Zuwendung abgewendet

Manche Menschen erlauben anderen Personen um sich herum keinerlei Eigenständigkeit. Diese Menschen benutzen andere als einen Spiegel für sich selbst. Wir tun das alle irgendwo und in einer gewissen Art. Normale Menschen sehen dann eben andere Menschen, andere Persönlichkeiten.

Diese Typen nicht. Sie wollen, daß der Spiegel, den sie da benutzen und benutzen müssen – denn sonst gäbe es keine Interaktion – ausschließlich ihre eigene Person zurückwirft. Sobald das Gegenüber auch nur den Hauch einer eigenen Persönlichkeit zeigt – was natürlich immer der Fall ist, bei jeder natürlichen Interaktion – reagieren sie mit Angst und Panik. Hier dringt etwas in ihre Welt ein, mit dem sie nicht zurechtkommen und auch nicht zurechtkommen wollen.

Sehr oft reagieren diese Menschen dann mit Gewalt. Gegen die eigenen Kinder, die eigene Ehefrau. Denn im überwiegenden Fall sind diese Leute Männer. Sie benutzen Gewalt, um den anderen exakt das Bild und die Reaktionen aufzuzwingen, die sie mit ihrer eigenen Persönlichkeit asoziieren. Einer im Normalfall enorm instabilen Persönlichkeit, deshalb verträgt ja dieses Selbstbild auch keinerlei Erschütterung von außen. Jede Reaktion, jede Handlung im Alltag hat nach bestimmten Mustern zu erfolgen, sonst setzt es Prügel.Weiterlesen »

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Gewollt wie

Man sagt immer, über die erste Freundin, die erste Frau oder sonstige Person hinwegzukommen, die einem wirklich etwas bedeutet hat, wäre am schwersten.

Ich kann das nicht bestätigen. Meine erste wirkliche Freundin verwandelte sich im Laufe der Zeit auch in meine Frau. Und später meine erste Scheidung. Es ist bisher die einzige geblieben und das wird sich nicht ändern. Aber das ist in Ordnung. Einmal in seinem Leben sollte jeder Mann verheiratet gewesen sein.
Aber nach ihr kam die nächste Freundin. Wobei vorher eine Affäre kam. Mit einer Frau, auf die ich binnen Sekunden so unfaßbar scharf war wie noch nie zuvor in meinem Leben. Was auch durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Ausgerechnet ein Mann, der seine Frau filmreif an einen guten Freund verloren hatte, führte also eine Affäre mit der Freundin eines anderen. Aber das war nur eine kurze Sache. Sobald ich etwas ernsthaftere Gefühle zu zeigen begann, war ich für sie raus. Worüber ich gar nicht einmal böse war. Wobei auch diese Sache noch ein Nachspiel hatte, in jeder Bedeutung des Wortes.Weiterlesen »

Song Text

Noch immer ziehen die Lachse zum Laichen und Sterben den Fluß hinauf, wenn sie morgens um Vier noch bei dir sind, während du an jeder Ecke bist und mir nicht zuhörst am Ende von Berlin, wo ich dich unter meiner Haut trage und dich nicht gehen lassen will und das Geräusch der Stille sich ausbreitet wie ein Krebs, während ich allein im Dunkeln bin und Du nackt und ganz weit oben und nicht gut zu Fuß und du noch immer das Spiel spielst von Herr und Sklavin, während du feststeckst in diesem Moment, aus dem du nicht mehr herauskommst.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ghost of a smile

„Komm jetzt, Einhorn. Wir müssen los.“

Das Fabeltier kommt mit gesenktem Kopf um die Ecke. Seine Hufe hallen ungewöhnlich laut im leeren Flur.

„Wir können doch nicht einfach so gehen. Ich finde das nicht richtig. Sie braucht uns.“

„Für was? Um nichts zu sagen? Für ’ich hätte noch eine ganze Menge Sätze für dich‘, gefolgt von Schweigen bis zum Ende aller Tage? Um uns dann wieder mitzuteilen, wie schlecht es ihr geht und sich sofort wieder zurückzuziehen, wenn wir wieder so unfaßbar idiotisch gewesen sind, uns um sie zu kümmern?“

Ich tätschle dem deprimierten Fabeltier etwas geistesabwesend die Mähne.

