Anschein von Sommer

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.

Während ich den alten, toten Dreck in den Blumentöpfen durch neuen Boden ersetze, denke ich an dich. Du hast bei der ersten Berührung sofort Spuren auf mir hinterlassen, die ich nicht mehr wegbekommen werde. Ich bräuchte Sandpaste für meine Seele, um das zu schaffen. Aber so etwas gibt es nicht.
Du bist mir auch immer ausgewichen, wenn ich versuchte, dich zu halten. Hast dich verformt, ganz nach Belieben. Was immer jemand wollte, das Du bist, wurdest du auch. Nur du selbst sein, das hast du niemals hinbekommen. Das ist keine Schande. Sehr viele Menschen scheitern an dieser Übung.Weiterlesen »

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Für immer und Dich

Und endlich hatte ich dich gefunden und habe dich nie verloren und trotzdem bist du wieder verschwunden und du warst nie da. Und du wolltest mich nie nie nie verletzen und hast es trotzdem immer wieder getan und hast nie damit aufgehört.
Vielleicht tut es dir sogar tatsächlich leid und du wolltest nichts tun von dem, was du gemacht hast, aber trotzdem macht das die Wunden nicht weniger real, die Narben weniger schmerzhaft, mein Blut weniger rot, die Risse in meiner Seele weniger quälend, die Lücke in meinen Kopf weniger leer. Gewollt zu haben ist eins, gehandelt zu haben das andere.

Du und ich. Der alte Sack und Lolita. Die Schöne und das Biest. Wir wären Jekyll und Hyde. Und außerdem Harold und Maude. Luke Vader und Darth Skywalker. Jeder für sich in einer Person und zusammen erst recht. Wir würden derartig brennen füreinander, daß wir die Sonne überstrahlten. Allerdings bestünde natürlich das Risiko, daß außer Asche von uns nichts übrig bliebe. Wahrscheinlich nicht einmal das. Ich denke, wenn wir schon dabei gewesen wären, hätten wir die Sache dann auch gründlich erledigt. Wir sind beide auf unsere Art nicht für halbe Sachen zu haben. Im Grunde unseres Selbst sind wir beide Extremisten.Weiterlesen »

Lazarus

Wenn dieser Mann an dich denkt, brennt weder sein Herz noch seine Seele. Vielleicht lächelt er, aber er lächelt nicht wie ich.
Er lächelt wie ein Mann, der seine Kunstsammlung begutachtet. Ein besonders wertvolles Stück in die Hand nimmt. Besitzerstolz, gepaart mit kühler Gier und der Gewißheit des Neids von anderen. Der Besitz steht im Vordergrund. Die Schönheit als Selbstzweck, um die Profaniät der Hand zu übertünchen, die sie streichelt. Ein Kunstwerk altert nicht.

Wenn ich an dich denke, brennen Sonnen in mir aus. Jedesmal. Immer wieder.
Wenn ich dabei lächle, ist es ein Lächeln aus purer Freude. Wenn deine Stimme in meinen Gedanken ertönt, sind es Glocken, die nur für mich läuten. In meinem Lächeln und meinen Gedanken liegen Schmerz und Erstaunen immer nebeneinander. Schmerz, weil ich dir wenig bedeute. Erstaunen darüber, daß es in meinem Universum so etwas wie dich gab, wenn auch nur für einen Moment. Meine Hände würden dich immer wieder streicheln, um sich zu vergewissern, daß du existierst.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ungeküßt

„Sie ist immer so früh wach“, sagt das Fabeltier und glitzert vorwurfsvoll, während wir morgens im Bad versuchen, uns in vorzeigbare Menschen zu verwandeln. Oder in vorzeigbare Einhörner, versteht sich.

„Ja. Weiß ich. Ich verstehe es ja auch nicht. Einfach mal liegen bleiben wäre nicht schlecht. Vor allem, wenn sie ja gar nicht früh raus muß. Kuscheliges Bett und so.“

„Würdest du sie hinterunters Ohr küssen, wenn du gehst?“

„Natürlich würde ich das, du blödes Fabeltier. Immer.“

„Weißt du, was ich gerne mal von ihr hören würde?“

„Die Antwort auf: ’Mir fällt so einiges dir gegenüber ein, aber das ist heute der falsche Tag dafür. Dann fange ich sofort an zu heulen.’ ?“

„Schtimmt. Woher weischt du dasch?“ fragt Einhorn mit der Zahnbürste im Mund.

