Die Einhorn-Dialoge: Ungeküßt

„Sie ist immer so früh wach“, sagt das Fabeltier und glitzert vorwurfsvoll, während wir morgens im Bad versuchen, uns in vorzeigbare Menschen zu verwandeln. Oder in vorzeigbare Einhörner, versteht sich.

„Ja. Weiß ich. Ich verstehe es ja auch nicht. Einfach mal liegen bleiben wäre nicht schlecht. Vor allem, wenn sie ja gar nicht früh raus muß. Kuscheliges Bett und so.“

„Würdest du sie hinterunters Ohr küssen, wenn du gehst?“

„Natürlich würde ich das, du blödes Fabeltier. Immer.“

„Weißt du, was ich gerne mal von ihr hören würde?“

„Die Antwort auf: ’Mir fällt so einiges dir gegenüber ein, aber das ist heute der falsche Tag dafür. Dann fange ich sofort an zu heulen.’ ?“

„Schtimmt. Woher weischt du dasch?“ fragt Einhorn mit der Zahnbürste im Mund.

„Du bist wir. Also ich. Schon vergessen? Ich wüßte gerne mal, was ihr einfiele, gäbe es den richtigen Tag jemals. Sie hat uns das niemals verraten. Sie hat uns so vieles nie verraten. Die ganzen Bilder aus meinem Kopf…“

„Unfferem Kopff…“

„…unserem Kopf, die sie von uns bekommen hat. Und nie kam etwas zurück.“

„Na ja, manchmal schon“, sagt das Einhorn und beginnt, sich die schlafzerzauste Mähne zu kämmen. „Manchmal hat sie schon gesagt, was in ihr so vorgeht.“Weiterlesen »

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Gebundene Rotation

Im blassen, strahlenden Blau über mir schwimmt der bleiche Anblick des Mondes. Der Wind beißt sich in den Wangenknochen fest. Eisblau. Der ganze wolkenlose Himmel wie eine endlose See voller Licht.
Ich vermisse den Geruch deiner Haut und das Knistern deiner Haare und das Gefühl, wie dein Fleisch nachgibt unter meinen Fingerspitzen. Wie deine Lippen sich teilen vor meiner Zunge. Dein Atem sich niederschlägt auf meiner Brille. Meine Hand sich vergräbt im wolligen Flaum deines Nackens. Ich erinnere mich an den Geschmack dieser kleinen Schweißperlen zwischen deinen Brüsten. Die Wärme an deinem Hals. Wie du leise genießend den Atem einziehst, wenn meine Zähne über deine Leiste knabbern.

Du bist so weit fort und unerreichbar für mich. Als stünde ich auf Lunas gefrorenen Meeren und sähe die Erde aufgehen über dem Horizont. Dieser blaue Diamant vor dem schwarzen Samt der Schöpfung. Dieser Sehnsuchtsort voller Leben. Das Versprechen eines Wunders aus Wärme und Luft. Nur eine Armlänge entfernt in endloser See aus Dunkelheit.

Der einzige Ort in diesem Universum, an dem Du bist. Der einzige Ort in diesem Universum, an dem ich sein kann. Einziger Punkt in Gottes Unendlichkeit, an dem mein Geist sein will, denn nur dort könnte er deinen treffen.

Jedes Atom in uns war einmal Teil einer fremden Sonne. Wir sind aus demselben Stern gemacht, nehme ich an.
Dem Mond ist es unmöglich, mit dem Kreisen aufzuhören. Darum kann er die Erde nie berühren. Sisyphos bekommt den Stein niemals auf den Berg. Ich kann unmöglich damit aufhören, dich zu lieben.