„Nein. Die Wahrheit ist schlicht, daß wir außer friends without benefits nie irgendwas von diesem ganzen Mist hatten. Wir gehen gar nicht einfach so. Seit 2,5 Jahren sind wir jetzt geduldig gewesen.“

„Es tut ihr bestimmt leid.“

„Das tut es immer. Oder sie tut so, als tue es das. Und dann ändert sich wie immer nichts. Hörnchen, ich sag“s ungern – aber wir gehen dieser Frau einfach am Arsch vorbei.“

„Wir sind mit ihr verbunden! Schon die ganze Zeit.“

Ich schüttle energisch den Kopf.

„Nein. Diesmal nicht mehr. Ich bin einfach nur enttäuscht, angepißt und es leid. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Aber wir sind nicht mehr in ihrem Kopf. Diesmal fühlt es sich völlig anders an.“

„Du willst einfach aufgeben?“

„Nein. Ich höre einfach auf, mir jemanden vorzustellen, der gar nicht existiert.“Weiterlesen »

Anschein von Sommer

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.

Während ich den alten, toten Dreck in den Blumentöpfen durch neuen Boden ersetze, denke ich an dich. Du hast bei der ersten Berührung sofort Spuren auf mir hinterlassen, die ich nicht mehr wegbekommen werde. Ich bräuchte Sandpaste für meine Seele, um das zu schaffen. Aber so etwas gibt es nicht.
Du bist mir auch immer ausgewichen, wenn ich versuchte, dich zu halten. Hast dich verformt, ganz nach Belieben. Was immer jemand wollte, das Du bist, wurdest du auch. Nur du selbst sein, das hast du niemals hinbekommen. Das ist keine Schande. Sehr viele Menschen scheitern an dieser Übung.Weiterlesen »

Für immer und Dich

Und endlich hatte ich dich gefunden und habe dich nie verloren und trotzdem bist du wieder verschwunden und du warst nie da. Und du wolltest mich nie nie nie verletzen und hast es trotzdem immer wieder getan und hast nie damit aufgehört.
Vielleicht tut es dir sogar tatsächlich leid und du wolltest nichts tun von dem, was du gemacht hast, aber trotzdem macht das die Wunden nicht weniger real, die Narben weniger schmerzhaft, mein Blut weniger rot, die Risse in meiner Seele weniger quälend, die Lücke in meinen Kopf weniger leer. Gewollt zu haben ist eins, gehandelt zu haben das andere.

Du und ich. Der alte Sack und Lolita. Die Schöne und das Biest. Wir wären Jekyll und Hyde. Und außerdem Harold und Maude. Luke Vader und Darth Skywalker. Jeder für sich in einer Person und zusammen erst recht. Wir würden derartig brennen füreinander, daß wir die Sonne überstrahlten. Allerdings bestünde natürlich das Risiko, daß außer Asche von uns nichts übrig bliebe. Wahrscheinlich nicht einmal das. Ich denke, wenn wir schon dabei gewesen wären, hätten wir die Sache dann auch gründlich erledigt. Wir sind beide auf unsere Art nicht für halbe Sachen zu haben. Im Grunde unseres Selbst sind wir beide Extremisten.Weiterlesen »

Lazarus

Wenn dieser Mann an dich denkt, brennt weder sein Herz noch seine Seele. Vielleicht lächelt er, aber er lächelt nicht wie ich.
Er lächelt wie ein Mann, der seine Kunstsammlung begutachtet. Ein besonders wertvolles Stück in die Hand nimmt. Besitzerstolz, gepaart mit kühler Gier und der Gewißheit des Neids von anderen. Der Besitz steht im Vordergrund. Die Schönheit als Selbstzweck, um die Profaniät der Hand zu übertünchen, die sie streichelt. Ein Kunstwerk altert nicht.