„Du bist wir. Also ich. Schon vergessen? Ich wüßte gerne mal, was ihr einfiele, gäbe es den richtigen Tag jemals. Sie hat uns das niemals verraten. Sie hat uns so vieles nie verraten. Die ganzen Bilder aus meinem Kopf…“

„Unfferem Kopff…“

„…unserem Kopf, die sie von uns bekommen hat. Und nie kam etwas zurück.“

„Na ja, manchmal schon“, sagt das Einhorn und beginnt, sich die schlafzerzauste Mähne zu kämmen. „Manchmal hat sie schon gesagt, was in ihr so vorgeht.“Weiterlesen »

Hannibal Einhorn

Die kühle Seidenglätte des Materials. Die flauschige Wärme der Decke. Es ist nur meine Wärme. Deine fehlt. Dieser Duft frischer Wäsche, der mich lächeln läßt, während ich meinen Kopf auf das Kissen sinken lasse. Meine Kissen. Wie ich mir immer ausgemalt habe, daß ich für dich noch zwei extra brauchen würde. Noch eine Decke zu meinen. Denn ansonsten würdest du mir die eine wegziehen, unter der wir liegen. Gelegen hätten.
Du rollst dich immer ein im Schlaf. Panzerst dich mit Schaumstoff und weichem Duft frisch geduschter Haut, als wolltest du selbst schlafend noch jeden verstoßen, den du so nah an dich herangelassen hast. Du kannst dich selber nicht gut riechen.

Ich sollte dich besser vergessen, sagtest du. Aber du kannst mich mal am Arsch lecken. Ich denke gar nicht daran, dir diesen Gefallen zu tun. Du hast keine weiteren Gefallen mehr gut bei mir, schon lange nicht mehr. Ich schließe dich ein in mir. Jeden Moment, in dem du mich einen Idioten genannt hast. Jedes einzelne „Du bist doof!“.
Das hast du immer getan, wenn ich wieder einmal ins Schwarze getroffen hatte. Mit einer Anmerkung. Meiner Weigerung, dich ernstzunehmen. Meiner Weigerung, deinem Plan gemäß zu reagieren. Jedes Lachen von dir machte mir klar, daß du noch immer da sein wolltest. Daß du mich bei dir haben wolltest. Unbedarfte Beobachter hätten vermuten können, daß ich dir sehr viel bedeute.
Jedes angenehme Gefühl von Nähe und Vertrautheit, das du empfunden hast, war ein Sieg für mich. Ich bewahre jedes „Hmmpf“ auf, das mir immer gesagt hat, wie zutreffend meine Analyse deiner verwirrten Gedanken und Gefühle wieder war.Weiterlesen »

Restlicht

Es kommen dunklere Tage.
Jetzt, wo mir nichts bleibt von dir aus dieser grauen, gestaltlosen Leere, wo vorher dein Bild war.
Jedesmal, wenn ich über etwas lachen will oder lächeln, kommt dieser Gedanke, daß dir das gefallen hätte oder das du jetzt auch lächeln würdest, wärst du denn noch da. Doch das ist Blödsinn. Du warst es ja niemals.

Trotzdem verläßt mich dieses Gefühl nicht, daß du fort bist. Irgendwo, weit weg, in einer unerreichbaren Ferne, über die meine Gefühle nicht hinwegreichen. Sie haben es in Wahrheit nie getan.
Du wolltest nichts und schon gar nicht von mir. Dafür wiederum warst du erstaunlich hartnäckig darin, mir vorzumachen, ich wäre doch etwas für dich. Jemand. Nichtsahnende Beobachter hätten manchmal schlußfolgern können, daß du mich liebst.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Kurt-Cobain-Horn

„Schick es ihr nicht“, sage ich zum Einhorn und blicke kurz von meiner Aufmunterungslektüre auf.

„Warum nicht?“ fragt das Fabeltier und zuckt dabei schuldbewußt zusammen. Denn eigentlich hat es in meinem Facebook-Account nichts verloren. Andererseits ist es etwas schwierig, das Passwort vor ihm geheim zu halten.

„Weil sie das dann sieht. Und womöglich drauf antwortet.“

„Sie wäre aber total neidisch. Ach was, ausrasten würde sie.“

„Sie würde vermutlich sagen: ‚Ich hasse dich.‘ „Und womöglich…“ – für einen Moment halte ich inne, von der Vorstellung schmerzhaft berührt – „…womöglich würde sie lächeln und sich freuen.“

„Ja. Wäre das nicht toll?“, antwortet das Einhorn und sieht mich an. Es sieht etwas zersaust aus in den letzten Wochen.. Immer wieder erleidet es Traueranfälle, die dann von manischen Episoden abgelöst werden.