Solovorstellung

Ich denke daran, wie du mir erzählst, daß du es dir neulich an einem Tag achtmal selber gemacht hast und du am nächsten Tag vor lauter Muskelkater in den Beinen kaum die Treppe raufgekommen bist.
Mich erinnert das daran, daß ich es war, der dir gesagt hat: „Du solltest mal dringend lernen, es dir selber zu machen.“
Jemand mit deiner Veranlagung, die es nicht zulassen will, einen Höhepunkt zu kriegen, der keine Belohnung ist, weil du wirklich glaubst, so etwas Schönes nicht verdient zu haben. Unfaßbarer Sklavenschwachsinn. Und unglaublich gefährlich. Das ist etwa so, als würde man Charles Manson eine geladene Kettensäge in die Hand drücken, mit dem Hinweis, damit niemanden zu verletzen. Also keine besonders gute Kombination.Weiterlesen »

Zwischen Zeilen

Jedesmal, wenn ich dich nach deinem verdammten Gewicht fragte.
Wenn ich fragte, ob du was gegessen hast inmitten deiner üblichen Scheißhektik.
Jedesmal, wenn ich dir sagte, daß du aufpassen sollst beim Radfahren.
Wenn ich sagte, daß du Handschuhe und Schal mitnehmen sollst.
Jedesmal, wenn ich dir sagte, daß du dir eine Decke holen sollst auf deinem verdammten Sofa.
Wenn dir kalt war und ich fragte, ob du dich zugedeckt hast.
Jedesmal, wenn ich dir sagte, daß du dich melden sollst, sobald du zu Hause bist.
Wenn ich dir einen schönen Tag gewünscht habe.
Jedesmal, wenn  ich dir sagte, daß du endlich aufhören sollst mit deiner Lernorgie.
Wenn ich in deinem Kopf gesessen habe, während du ihn auf deine Kissen legtest.
Jedesmal, wenn ich meine Hand austreckte nach dir auf dem Videobild.
Wenn ich dir virtuell dein Haar zerwühlte.

Jedes verdammte Mal habe ich dir gesagt, daß ich dich liebe.
Wenn du es gehört hast oder gespürt oder verstanden
Jedesmal oder jemals, weiß ich es noch immer nicht.

Wenn ich an dich denken muß.
Jedesmal sage ich dir noch immer, was du mir bist.
Wenn ich nicht aufpasse.
Zerreißt du mich noch immer.
Jedesmal.

© by A. S. (November 10th, 2017)


© und alle sonstigen Rechte beim Verfasser. Dieses Werk unterliegt nicht der CC-Lizenz. Keine Weiterverbreitung ohne Rücksprache.

Das Beitragsbild stammt einmal mehr von Christian Hopkins. Es ist titellos, aber ich habe es „Hours of glas“ getauft.
Den Künstler findet man auf Facebook unter diesem Link.

Hannibal Einhorn

Die kühle Seidenglätte des Materials. Die flauschige Wärme der Decke. Es ist nur meine Wärme. Deine fehlt. Dieser Duft frischer Wäsche, der mich lächeln läßt, während ich meinen Kopf auf das Kissen sinken lasse. Meine Kissen. Wie ich mir immer ausgemalt habe, daß ich für dich noch zwei extra brauchen würde. Noch eine Decke zu meinen. Denn ansonsten würdest du mir die eine wegziehen, unter der wir liegen. Gelegen hätten.
Du rollst dich immer ein im Schlaf. Panzerst dich mit Schaumstoff und weichem Duft frisch geduschter Haut, als wolltest du selbst schlafend noch jeden verstoßen, den du so nah an dich herangelassen hast. Du kannst dich selber nicht gut riechen.