Wenn ich an dich denke, brennen Sonnen in mir aus. Jedesmal. Immer wieder.
Wenn ich dabei lächle, ist es ein Lächeln aus purer Freude. Wenn deine Stimme in meinen Gedanken ertönt, sind es Glocken, die nur für mich läuten. In meinem Lächeln und meinen Gedanken liegen Schmerz und Erstaunen immer nebeneinander. Schmerz, weil ich dir wenig bedeute. Erstaunen darüber, daß es in meinem Universum so etwas wie dich gab, wenn auch nur für einen Moment. Meine Hände würden dich immer wieder streicheln, um sich zu vergewissern, daß du existierst.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ungeküßt

„Sie ist immer so früh wach“, sagt das Fabeltier und glitzert vorwurfsvoll, während wir morgens im Bad versuchen, uns in vorzeigbare Menschen zu verwandeln. Oder in vorzeigbare Einhörner, versteht sich.

„Ja. Weiß ich. Ich verstehe es ja auch nicht. Einfach mal liegen bleiben wäre nicht schlecht. Vor allem, wenn sie ja gar nicht früh raus muß. Kuscheliges Bett und so.“

„Würdest du sie hinterunters Ohr küssen, wenn du gehst?“

„Natürlich würde ich das, du blödes Fabeltier. Immer.“

„Weißt du, was ich gerne mal von ihr hören würde?“

„Die Antwort auf: ’Mir fällt so einiges dir gegenüber ein, aber das ist heute der falsche Tag dafür. Dann fange ich sofort an zu heulen.’ ?“

„Schtimmt. Woher weischt du dasch?“ fragt Einhorn mit der Zahnbürste im Mund.

„Du bist wir. Also ich. Schon vergessen? Ich wüßte gerne mal, was ihr einfiele, gäbe es den richtigen Tag jemals. Sie hat uns das niemals verraten. Sie hat uns so vieles nie verraten. Die ganzen Bilder aus meinem Kopf…“

„Unfferem Kopff…“

„…unserem Kopf, die sie von uns bekommen hat. Und nie kam etwas zurück.“

„Na ja, manchmal schon“, sagt das Einhorn und beginnt, sich die schlafzerzauste Mähne zu kämmen. „Manchmal hat sie schon gesagt, was in ihr so vorgeht.“Weiterlesen »

Hannibal Einhorn

Die kühle Seidenglätte des Materials. Die flauschige Wärme der Decke. Es ist nur meine Wärme. Deine fehlt. Dieser Duft frischer Wäsche, der mich lächeln läßt, während ich meinen Kopf auf das Kissen sinken lasse. Meine Kissen. Wie ich mir immer ausgemalt habe, daß ich für dich noch zwei extra brauchen würde. Noch eine Decke zu meinen. Denn ansonsten würdest du mir die eine wegziehen, unter der wir liegen. Gelegen hätten.
Du rollst dich immer ein im Schlaf. Panzerst dich mit Schaumstoff und weichem Duft frisch geduschter Haut, als wolltest du selbst schlafend noch jeden verstoßen, den du so nah an dich herangelassen hast. Du kannst dich selber nicht gut riechen.

Ich sollte dich besser vergessen, sagtest du. Aber du kannst mich mal am Arsch lecken. Ich denke gar nicht daran, dir diesen Gefallen zu tun. Du hast keine weiteren Gefallen mehr gut bei mir, schon lange nicht mehr. Ich schließe dich ein in mir. Jeden Moment, in dem du mich einen Idioten genannt hast. Jedes einzelne „Du bist doof!“.
Das hast du immer getan, wenn ich wieder einmal ins Schwarze getroffen hatte. Mit einer Anmerkung. Meiner Weigerung, dich ernstzunehmen. Meiner Weigerung, deinem Plan gemäß zu reagieren. Jedes Lachen von dir machte mir klar, daß du noch immer da sein wolltest. Daß du mich bei dir haben wolltest. Unbedarfte Beobachter hätten vermuten können, daß ich dir sehr viel bedeute.
Jedes angenehme Gefühl von Nähe und Vertrautheit, das du empfunden hast, war ein Sieg für mich. Ich bewahre jedes „Hmmpf“ auf, das mir immer gesagt hat, wie zutreffend meine Analyse deiner verwirrten Gedanken und Gefühle wieder war.Weiterlesen »