen aus Star Wars. Oder Lieder, bei denen ich im Text wieder was Tiefsinniges finden soll.“

„Ist doch ’ne gute Beschreibung von ihr, der Text.“

„Super. Ich spiel halt mir dir und du verlierst und jetzt bin ich traurig, weil du nicht mehr da bist und deswegen und darum mußt du jetzt was sagen. So etwa singt sich der Typ da einen ab.“

„Sie kann’s halt nicht besser.“

„Ist mir scheißegal. Dann sollte sie’s mal endlich lernen. Wenn ihr Sklavenherr ihr was beibringt, ist sie ja auch lernfähig. Und reibt es mir dann voller Stolz unter die Nase. Diese Frau ist emotional scheiße.“

„Irgendwie bist du ziemlich negativ drauf“, sagt das Einhorn. Es pupst entrüstet ins Sofapolster. Alles riecht plötzlich nach Zuckerwatte.
„Du weißt schon, daß du sie liebst?“

„Nein. Tue ich nicht. Ich habe mir das eingebildet. Wie kann ich jemanden lieben, der niemals da ist? Der nie da sein wird? Und der mich mit völliger Gleichgültigkeit benutzt?“Weiterlesen »

Auge des Feindes

Jede Woche wiegen, damit er weiß, du nimmst nicht ab. Ach, was für eine liebevolle Reaktion. Was dazu führen wird, daß du in seiner Umgebung – nein, unter seiner Kontrolle – nicht abnehmen wirst. Nicht, daß es bei dir annähernd nötig wäre. Das tust du dann, wenn du wieder allein bist. Dann gibt’s wieder Knäckebrot mit lackdünner Marmelade drauf. Sehr gesunde Sache.

Vielleicht willst du dich auch schneiden, weil er dir das kategorisch verbietet. In der Hoffnung, daß seine Reaktion aus Schlägen und Flecken besteht, um dich in deiner Unwürdigkeit mal wieder so richtig zu bestätigen. Wenn das deine Motivation ist, wird es Zeit, das Einhorn satteln und davonzutraben. Wenn du dich entscheidest, daß für dich zu brauchen, dann ist es gut. Wenn du es als Werkzeug benutzt, um bestraft zu werden, dann ohne mich. Aber eigentlich benutzt du alles und jeden als ein Werkzeug. Unter anderem mich.
Du wunderst dich, daß du dich mies fühlst. Eventuell könnte es damit zu tun haben, daß deine Psyche ein einziges Trümmerfeld voller verdammter Widersprüche ist. Und du räumst nicht etwa auf. Du zuckst die Schultern und sagst: „Ist doch toll hier“.Weiterlesen »

Im Weltraum hört dich niemand weinen

Normale Menschen haben die Absicht, jemand zu sein. Zumindest tun die meisten so, als wären sie jemand. Einige Menschen haben die Absicht, jemand zu werden. Noch weniger erkennen, daß man es nur wert ist, sich selbst zu werden. Du willst nichts von alledem. Du willst im Grunde gar nichts. Deine Absicht ist es, nicht zu sein und auch nicht zu werden. Du bist genauso leer und bedauernswert wie dein Vater. Von dem hast du mir am Abend vorher das erste Mal erzählt. Überhaupt hast du mir endlich mal ein paar Dinge erzählt, die wirklich von dir kamen.

Sie kamen direkt von dir, waren authentisch. Nicht immer dieses durch deine Maske gefilterte Zeug, das du mir all die Monate angereicht hast. Wie oft haben wir uns nur ein paar Minuten in wirklicher Tiefe unterhalten bei all unseren Telefongesprächen. Wie oft habe ich dich in den Schlaf gequatscht, dir meine ganze verkorkste Seele ausgeschüttet? Und wie oft hast du das völlig ignoriert und bist dabei eingeschlafen. Ich habe für diese Momente gelebt. Wenn du tatsächlich eine Person warst. Dieses Gespräch dauerte fast fünf Stunden. Es war mit großem Abstand das beste, was du mir jemals gesagt hast oder geschrieben. Bedauerlicherweise war es auch das letztemal, daß wir überhaupt Gedanken ausgetauscht haben.

Endlich, nach all diesen endlosen Wochen, einmal so etwas wie ein Sieg für mich. Eine Brechstange in der Tresortür zu deinem Innersten. Ein Blick auf diese brandige Quelle des Schmerzes in deiner Seele. Endlich einmal habe ich es geschafft, die Schale um dein verficktes Panzerherz aufzubrechen und du hast alles heraussströmen lassen, was sich an bitterem Gift in dir befindet.Weiterlesen »

Kokon aus Dunkelheit

Du ziehst zu ihm. In dem Moment, in dem Du sagst, er würde sich bei diesen Dingen ja nicht einmischen, ist mir völlig klar, daß du zu ihm ziehen wirst. Nachdem du ja gerade erst in deiner Stadt in eine neue Wohnung gezogen bist. Mein erster Gedanke ist Furcht. Panische Angst. Nicht für mich. Um dich.
Dieser andere Kerl wird dich endgültig und vollständig von sich abhängig machen. Er wird dich an andere Männer „verleihen“, denn er sieht gerne zu. Du wirst all das mit dir machen lassen. „Für meinen Herrn tue ich alles“. So hast du es ja einmal formuliert. Ich phantasiere das nicht. Du selbst hast mir beschrieben, wie das so abläuft. Mehr als einmal. Es gibt sogar verschiedene Codes für diesen Scheiß in einschlägigen Foren.

Die Frau, die ich einmal geliebt habe, existiert nicht länger. Sie ist ausgelöscht worden in einem Akt der Selbstauflösung, des geistigen Vampirismus, den du mit Liebe und Hingabe verwechselst.
Ich fühle, wie mein Inneres zerbricht, während ich das schreibe. Erstaunlich, wie sehr ich gehofft hatte, irgendwann doch noch mal etwas von dir zu hören. Etwas Positives, aus dem ich entnehmen kann, daß es dir besser geht. Das deine beiden Seiten jetzt besser miteinander klarkommen. Aber eingeschlossen in diesen hermetischen Kokon aus Unterwerfung, in den du dich begibst, wird das nicht passieren.

Eines meiner Gedankenbilder, das ich dir mehr als einmal gezeigt habe, war es, wie du auf diesem verdammten flauschigen Riesenhund liegst, den ich dir geschenkt hatte. Bäuchlings und nackt. Wie das Bild deine Beine zeigt, diesen prachtvollen Arsch und alles andere auch. Wenn ich mir vorstelle, daß dieses Bild womöglich für diesen anderen Kerl wahr wird oder einen, der dir gerade „zugewiesen“ ist, möchte ich kotzen. Du sagtest mir einmal, daß er dich auch mit Zärtlichkeit dominiert. Ein Gedanke, den ich dir überhaupt erst beigebracht habe. Aber ich traue diesem Mann nicht. Ich hasse ihn. Ich hasse dich, weil du ihm die Belohnung für meine Anstrengungen bist.Weiterlesen »