Sirenen und Helium

Schon beim ersten Atemzug wird mir klar, daß es heute wieder einer dieser seltsamen Tage werden wird. Das heißt, beim ersten Atemzug, nachdem ich die Augen aufgeschlagen habe. Die verwaschene Welt starrt mich durch meine noch immer ungeputzten Fenster an. Ich starre zurück. Ich gewinne immer, denn solange ich die Brille nicht aufgesetzt habe, sehe ich eben nichts wirklich Konkretes.
Dann atme ich das erste Mal bewußt ein. Gucke nach, ob die Lungen noch da sind. Das scheint der Fall zu sein.

Der nächste Schritt führt zum Sofa. Mehrere Schritte. Das Sofa muß rituell vorbereitet werden. Decken richten. Kissen richten. Dann die Bettdecke transplantieren. Ich nehme meine Wärme morgens immer aus dem Bett mit. Das ist effizienter. Ich wohne auf meinem Sofa, jedenfalls sehr oft. Da kann es auch verdammt noch mal gemütlich sein.
Das Teewasser filtert, der Computer beginnt seine elektronische Existenz. Fast ein bißchen so wie ich. Eingeschaltet. Die Lüfter beginnen zu atmen. Pa-Ling. Gib mir Input. Allerdings denkt der Computer nicht an dich.

Mehr Teewasser filtert, der Typ im Spiegel meines Badezimmers sieht aus wie ein explodiertes Kopfkissen. Zum gefühlt achthundertsten Male frage ich mich, ob ich diese Haare nicht einfach wieder stoppelkurz machen soll. Thema erledigt. Was das an Schaum sparte. Nach dem Duschen kurz mit dem Handtuch drüber. Fertig. Die Bürste kann ich dann in Harz eingießen und an die Wand hängen. ‚Life Art‘, geht es mir durch den noch immer schlafverstrahlten Kopf. Sogar einen Titel hat das Werk: ‚Haart, aber herzlich‘. Es ist einer dieser seltsamen Tage.Weiterlesen »

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Alles von Dir

Mir fehlt immer alles von dir.
Mir fehlt das „Guten Morgen“ und das „Wie geht es dir?“.
Nicht, daß du das jedes Mal erwähnst. Normalerweise neigst du dazu, solche Fragen nicht zu stellen. Wir mögen diese Fragen beide nicht. Denn üblicherweise will darauf nie jemand eine ehrliche Antwort.
Eine Freundin ist tot und man erinnert sich an sie. Ein Haustier womöglich. Ein Ereignis wirft einen aus der Bahn und man spürt das noch Tage später. Oder an Jahrestagen.

Mich jagen immer wieder die verdammten Panikattacken. Dieser scheiß Herzschlag, der plötzlich aus den Tritt geraten will. Dieses Dröhnen von Kriegstrommeln in meinen Ohren, die herankriechende Furcht, die weichen Knie. Obwohl weit und breit nichts zu fürchten ist. Es macht mich fertig. Es nagt an mir und wenn die schlauen Leute mit dem Spruch kommen, ich solle der Fels in der Brandung sein, sehe ich immer endlose Sandstrände vor meinem geistigen Auge. Sand. Das ist es, was Brandung aus Felsen macht. Schönen Gruß, ihr Idioten.Weiterlesen »

Liebe als Erklärung

Ich habe dich im ganzen Leben real nur einige Stunden erleben dürfen. Trotzdem sagtest du einmal, daß ich dich besser kenne als du dich selbst. Wie konnte es mir passieren, daß ich über dich stolpere, digital und virtuell statt real und physisch, und mich sofort in das interessanteste Gespräch mit dem interessantesten Menschen verwickelt sah, das ich seit ziemlich genau 1996 geführt hatte?
Ich sollte längst alt genug sein, um darauf zu achten, wo ich hintrete. Ich bin nämlich auch alt genug, um einen Sturz schlimme Folgen haben zu lassen.Du bist nicht nur widersprüchlich. Du bist ein einziges Durcheinander.
Auf die Frage, wie du dich fühlst, reagierst du nicht verständnisvoller als Mr. Spock in der berühmten Star Trek-Szene. Empfindungen zu erfragen wird von dir üblicherweise mit einem tiefen Brunnen des Schweigens beantwortet.

