Song Text

Noch immer ziehen die Lachse zum Laichen und Sterben den Fluß hinauf, wenn sie morgens um Vier noch bei dir sind, während du an jeder Ecke bist und mir nicht zuhörst am Ende von Berlin, wo ich dich unter meiner Haut trage und dich nicht gehen lassen will und das Geräusch der Stille sich ausbreitet wie ein Krebs, während ich allein im Dunkeln bin und Du nackt und ganz weit oben und nicht gut zu Fuß und du noch immer das Spiel spielst von Herr und Sklavin, während du feststeckst in diesem Moment, aus dem du nicht mehr herauskommst.Weiterlesen »

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Entfernte Fremde

Dieses seltsame Gewimmel von Menschen dort unten. Das Hin und Her auf den Bahnsteigen erweckt von hier oben, von der Brücke, den Eindruck eines Ameisenhaufens. Nur nicht so organisiert.
Während nur ein paar Meter von mir entfernt die Kraft durch die Drähte brummt, die unsere Zivilisation antreibt, die Volts und Amperes die riesigen Metallmassen über die Metallschienen beschleunigen, bin ich wesentlich weiter von diesem Punktegewimmel entfernt als nur diese wenigen Meter.

Ich gehöre gar nicht zu denen. Das da unten ist überhaupt keine Zivilisation. Es ist nicht meine Spezies, die da mit Koffern beladen durch die Gegend taumelt und nicht einmal in der Lage ist, in einen Zug einzusteigen, ohne dabei die Hälfte der dafür angebotenen Möglichkeiten gar nicht zu benutzen. Stattdessen stehen diese seltsamen Wesen in großen Knäueln vor irgendwelchen Türen und werden jede Sekunde ungeduldiger, weil es nicht vorwärts geht.

Ich bin ein Fremder in einem fremden Land. Ein Alien. Ein Marsianer. Was auch immer. Jedenfalls empfinde ich mit diesen seltsam unkontrollierten Säugetieren dort unten keine Verwandtschaft.
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Die Einhorn-Dialoge: Ghost of a smile

„Komm jetzt, Einhorn. Wir müssen los.“

Das Fabeltier kommt mit gesenktem Kopf um die Ecke. Seine Hufe hallen ungewöhnlich laut im leeren Flur.

„Wir können doch nicht einfach so gehen. Ich finde das nicht richtig. Sie braucht uns.“

„Für was? Um nichts zu sagen? Für ’ich hätte noch eine ganze Menge Sätze für dich‘, gefolgt von Schweigen bis zum Ende aller Tage? Um uns dann wieder mitzuteilen, wie schlecht es ihr geht und sich sofort wieder zurückzuziehen, wenn wir wieder so unfaßbar idiotisch gewesen sind, uns um sie zu kümmern?“

Ich tätschle dem deprimierten Fabeltier etwas geistesabwesend die Mähne.

„Nein. Die Wahrheit ist schlicht, daß wir außer friends without benefits nie irgendwas von diesem ganzen Mist hatten. Wir gehen gar nicht einfach so. Seit 2,5 Jahren sind wir jetzt geduldig gewesen.“

„Es tut ihr bestimmt leid.“

„Das tut es immer. Oder sie tut so, als tue es das. Und dann ändert sich wie immer nichts. Hörnchen, ich sag“s ungern – aber wir gehen dieser Frau einfach am Arsch vorbei.“

„Wir sind mit ihr verbunden! Schon die ganze Zeit.“

Ich schüttle energisch den Kopf.