Ich sollte dich besser vergessen, sagtest du. Aber du kannst mich mal am Arsch lecken. Ich denke gar nicht daran, dir diesen Gefallen zu tun. Du hast keine weiteren Gefallen mehr gut bei mir, schon lange nicht mehr. Ich schließe dich ein in mir. Jeden Moment, in dem du mich einen Idioten genannt hast. Jedes einzelne „Du bist doof!“.
Das hast du immer getan, wenn ich wieder einmal ins Schwarze getroffen hatte. Mit einer Anmerkung. Meiner Weigerung, dich ernstzunehmen. Meiner Weigerung, deinem Plan gemäß zu reagieren. Jedes Lachen von dir machte mir klar, daß du noch immer da sein wolltest. Daß du mich bei dir haben wolltest. Unbedarfte Beobachter hätten vermuten können, daß ich dir sehr viel bedeute.
Jedes angenehme Gefühl von Nähe und Vertrautheit, das du empfunden hast, war ein Sieg für mich. Ich bewahre jedes „Hmmpf“ auf, das mir immer gesagt hat, wie zutreffend meine Analyse deiner verwirrten Gedanken und Gefühle wieder war.Weiterlesen »

Traum des Narren

Ich möchte immer in ihrer Nähe sein, was ich aber leider in 99,9 Prozent aller Fälle nicht bin, da diese großartige Frau aus meiner Sicht etwa schräg links hinter dem Nordpol wohnt. Jedenfalls ähnlich weit weg. Also stelle ich mir ständig vor, daß ich in ihrer Nähe bin. Beim Einkaufen zum Beispiel. Oder wenn sie mit dem Smartphone vor ihrer entzückenden Nase die Treppen runterläuft, wobei ich jedes Mal die Sorge habe, daß sich ihre Füße verheddern und sie furchtbar stürzt, denn manchmal kann sie sehr tolpatschig sein. Ein Wesenszug, den ich aus persönlicher Erfahrung nachvollziehen kann.

Aber am liebsten in ihrer Nähe bin ich, wenn sie sich die Decke in ihrem Bett bis zu den Ohren hochzieht und sich auf die Seite dreht, in ihre übliche fötale Schlafhaltung. Löffelchenstellung hat etwas sehr Erotisches und sie hat dafür auch die entsprechenden Kurven an den exakt richtigen Stellen, was natürlich meine Freude daran, mit ihr im Bett zu liegen – oder mir das zumindest vorzustellen – auch nicht gerade verringert.
Und wenn sie dann ihre Arme um den riesigen Flauschhund legt, der in ihrem Bett etwa 27 Prozent des verfügbaren Raums einnimmt, dann lächelt sie manchmal sogar, worüber ich mich unbändig freue.

Natürlich kämst du niemals auf die Idee, deine Arme um mich zu legen oder dich in meine Richtung zu drehen, denn das wäre einfach zuviel der Zuneigung und würde vermutlich heftige allergische Niesanfälle auslösen. Wenn ich denn da wäre. Aber auch, wenn ich es nicht bin.Weiterlesen »

Nur ein Moment

Dieser Moment, in dem ich zum ersten Mal deine Stimme hörte. Der Moment, in dem ich wußte, daß ich diese Stimme immer wieder würde hören wollen.
Zum ersten Mal hattest du an Realität gewonnen. Keine getippten Sätze im digitalen Raum. Kein Bild, das zwar genauso Dinge zeigt wie früher ein Photo. Aber trotzdem bleiben digitale Bilder eben digitale Bilder. Man kann sie nicht greifen. Sie haben keine physische Substanz. Und das merkt man den Bildern, mit denen Millionen Menschen die Welt fluten, auch an.

In einer immer flüchtigeren und unwirklicheren Welt war deine Stimme der erste echte Kontakt. Funken auf Schießpulver. Der Lichtbogen für den Raketentreibstoff. Bereits in diesen Sekunden stellte ich mir vor, wie es wäre, diese Stimme neben mir zu haben. Morgens beim Aufwachen. Während du mich aus deinen verschlafenen Bambiaugen anblinzelst. Dieser unwirkliche Blick unter zerwühlten Haaren hervor.Weiterlesen »

Gespräch mit Gestern

„Du liegst auf der Seite, an Hund gekuschelt und die Brille hast du vorher schon abgenommen“, sage ich.
„Ja“, sagst du.
„Woher ich das nur weiß?“, sage ich.