Dann ist diese andere Frau. Ich denke, es war die, mit der ich damals sprach. Sie ist hingebungsvoll. Romantisch. Manchmal neigt sie sogar ein wenig zum Kitsch. Sie ist anhänglich und geradezu süchtig nach Zuneigung. Danach, daß jemand Interesse an ihr zeigt. Sie ist fest davon überzeugt, daß sich die meisten Dinge im Universum um sie drehen und das so auch seine Richtigkeit hat. Sie ist auch die Person, die all das vehement abstreiten würde, falls sie nicht schon bei der Andeutung von romantischem Kitsch, also persönlichen Gefühlen, in allergische Niesanfälle verfiele.Weiterlesen »

Dämmerung

All das, worin ich mich jeden Tag bewege, was ich jeden Tag wahrnehme, was mich schon immer als normal umgeben hat in meinem Leben – all das ist nichts weiter als eine wahnsinnig gewordene Massenpsychose. Das angebliche reale Leben ist nichts anderes als eine Traumwelt. Oder womöglich eine Albtraumwelt. Ich bin umgeben vom Zombies, die schlicht noch nicht begriffen haben, das sie welche sind.

Aber der Schläfer ist unruhig. Er wälzt sich hin und her in seinem Schlaf, während er im Traum durch Labyrinthe hetzt, in denen sich die Wände verschieben und die Gänge hinter ihm verschließen. Immer weniger Optionen bleiben zurück und keine von ihnen ist gut oder verspricht eine bessere Zukunft. Und irgendwo in all diesen verschlungenen Gängen hausen Ungeheuer. Der Schläfer sieht sie nicht. Aber er kann sie hören. Sie riechen. Sie spüren.

Immer öfter betreten wir eine Weggabelung, einen Platz, von dem weitere dunkle Gänge abzweigen, und haben diesess unbestimmte Gefühl, einen Raum zu betreten, in dem gerade eben noch jemand war. Oder ein Etwas. Wir schaudern im Schlaf und wenden uns ab, laufen gehetzt in den nächsten Gang. Sackgassen voller Monster.

Unsere albträumende Traumwelt, diese Manifestation eines fundamentalen Mißverständnisses über die Natur der Welt und unserer Rolle in ihr, sie wird sich auflösen. Sie tut es bereits. Immer öfter zerreißen die Nebelschleier unserer Selbstzufriedenheit und was wir durch die Fetzen erkennen können, sind keinesfalls die verheißungsvollen Ufer von Avalon. Die schroffen Küsten, auf die wir zutreiben, sind voller Blut und Knochen und Verzweiflung. Das ist nicht das bessere, das strahlendere Morgen, das unsere ökonomischen und politischen Demagogen uns immer versprochen haben.
Dies ist das Land, in dem alle Lügen enden. Dies ist das Land der Konsequenzen unserers Handelns. Oder unseres Nicht-Handelns. Es ist nicht das Land der Füllhörner. Nur die Wüste der Wahrheiten, die immer geleugnet wurden.

Der Schlafende muß erwachen. Bald, sehr bald, wird es soweit sein.

Du warst niemals schöner, Herbst

Das gnadenlose Glühen der Sonne hat nachgelassen. Nachts kann ich wieder schlafen, ohne dabei in meinem Bett langsam zu ertrinken oder im eigenen Saft vor mich hin zu köcheln.
Noch immer ist der endende Sommer warm. Auch heute erstreckt sich wieder wolkenloses Blau über meinem Kopf. Unter den Reifen meines Transportmittels erstreckt sich immer noch betonharte Erde. Der einzige Unterschied zwischen dem Asphalt der Straße und den Feldwegen ist, daß die Feldwege glatter sind hier in dieser Stadt.