„Nein. Diesmal nicht mehr. Ich bin einfach nur enttäuscht, angepißt und es leid. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Aber wir sind nicht mehr in ihrem Kopf. Diesmal fühlt es sich völlig anders an.“

„Du willst einfach aufgeben?“

„Nein. Ich höre einfach auf, mir jemanden vorzustellen, der gar nicht existiert.“Weiterlesen »

Ungesagt

So bleibt am Ende dann
alles Ungesagte ungesagt
Alle Gelegenheiten verpaßt
Endgültig unwiderruflich für immer
Nur Leere
Wo du mal warst
Bleibst du für immer fort
Dreh ich mich weg und geh allein
Hinein in mein eigenes Dunkel
Ohne dich für den Rest der Zeit
Niemals warst du wirklich hier
doch verbleibst du in mir
Für den Rest meiner Ewigkeit.

21.11.2016 © by A.S.


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Anschein von Sommer

Als ich zugreife, bildet sich sofort ein schwarzer Rand unter meinen Fingernägeln. Abwägend nehme ich die Erde aus ihrer Verpackung, zerbrösele sie in meinen Händen. Wobei – zerbröseln ist nicht das richtige Wort. Ich zerquetsche sie. Denn dieser Boden hier hat eine Textur, eine tiefe, schwarze Farbe. Er zerbricht nicht einfach unter meinen Fingern, er gibt nach. Verformt sich. Weicht mir aus. Drückt sich in jede Ritze, jede Pore meiner Haut. Ohne eine Bürste werde ich diesen Schmutz nachher nicht mehr von meinen Händen bekommen.

Während ich den alten, toten Dreck in den Blumentöpfen durch neuen Boden ersetze, denke ich an dich. Du hast bei der ersten Berührung sofort Spuren auf mir hinterlassen, die ich nicht mehr wegbekommen werde. Ich bräuchte Sandpaste für meine Seele, um das zu schaffen. Aber so etwas gibt es nicht.
Du bist mir auch immer ausgewichen, wenn ich versuchte, dich zu halten. Hast dich verformt, ganz nach Belieben. Was immer jemand wollte, das Du bist, wurdest du auch. Nur du selbst sein, das hast du niemals hinbekommen. Das ist keine Schande. Sehr viele Menschen scheitern an dieser Übung.Weiterlesen »

Für immer und Dich

Und endlich hatte ich dich gefunden und habe dich nie verloren und trotzdem bist du wieder verschwunden und du warst nie da. Und du wolltest mich nie nie nie verletzen und hast es trotzdem immer wieder getan und hast nie damit aufgehört.
Vielleicht tut es dir sogar tatsächlich leid und du wolltest nichts tun von dem, was du gemacht hast, aber trotzdem macht das die Wunden nicht weniger real, die Narben weniger schmerzhaft, mein Blut weniger rot, die Risse in meiner Seele weniger quälend, die Lücke in meinen Kopf weniger leer. Gewollt zu haben ist eins, gehandelt zu haben das andere.

Du und ich. Der alte Sack und Lolita. Die Schöne und das Biest. Wir wären Jekyll und Hyde. Und außerdem Harold und Maude. Luke Vader und Darth Skywalker. Jeder für sich in einer Person und zusammen erst recht. Wir würden derartig brennen füreinander, daß wir die Sonne überstrahlten. Allerdings bestünde natürlich das Risiko, daß außer Asche von uns nichts übrig bliebe. Wahrscheinlich nicht einmal das. Ich denke, wenn wir schon dabei gewesen wären, hätten wir die Sache dann auch gründlich erledigt. Wir sind beide auf unsere Art nicht für halbe Sachen zu haben. Im Grunde unseres Selbst sind wir beide Extremisten.Weiterlesen »

Im Freien bluten

Es heißt immer: „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“
Ich stimme dem nicht zu. Ich halte das sogar für vollkommenen Blödsinn. Einige Dinge, die mich nicht umgebracht haben, kamen dem zumindest so nah, daß sie mich beschädigt haben, meine Seele zerkratzt zurückließen. Manche Dinge machten mich nicht stärker, sie schwächten mich, ließen es mir schlechter gehen. Manche Dinge machten mich schlechter. Zumindest für eine Zeit lang.

