My bloody Queen of Hearts

Du kannst wild um dich schlagen in deinem Innern und dich nicht schneiden. Du kannst es tun und dir damit eine gewisse Erleichterung verschaffen. Ein Ventil. Einen Kontakt zur Realität. Einen Cooldown. Klarheit. Aber dazu müßtest du gegen Regeln verstoßen.

Egal, was du tust oder nicht tust. Am Ende wird es immer wieder die Klinge sein an deinem Handgelenk. Die Flasche Wein am Abend. Die zitternd angezündete Zigarette auf dem Balkon. Der Albtraum morgens um vier, der dich wachprügelt und nicht mehr schlafen läßt, bis du über deine Augenringe stolperst.
Irgendwann wird es die Klinge am Hals sein. Blutende Narben auf deinem Rücken, irgendwo zwischen deinen Tattoos und Piercings, die deine Ersatzbefriedigung geworden sind. Tropfendes Blut auf dem Boden in den großen Hallen in deinem Innern, langsam versickernd im Staub. Rorschachmuster aus Schmerz und Grauen.Weiterlesen »

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Feindberührung

Wie lange habe ich Krieg geführt gegen mich selber?
Wie lange war ich davon überzeugt, mit dem nächsten Angriff, der nächsten Attacke, der nächsten brennenden Brücke endlich den Sieg zu erringen?
Ich weiß es nicht. Aber ich schätze, etwa zwei Jahrzehnte. Nimmt man die gelegentlichen Feuerpausen und Waffenruhen hinzu, komme ich auf ein Vierteljahrhundert. Etwas mehr als mein halbes Leben.Weiterlesen »

Die Einhorndialoge: Depressiver Realismus

‚Sie ist schon süß, oder?‘, sagt das Fabeltier zu mir und knufft mich in meiner Depression mit diesem wissendem Blick in die Seite, den ich so sehr hasse, während es genüßlich die letzten Glitzerluftschlangen von Silvester auffrißt. Einhörner sind nämlich Glitzer-Wiederkäuer, das wissen die wenigsten.

‚Das beschreibt es nicht annähernd. Sie war mein Wunder‘, sage ich, ohne mich dabei von der ensetzlichen Fröhlichkeit des Fabeltiers auch nur im geringsten in meiner Embryonalhaltung auf dem Sofa stören zu lassen.

‚Sie ist es also nicht mehr?‘

‚Nein. Nein, ich denke, nicht.‘

‚Sie hat uns aus ihrem Kopf vertrieben, nicht wahr?‘

‚Ich weiß nicht, ob sie das war. Oder er. Aber ja. Wir wohnen da nicht mehr.‘Weiterlesen »

Fröhlichen Weihnachtshaß

Kapitalismus macht seit anderthalb Jahrhunderten mit wachsender Begeisterung und Effektivität nichts anderes, als uns als Menschen Dinge wegzunehmen, sie aus der Gesellschaft herauszuschneiden. Gemeingüter werden privatisiert und diese Privatisierungen mit Gesetzen für legitim erklärt, um so neue Geschäftsfelder zu erschließen, dem Kapitalismus eine weitere Nische zu erlauben, die er plündern kann.
Während der Kapitalismus, die Kommerzialisierung immer größer wird, immer allumfassender, schrumpft die Gesellschaft dahin, verliert an Boden. So wie sie Gemeingüter verliert, verliert sie an Gemeinschaft und somit an Zusammenhalt. Mit den common goods geht common ground verloren, könnte man sagen.

Während unser Wirtschaftsystem immer reicher wird und mit ihm eine immer kleinere Anzahl von Individuen, wird die Gesellschaft als ganzes ärmer. Nicht nur metaphorisch, auch real und finanziell, denn alles, was früher einmal Gemeinschaft war, ist jetzt eine Dienstleistung, ein Service, dargeboten gegen eine geringe Gebühr von ihren Wohlfühlexperten, bitte zahlen sie per Kreditkarte oder Smartphone oder Paypal. Besten Dank.