Der Flieder blüht. Schon wieder. Und ich liebe den Duft von Flieder. Früher verkündete er für mich Sommer. Heute verkündet er das Heraufdämmern des Herbstes. Jedenfalls auch. Noch immer lassen alle Büsche und Bäume auf meinem Weg ihre Äste und Blätter hängen. Es ist zu trocken, selbst für diese Gegend hier.
Doch ich bin in Bewegung. Wochenschwere Bleifesseln depressiven Dahindümpelns verwandeln sich in leichte Seide. Ich suche noch immer Entspannung im kühlenden Fahrtwind. Im Rhythmus meines Atems. Sogar dem meines Herzens, dem ich so sehr mißtraue. Ich suche wieder diesen Moment aus Ruhe und Fluß. Ich hatte ihn so lange vermißt, während du Teil von mir warst.Weiterlesen »

Zuwendung abgewendet

Manche Menschen erlauben anderen Personen um sich herum keinerlei Eigenständigkeit. Diese Menschen benutzen andere als einen Spiegel für sich selbst. Wir tun das alle irgendwo und in einer gewissen Art. Normale Menschen sehen dann eben andere Menschen, andere Persönlichkeiten.

Diese Typen nicht. Sie wollen, daß der Spiegel, den sie da benutzen und benutzen müssen – denn sonst gäbe es keine Interaktion – ausschließlich ihre eigene Person zurückwirft. Sobald das Gegenüber auch nur den Hauch einer eigenen Persönlichkeit zeigt – was natürlich immer der Fall ist, bei jeder natürlichen Interaktion – reagieren sie mit Angst und Panik. Hier dringt etwas in ihre Welt ein, mit dem sie nicht zurechtkommen und auch nicht zurechtkommen wollen.

Sehr oft reagieren diese Menschen dann mit Gewalt. Gegen die eigenen Kinder, die eigene Ehefrau. Denn im überwiegenden Fall sind diese Leute Männer. Sie benutzen Gewalt, um den anderen exakt das Bild und die Reaktionen aufzuzwingen, die sie mit ihrer eigenen Persönlichkeit asoziieren. Einer im Normalfall enorm instabilen Persönlichkeit, deshalb verträgt ja dieses Selbstbild auch keinerlei Erschütterung von außen. Jede Reaktion, jede Handlung im Alltag hat nach bestimmten Mustern zu erfolgen, sonst setzt es Prügel.Weiterlesen »

Gewollt wie

Man sagt immer, über die erste Freundin, die erste Frau oder sonstige Person hinwegzukommen, die einem wirklich etwas bedeutet hat, wäre am schwersten.

Ich kann das nicht bestätigen. Meine erste wirkliche Freundin verwandelte sich im Laufe der Zeit auch in meine Frau. Und später meine erste Scheidung. Es ist bisher die einzige geblieben und das wird sich nicht ändern. Aber das ist in Ordnung. Einmal in seinem Leben sollte jeder Mann verheiratet gewesen sein.
Aber nach ihr kam die nächste Freundin. Wobei vorher eine Affäre kam. Mit einer Frau, auf die ich binnen Sekunden so unfaßbar scharf war wie noch nie zuvor in meinem Leben. Was auch durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Ausgerechnet ein Mann, der seine Frau filmreif an einen guten Freund verloren hatte, führte also eine Affäre mit der Freundin eines anderen. Aber das war nur eine kurze Sache. Sobald ich etwas ernsthaftere Gefühle zu zeigen begann, war ich für sie raus. Worüber ich gar nicht einmal böse war. Wobei auch diese Sache noch ein Nachspiel hatte, in jeder Bedeutung des Wortes.Weiterlesen »