„Nein. Wäre es nicht. Du willst nur einen Aufhänger haben, um was zu ihr zu sagen. Laß das!“

„Aber…“ sagt das Fabeltier und senkt seinen Kopf trübselig zu Boden…“aber irgendwie ist die Welt ohne sie..“

„…anders. Aber insgesamt ist sie eigentlich genau so, wie sie mal war. Früher. Bevor ich über sie gestolpert bin. Oder wir übereinander. Der einzige Unterschied ist, daß ich heute weiß, daß es sie gibt. Aber das ignorieren wir einfach mal.“

„Das habe ich ja versucht. Aber ich vermisse sie. Sie fehlt mir so sehr.“

„Aber du ihr nicht. Und ich auch nicht. Sie hat nichts gesagt oder getan, das diese Schlußfolgerung auch nur annähernd rechtfertigen würde.“Weiterlesen »

Mein Traum von dir

Vorgestern war es mal wieder soweit. Abends, allein in deinem Zuhause, das gar nicht deines ist, sondern die Wohnung deines Sklavenherrn, warst du wieder einmal wieder kurz davor, dich zu schneiden. „Ich weiß nicht, warum ich das will“, sagst du.

Mein erster Impuls ist, mich zurückzuziehen. Oder dir entgegenzuschreien: „Dann tu es endlich!“
Stattdessen sage ich dir andere Dinge. Lenke dich ab. Bewerfe dich mit Empathie, wie so oft.
„Ich bin bei dir“, sage ich zu dir.
„Bist du nicht. Und ich auch nicht“, kommt es von dir zurück.

Zum ersten Mal seit langem bist wieder in diesen Zustand abgerutscht, in dem es dir nicht an Selbstwert und anderen Dingen mangelt. Du spürst einfach nicht mehr, daß du noch da bist. Was ein erheblicher Unterschied ist.
Ich stelle mir vor, wie all die Trümmer, aus denen dein kaputter Geist besteht, sich zu lösen beginnen. Der ganze verdammte Schutt gerät ins Rutschen, kippt auf dich zu und droht dich zu erschlagen. Wie du hilflos und winzig neben den Monstern und Dämonen stehst, die sich in deinem Innern wieder räkeln und strecken. Das erste Mal seit langem wieder das trockene Kratzen von Drachenschuppen. Dieses Ticken im Hintergrund. Ein schweres Pendel zerteilt rauschend die Luft.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Resignation

„Los, sag es ihr. Sag ihr irgendwas“, sagt das Einhorn.

„Was soll ich sagen?“, entgegne ich entnervt, weil das Fabeltier schon wieder neben mir auf dem Sofa hockt und rumglitzert.

„Das du sie vermißt. Denn du tust es. Du bist wieder so unfröhlich die letzte Zeit. Sag ihr, daß sie dir fehlt.“

„Das habe ich schon hundertmal gemacht. Und es geht ihr am Arsch vorbei. Sie sagt nie was. Sie verschickt Bilder von fiependen Mülltonnen aus Star Wars. Oder Lieder, bei denen ich im Text wieder was Tiefsinniges finden soll.“

„Ist doch ’ne gute Beschreibung von ihr, der Text.“

„Super. Ich spiel halt mir dir und du verlierst und jetzt bin ich traurig, weil du nicht mehr da bist und deswegen und darum mußt du jetzt was sagen. So etwa singt sich der Typ da einen ab.“

„Sie kann’s halt nicht besser.“

„Ist mir scheißegal. Dann sollte sie’s mal endlich lernen. Wenn ihr Sklavenherr ihr was beibringt, ist sie ja auch lernfähig. Und reibt es mir dann voller Stolz unter die Nase. Diese Frau ist emotional scheiße.“

„Irgendwie bist du ziemlich negativ drauf“, sagt das Einhorn. Es pupst entrüstet ins Sofapolster. Alles riecht plötzlich nach Zuckerwatte.
„Du weißt schon, daß du sie liebst?“

„Nein. Tue ich nicht. Ich habe mir das eingebildet. Wie kann ich jemanden lieben, der niemals da ist? Der nie da sein wird? Und der mich mit völliger Gleichgültigkeit benutzt?“Weiterlesen »