Das tägliche Leben im kapitalistischen Westen ist Eintönigkeit und Langeweile. Tinder statt Straßencafe oder Tanzabend. Wir programmieren Fräsen und vergessen dabei mehr und mehr, wie sich der Meißel anfühlt in unseren Händen, die Steinsplitter, der Staub. Wir streichen nicht mehr über den Werkstoff selbst mit unseren Händen, fragen den Stein nicht nach seiner Geschichte, seinen möglicherweise eingebauten Fehlern und Makeln. Wir erforschen nicht mehr direkt. Überall schalten wir Vermittler zwischen uns und die Welt.Weiterlesen »

Moment des Stolperns

Dieser eine Satz. Hätte ich diesen einen Satz vor zwei Jahren nicht geschrieben. Hätte dieser eine Moment nicht existiert. Die neun Stunden Zugfahrt nur sechs Tage später. Sechs Tage, die ich so gut wie ununterbrochen mit dir am Telefon verbrachte. Die Gestalt mit dem Smartphone am Ohr, die aus dem Dunkel auf mich zugelaufen kam an diesem Bahnhof in dieser verdammten Stadt am anderen Ende des Landes. Dieser Bahnhof, der nicht so viel anders aussah als der, von dem ich losgefahren war. Aber hier konnte man das Meer riechen. Hier gab es dich.

Wie ich meine Jacke aufgemacht habe, weil du sagtest, dir wäre so kalt. Wie du deine Arme um mich legtest, unter der Jacke. Dieser Geruch deiner Haare. Dein Geruch. Meine Arme, die sich ganz langsam um dich legten. Ganz vorsichtig an mich drückten. Ich wollte dich nicht zerbrechen. Wollte nicht, daß du dich einfach in Nichts auflöst. Träume lösen sich doch immer in Nichts auf.

Es hätte all das nie gegeben.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ungefühlig

„Du könntest sie hinterunters Ohr küssen und ihr was zuflüstern. Damit deine Stimme das letzte ist, was sie hört, bevor ihr Unterbewußtsein mit dem Träumen beginnt“, sagt das Fabeltier zu mir und glitzert dabei fröhlich vor sich hin. Überhaupt war es in den letzten paar Tagen geradezu manisch fröhlich.

„Würde ich tun. Wäre sie hier. Ist sie aber nicht. War sie nie. Wird sie nie sein. Und ihr Unterbewußtsein träumt seltsame Dinge von mir. Zumindest war das mal so. Abgesehen davon haben wir gar keinen Platz mehr in ihrem Kopf. Oder woanders. Falls dir das nicht aufgefallen sein sollte.“

Ich bin nicht manisch fröhlich in den letzten Tagen, wie ich beim Blick in den Spiegel unschwer erkennen kann. Ich stelle fest, daß sich eigentlich an deinem Verhalten nichts geändert hat. Im Grunde hat es das nie wirklich.
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Zwischen Zeilen

Jedesmal, wenn ich dich nach deinem verdammten Gewicht fragte.
Wenn ich fragte, ob du was gegessen hast inmitten deiner üblichen Scheißhektik.
Jedesmal, wenn ich dir sagte, daß du aufpassen sollst beim Radfahren.
Wenn ich sagte, daß du Handschuhe und Schal mitnehmen sollst.
Jedesmal, wenn ich dir sagte, daß du dir eine Decke holen sollst auf deinem verdammten Sofa.
Wenn dir kalt war und ich fragte, ob du dich zugedeckt hast.
Jedesmal, wenn ich dir sagte, daß du dich melden sollst, sobald du zu Hause bist.
Wenn ich dir einen schönen Tag gewünscht habe.
Jedesmal, wenn  ich dir sagte, daß du endlich aufhören sollst mit deiner Lernorgie.
Wenn ich in deinem Kopf gesessen habe, während du ihn auf deine Kissen legtest.
Jedesmal, wenn ich meine Hand austreckte nach dir auf dem Videobild.
Wenn ich dir virtuell dein Haar zerwühlte.

Jedes verdammte Mal habe ich dir gesagt, daß ich dich liebe.
Wenn du es gehört hast oder gespürt oder verstanden
Jedesmal oder jemals, weiß ich es noch immer nicht.