Song Text

Noch immer ziehen die Lachse zum Laichen und Sterben den Fluß hinauf, wenn sie morgens um Vier noch bei dir sind, während du an jeder Ecke bist und mir nicht zuhörst am Ende von Berlin, wo ich dich unter meiner Haut trage und dich nicht gehen lassen will und das Geräusch der Stille sich ausbreitet wie ein Krebs, während ich allein im Dunkeln bin und Du nackt und ganz weit oben und nicht gut zu Fuß und du noch immer das Spiel spielst von Herr und Sklavin, während du feststeckst in diesem Moment, aus dem du nicht mehr herauskommst.Weiterlesen »

Entfernte Fremde

Dieses seltsame Gewimmel von Menschen dort unten. Das Hin und Her auf den Bahnsteigen erweckt von hier oben, von der Brücke, den Eindruck eines Ameisenhaufens. Nur nicht so organisiert.
Während nur ein paar Meter von mir entfernt die Kraft durch die Drähte brummt, die unsere Zivilisation antreibt, die Volts und Amperes die riesigen Metallmassen über die Metallschienen beschleunigen, bin ich wesentlich weiter von diesem Punktegewimmel entfernt als nur diese wenigen Meter.

Ich gehöre gar nicht zu denen. Das da unten ist überhaupt keine Zivilisation. Es ist nicht meine Spezies, die da mit Koffern beladen durch die Gegend taumelt und nicht einmal in der Lage ist, in einen Zug einzusteigen, ohne dabei die Hälfte der dafür angebotenen Möglichkeiten gar nicht zu benutzen. Stattdessen stehen diese seltsamen Wesen in großen Knäueln vor irgendwelchen Türen und werden jede Sekunde ungeduldiger, weil es nicht vorwärts geht.

Ich bin ein Fremder in einem fremden Land. Ein Alien. Ein Marsianer. Was auch immer. Jedenfalls empfinde ich mit diesen seltsam unkontrollierten Säugetieren dort unten keine Verwandtschaft.
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Die Einhorn-Dialoge: Ghost of a smile

„Komm jetzt, Einhorn. Wir müssen los.“

Das Fabeltier kommt mit gesenktem Kopf um die Ecke. Seine Hufe hallen ungewöhnlich laut im leeren Flur.

„Wir können doch nicht einfach so gehen. Ich finde das nicht richtig. Sie braucht uns.“

„Für was? Um nichts zu sagen? Für ’ich hätte noch eine ganze Menge Sätze für dich‘, gefolgt von Schweigen bis zum Ende aller Tage? Um uns dann wieder mitzuteilen, wie schlecht es ihr geht und sich sofort wieder zurückzuziehen, wenn wir wieder so unfaßbar idiotisch gewesen sind, uns um sie zu kümmern?“

Ich tätschle dem deprimierten Fabeltier etwas geistesabwesend die Mähne.

„Nein. Die Wahrheit ist schlicht, daß wir außer friends without benefits nie irgendwas von diesem ganzen Mist hatten. Wir gehen gar nicht einfach so. Seit 2,5 Jahren sind wir jetzt geduldig gewesen.“

„Es tut ihr bestimmt leid.“

„Das tut es immer. Oder sie tut so, als tue es das. Und dann ändert sich wie immer nichts. Hörnchen, ich sag“s ungern – aber wir gehen dieser Frau einfach am Arsch vorbei.“

„Wir sind mit ihr verbunden! Schon die ganze Zeit.“

Ich schüttle energisch den Kopf.

„Nein. Diesmal nicht mehr. Ich bin einfach nur enttäuscht, angepißt und es leid. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Aber wir sind nicht mehr in ihrem Kopf. Diesmal fühlt es sich völlig anders an.“

„Du willst einfach aufgeben?“

„Nein. Ich höre einfach auf, mir jemanden vorzustellen, der gar nicht existiert.“Weiterlesen »