Und ich kann das Bild tatsächlich in diesem Moment vor mir sehen. Wie du auf der Seite liegst, deine blasse Haut unter dem Licht deiner Weihnachtslichterkette, die in dein Bettgitter gewoben ist. Wie du das verdammte Telefon an dein Ohr hältst und die Augen geschlossen hast, während du mit mir redest. Oder wie es neben dir liegt, auf dem anderen Kopfkissen. So, als wolltest du mich tatsächlich dort haben. Ich schwebe geradezu über dir und sehe nach unten auf diese Szene. Ich bin immer noch in deinem Kopf. Es hat nur Sekunden gedauert, dorthin zu kommen. Fast wie früher. Fast wie immer.

Wie du mir immer sagst, du wüßtest nicht, wer da gerade noch Bilder oder Nachrichten zu dir schickt, wenn ich den Alarm deines Smartphones höre beim Telefonieren. Und wie ich weiß, daß du mich gerade wieder belogen hast und es mir nur nicht sagen willst. Das ist genau wie früher.
Ich denke, Du weißt sehr wohl, wer dir gegen Mitternacht noch Nachrichten im Minutentakt schickt. Wer sollte es sein, wenn nicht dein Herr? Du redest wieder einmal nur nebenbei mit mir und tust so, als wäre das ein irgendwie intimes Gespräch.

Plötzlich hatte mein Telefon geklingelt, gestern abend. Nachdem ich dir unvorsichtigerweise vorher wieder einmal auf eine Nachricht geantwortet hatte, schon eine Weile her. Ich hätte sie hinnehmen sollen und nichts dazu sagen. Aber dumm, wie ich bin, mußte ich antworten. Habe sogar selber wieder Kontakt initiiert. Über mehrere Tage haben wir uns über die Entfernung Belanglosigkeiten zugerufen. Kaum bist du wieder allein zu Hause, werde ich plötzlich wieder interessant für dich.Weiterlesen »

Zuletzt geliebt

Ich mag dich gar nicht. Ich liebe dich. Ich liebe jeden Quadratzentimeter von dir. Deine wunderhübschen Brüste, die du nachts immer in einem völlig unnötigen BH einsperrst. Deine Beine, an denen man sich großartig nach oben massieren kann. Diesen Prachthintern, den du da in Leggins gehüllt durch die Gegend trägst. Deine Ohren, deinen Hals, den Schwung deiner Hüfte und diese wunderschönen Kurven deines Gesichts. Deine Porzellanhaut. Am allermeisten mag ich aber den Verstand, der da in diesem Kopf steckt und der so scharf ist, daß du dich oft selbst daran schneidest. Am allerallermeisten mag ich diese prachtvollen Augen, durch die ich deine Seele erkennen kann, mein Wunder.

Ich vermisse dich seit Monaten jeden Tag und jeden Tag ein bißchen mehr. Mir fehlt deine Stimme. Wenn ich sie nicht hören kann, ist sie in meinem Kopf. Wenn ich beim Radfahren vor mich hin träume, sehe ich dein Gesicht überall. So liebe ich dich. Jeden Tag. Und du weißt das auch. Denn in meiner grenzenlosen Naivität und nervtötenden Romantik habe ich es dir gefühlt neun Dutzend Male auf deine hübsche Nase gebunden.
Du willst es nur nicht verstehen. Du traust dich nicht. Du vertraust mir nicht. Du glaubst mir nicht. Du traust dir nicht. Du schämst dich dafür, daß jemand dich so sieht wie ich. Du hältst es für völlig absurd, daß jemand dich  überhaupt so sehen könnte. Aber trotzdem ändert das nichts. Ich liebe dich einfach. Ich kann da sehr starrsinnig sein. Ich habe jahrelang mit mir selber gerungen und dabei nicht immer Remis gespielt. So etwas geht nur mit ausgesprochenem Starrsinn.Weiterlesen »