Wenn ich an dich denken muß.
Jedesmal sage ich dir noch immer, was du mir bist.
Wenn ich nicht aufpasse.
Zerreißt du mich noch immer.
Jedesmal.

© by A. S. (November 10th, 2017)


© und alle sonstigen Rechte beim Verfasser. Dieses Werk unterliegt nicht der CC-Lizenz. Keine Weiterverbreitung ohne Rücksprache.

Das Beitragsbild stammt einmal mehr von Christian Hopkins. Es ist titellos, aber ich habe es „Hours of glas“ getauft.
Den Künstler findet man auf Facebook unter diesem Link.

Kopfherbstfarben

Diesmal möchte ich mich selber anbrüllen, mir ins Gesicht schreien, was ich doch für ein leichtgläubiger Idiot war. Das es Unsinn war, auf dich hereinzufallen. Das ich es schon ganz am Anfang bemerkt hatte. Ich habe es sogar schriftlich. Ich habe es dir gesagt und mir eigentlich auch. Aber du hast mich zurückgehalten und ich wollte mir nicht zuhören.
Ich trete schneller in die Pedale. Mehr Geschwindigkeit. Mehr sonnige Herbstluft, die an mir vorbeirauscht. Mehr Rausch in meinem Blut. Schweiß. Herzschlag. Mit zunehmender Geschwindigkeit fahre ich dir davon. Aber es funktioniert nicht sonderlich gut.

Immer wieder tauchst du vor mir auf. Doch das ist gelogen. Du bist in mir drin. In meinem Kopf. Ich werfe dich vor mir auf den Asphalt, auf den Himmel, auf die Weinstöcke in der Landschaft. Wohin immer ich sehe, bist wieder du. Dein verdammtes, angemaltes Puppengesicht, gestylt für deinen Herrn und alle Menschen der Umgebung. Fassadengesicht. Ich würde dieses Gesicht hassen, ich hasse es sogar, das zumindest gelingt mir. Es ist das Wissen um das andere Gesicht darunter, das es mir unmöglich macht, dich zu hassen.Weiterlesen »

Hannibal Einhorn

Die kühle Seidenglätte des Materials. Die flauschige Wärme der Decke. Es ist nur meine Wärme. Deine fehlt. Dieser Duft frischer Wäsche, der mich lächeln läßt, während ich meinen Kopf auf das Kissen sinken lasse. Meine Kissen. Wie ich mir immer ausgemalt habe, daß ich für dich noch zwei extra brauchen würde. Noch eine Decke zu meinen. Denn ansonsten würdest du mir die eine wegziehen, unter der wir liegen. Gelegen hätten.
Du rollst dich immer ein im Schlaf. Panzerst dich mit Schaumstoff und weichem Duft frisch geduschter Haut, als wolltest du selbst schlafend noch jeden verstoßen, den du so nah an dich herangelassen hast. Du kannst dich selber nicht gut riechen.

Ich sollte dich besser vergessen, sagtest du. Aber du kannst mich mal am Arsch lecken. Ich denke gar nicht daran, dir diesen Gefallen zu tun. Du hast keine weiteren Gefallen mehr gut bei mir, schon lange nicht mehr. Ich schließe dich ein in mir. Jeden Moment, in dem du mich einen Idioten genannt hast. Jedes einzelne „Du bist doof!“.
Das hast du immer getan, wenn ich wieder einmal ins Schwarze getroffen hatte. Mit einer Anmerkung. Meiner Weigerung, dich ernstzunehmen. Meiner Weigerung, deinem Plan gemäß zu reagieren. Jedes Lachen von dir machte mir klar, daß du noch immer da sein wolltest. Daß du mich bei dir haben wolltest. Unbedarfte Beobachter hätten vermuten können, daß ich dir sehr viel bedeute.
Jedes angenehme Gefühl von Nähe und Vertrautheit, das du empfunden hast, war ein Sieg für mich. Ich bewahre jedes „Hmmpf“ auf, das mir immer gesagt hat, wie zutreffend meine Analyse deiner verwirrten Gedanken und Gefühle wieder war.Weiterlesen »