Im Freien bluten

Es heißt immer: „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“
Ich stimme dem nicht zu. Ich halte das sogar für vollkommenen Blödsinn. Einige Dinge, die mich nicht umgebracht haben, kamen dem zumindest so nah, daß sie mich beschädigt haben, meine Seele zerkratzt zurückließen. Manche Dinge machten mich nicht stärker, sie schwächten mich, ließen es mir schlechter gehen. Manche Dinge machten mich schlechter. Zumindest für eine Zeit lang.

Doch warum sollte das nicht in Ordnung sein? Kann das nicht einfach auch so gut sein in dem Moment, so, wie es ist?
Warum sollten manche Dinge uns nicht zerbrechen können? Beulen hinterlassen und blutende Wunden und Narben und all das? Was ist dagegen einzuwenden?
Die eigene unverwüstliche Unverletzlichkeit ist nichts weiter als eine Lüge. Sie paßt zum Narrativ einer Gesellschaft, die Menschen nach zwei Wochen Antidepressiva verschreiben möchte, die dann immer noch trauern um jemanden, den sie verloren haben. So sieht es eine Empfehlung des Berufsverbands der Psychiater in den USA vor. Wer nach vierzehn Tagen nicht wieder funktioniert, wird sediert.Weiterlesen »

Werbeanzeigen

Die Einhorn-Dialoge: Kurt-Cobain-Horn

„Schick es ihr nicht“, sage ich zum Einhorn und blicke kurz von meiner Aufmunterungslektüre auf.

„Warum nicht?“ fragt das Fabeltier und zuckt dabei schuldbewußt zusammen. Denn eigentlich hat es in meinem Facebook-Account nichts verloren. Andererseits ist es etwas schwierig, das Passwort vor ihm geheim zu halten.

„Weil sie das dann sieht. Und womöglich drauf antwortet.“

„Sie wäre aber total neidisch. Ach was, ausrasten würde sie.“

„Sie würde vermutlich sagen: ‚Ich hasse dich.‘ „Und womöglich…“ – für einen Moment halte ich inne, von der Vorstellung schmerzhaft berührt – „…womöglich würde sie lächeln und sich freuen.“

„Ja. Wäre das nicht toll?“, antwortet das Einhorn und sieht mich an. Es sieht etwas zersaust aus in den letzten Wochen.. Immer wieder erleidet es Traueranfälle, die dann von manischen Episoden abgelöst werden.

„Nein. Wäre es nicht. Du willst nur einen Aufhänger haben, um was zu ihr zu sagen. Laß das!“

„Aber…“ sagt das Fabeltier und senkt seinen Kopf trübselig zu Boden…“aber irgendwie ist die Welt ohne sie..“

„…anders. Aber insgesamt ist sie eigentlich genau so, wie sie mal war. Früher. Bevor ich über sie gestolpert bin. Oder wir übereinander. Der einzige Unterschied ist, daß ich heute weiß, daß es sie gibt. Aber das ignorieren wir einfach mal.“

„Das habe ich ja versucht. Aber ich vermisse sie. Sie fehlt mir so sehr.“

„Aber du ihr nicht. Und ich auch nicht. Sie hat nichts gesagt oder getan, das diese Schlußfolgerung auch nur annähernd rechtfertigen würde.“Weiterlesen »

Geist und Fleisch

Seit vorletzter Woche überlege ich jeden Tag, ob ich dir dieses verdammte Bild schicken soll. Audrey Hepburn für die Wand, mit einer Szene aus „Breakfast at Tiffany’s“.
Eigentlich will ich es, seitdem ich es das erste Mal gesehen habe. Es ist wie Du. Nur wollte ich dich, seitdem ich dich das erste Mal gehört habe. Seitdem du wie beiläufig erwähnt hast, daß Du deine Gedanken wieder öfter um Selbstmord kreisen läßt in deinem Kopf, mache ich mir darüber Sorgen. Jeden Tag fällt mir dieser Satz ein. Aber warum mache ich mir immer noch Sorgen?
Ständig stolpere ich über Dinge, bei denen ich an dich denken muß.

Du hast keinen Platz für mich und willst das auch nicht. Du beklagst dich über fehlendes Gefühl und einen Mangel an Empathie. Aber wenn ich dir meine schenken will oder dir meine Gefühle entgegenhalte, willst du davon nichts wissen.

Noch immer sagst Du nichts. Du redest mit mir, aber Du sagst nichts. Über alltägliche Dinge kommen wir nicht hinaus. Und wenn doch mal irgendwas mit deiner Gefühlswelt vorkommt, ist es unmittelbar mit seinem Namen verbunden. Ich kann diesen Mist nicht mehr ertragen. Aber mit ihm sprichst du ja auch nicht. Wenn dir gesagt wirst, du solltest ihm jetzt mal vertrauen, dann tust Du das. Du folgst den Anweisungen deines Herrn. Ich bin es, der deinen Frust über dich hinterher wieder abkriegt.Weiterlesen »

Für immer Blut und Rosen

Es geht endlich zu Ende. Dieses halbe ganze Jahr, in dem ich zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt wieder einen anderen Menschen geliebt habe. Dich. Du schienst es wert zu sein, dieses Wagnis noch einmal einzugehen. Ein letztes Mal aus meinem Herzen keine Mördergrube machen, wie man so sagt. Aus meiner Seele erst recht nicht. Ich habe vom ersten Moment an gefühlt, was du wirklich sein könntest. Ich habe dich leuchten sehen in der Nacht wie den Turm an der Küste, der Reisenden im Nebel den Weg weist, seitdem Menschen auf der Endlosigkeit der Ozeane verlorengehen in ihrem Hang zu Abenteuer, ihrer Neugier folgend.

Ich wollte Dich in meinem Leben haben. Jemanden bei mir wissen, der mich mit sich teilt und umgekehrt. Aber vergebens.
Kein ‚Für immer und Dich‘. Nur ein ‚Für nichts und wieder nichts‘. Wie immer in meinem Leben. In meiner eigenen Blindheit hatte ich bis zuletzt gehofft, du könntest jemand anders sein als die Person, die du wirklich bist. Oder besser, die Nicht-Person, die du krampfhaft sein willst.

In meinem Unglauben über deine völlige Unfähigkeit zur Empathie habe ich völlig daran vorbeigesehen, wie sehr du andere Menschen zu dem degradierst, was du selber sein willst und somit auch bist. Ein seelenloses Werzeug, jederzeit bereit, seinem Herrn zur Verfügung zu stehen. In meinem Gefühl für dich war ich so unfaßbar naiv, dir alle Stellen zu zeigen, an denen du mich so richtig tief verletzen kannst. Selbst als du eine nach der andern davon gegen mich benutzt hast, war ich nicht bereit, dich loszulassen.
Dein Licht hat mich nicht im Nebel geleitet, sondern geblendet. Und geblendet wollte ich nicht erkennen, daß du nur gegenüber Menschen geistige oder körperliche Zuneigung simulieren kannst, die dich wie Dreck behandeln.
Die widerwärtige Überzeugung deiner eigenen Wertlosigkeit ist in dich eingeätzt und muß dir bestätigt werden, alles andere zählt nicht. In deiner zutiefst traumatisierten Welt stellt alles andere dein gesamtes Denken über dich in Frage. Dieses Risiko gehst du nicht ein. Du wirst es niemals riskieren, von jemanden wahrhaft geliebt zu werden und glaubst, die ganze Welt sei so aufgebaut.Weiterlesen »

Schlußakkord

Sonnenaufgang. Die verdammte Scheißtaube im Garten des Nachbarn gurrt mit Industrielautstärke in ihrem Baum rum. Das Licht des heller werdenden Horizonts sickert durch die Scheibe meiner Balkontür ins Schlafzimmer, jedes Photon genau auf meine geschlossenen Augen gezielt.
Seit einer Stunde oder so drehe ich mich von links nach recht und zurück. Gefühlt die ganze Nacht. Ich habe geschlafen. Glaube ich jedenfalls.

Aber hinter meinen Augen, in diesem irren, ruhelosen Gehirn von mir, laufen immer wieder dieselben Bilder ab. Immer neue Sequenzen an Sätzen tauchen in meinem Kopf auf. Ich kann nicht aufhören zu denken über das, was passiert ist. Es ist fast so, als hätte mich etwas emotional erschüttert. Ich lache kurz auf, als mein Gehirn mit diesen Satz in die Stirn ballert. Es ist ein kurzes Lachen. Zynisch und bitter. Aber macht nichts, es hört ja niemand außer mir.

Ich verfluche die Taube, stelle mir ein letztes Mal vor, wie ein klitzekleines Geschoß aus der Luftpistole das Drecksvieh in einen Ball blutiger Federn explodieren läßt. Sehr befriedigender Gedanke.
Im Wohnzimmer malt der aufgehende Zentralstern dunkleoranges Licht an die Wände. Scheint ein schöner Tag zu werden. Tag Null. Oder Tag Eins, wie man es nimmt.
Heute ist der Tag, an dem ich endgültig beginne, dich aus meinem Inneren zu streichen. Ich impfe mich mit Haß, um jede verdammte Zelle in mir zu erwischen, in der du gespeichert bist. Eine Art emotionaler Chemotherapie. Allerdings sind es ziemlich viele Zellen. Der Krebs ist weit fortgeschritten.

Der weitere Text enthält durchaus heftige Worte und ist für Personen unter 18 nicht geeignet. Es wird keine weitere Warnung geben.Weiterlesen »

Nightfall

Ich sitze am Ufer und sehe auf den Fluß hinaus. An diesem prächtigen Sommertag glitzert das Sonnenlicht auf dem Wasser. Die Strömung formt daraus eine Oberfläche aus flüssigem Glas und zerbricht das Leuchten in ein Universum aus unzähligen Billionen Sonnen.
Ich atme tief, trinke die Luft in mich hinein, spüre den Molekülen des Sauerstoffs nach, der sich in meinem Blut verteilt. Wie so oft in letzter Zeit versuche ich, die Dunkelheit in meinem Innern zu beruhigen. Dieses dunkle Meer voller seltsamer, abstoßender Dinge, das sich in meinen persönlichen Tiefen befindet.
Dieses wunderbare, kalte, schwarze Glühen in mir, angefüllt mit faszinierenden Versprechen, das sich immer wieder einen Weg nach oben bahnen möchte. Es brodelt und schäumt so dicht unter meiner offiziellen Oberfläche wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr.

Es fesselt mich ebensosehr wie mich das Glitzern auf dem Wasser fokussiert.
Ich sehe weiße Rosenblätter hinter meinen geschlossenen Augen, die sich rot färben von aufgesaugtem Blut. Ich kann ihren Duft riechen. Ich spüre den Geschmack des Blutes auf meiner Zunge. Heißes, rostiges Metall.
Ich sehe dein Gesicht überall. Im Glitzern auf dem Wasser. In den Wolken, die sich am Himmel über mir bewegen. In der Form der Blütenblätter, die leise raschelnd durch meinen Geist wehen, langsam vertrocknend. Ich stehe am Rand eines gigantischen Abgrunds in meiner Seele und sehe das Glühen der Dunkelheit tief unter mir. Ich kann sie rufen hören. Kriegslärm ertönt in meinem Geist. Getrampel von Hufen hinter meiner Stirn. Das Klirren von Waffen.Weiterlesen »