Doch warum sollte das nicht in Ordnung sein? Kann das nicht einfach auch so gut sein in dem Moment, so, wie es ist?
Warum sollten manche Dinge uns nicht zerbrechen können? Beulen hinterlassen und blutende Wunden und Narben und all das? Was ist dagegen einzuwenden?
Die eigene unverwüstliche Unverletzlichkeit ist nichts weiter als eine Lüge. Sie paßt zum Narrativ einer Gesellschaft, die Menschen nach zwei Wochen Antidepressiva verschreiben möchte, die dann immer noch trauern um jemanden, den sie verloren haben. So sieht es eine Empfehlung des Berufsverbands der Psychiater in den USA vor. Wer nach vierzehn Tagen nicht wieder funktioniert, wird sediert.Weiterlesen »

Eselhorn

Ich bin auf einem Langstreckenlauf. Aber jedes Mal, wenn es so aussieht, als käme ich dem Ziel näher, verlängert jemand die Strecke. Hase und Igel.
Wie auf einem Schachbrett werde ich hierhin und dorthin geschoben, ganz nach Belieben. Allerdings weiß ich manchmal nicht, ob ich Figur bin oder Spieler. Ob es meine Hand ist, die führt oder eine andere, die mich berührt.

Aber im Gegensatz zu einer Figur bin ich mir des Spielfelds bewußt. Ich weiß allerdings nicht, ob ich es in seiner ganzen Größe sehe. Und wie sind die Regeln des Spiels? Gibt es überhaupt welche? Oft habe ich den Eindruck, daß die Regeln beliebig sind. Das du sie formulierst, wie es dir paßt. Daß es deine Hand ist, die manipuliert.Weiterlesen »

Lazarus

Wenn dieser Mann an dich denkt, brennt weder sein Herz noch seine Seele. Vielleicht lächelt er, aber er lächelt nicht wie ich.
Er lächelt wie ein Mann, der seine Kunstsammlung begutachtet. Ein besonders wertvolles Stück in die Hand nimmt. Besitzerstolz, gepaart mit kühler Gier und der Gewißheit des Neids von anderen. Der Besitz steht im Vordergrund. Die Schönheit als Selbstzweck, um die Profaniät der Hand zu übertünchen, die sie streichelt. Ein Kunstwerk altert nicht.

Wenn ich an dich denke, brennen Sonnen in mir aus. Jedesmal. Immer wieder.
Wenn ich dabei lächle, ist es ein Lächeln aus purer Freude. Wenn deine Stimme in meinen Gedanken ertönt, sind es Glocken, die nur für mich läuten. In meinem Lächeln und meinen Gedanken liegen Schmerz und Erstaunen immer nebeneinander. Schmerz, weil ich dir wenig bedeute. Erstaunen darüber, daß es in meinem Universum so etwas wie dich gab, wenn auch nur für einen Moment. Meine Hände würden dich immer wieder streicheln, um sich zu vergewissern, daß du existierst.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Ungeküßt

„Sie ist immer so früh wach“, sagt das Fabeltier und glitzert vorwurfsvoll, während wir morgens im Bad versuchen, uns in vorzeigbare Menschen zu verwandeln. Oder in vorzeigbare Einhörner, versteht sich.

„Ja. Weiß ich. Ich verstehe es ja auch nicht. Einfach mal liegen bleiben wäre nicht schlecht. Vor allem, wenn sie ja gar nicht früh raus muß. Kuscheliges Bett und so.“

„Würdest du sie hinterunters Ohr küssen, wenn du gehst?“

„Natürlich würde ich das, du blödes Fabeltier. Immer.“

„Weißt du, was ich gerne mal von ihr hören würde?“

„Die Antwort auf: ’Mir fällt so einiges dir gegenüber ein, aber das ist heute der falsche Tag dafür. Dann fange ich sofort an zu heulen.’ ?“

„Schtimmt. Woher weischt du dasch?“ fragt Einhorn mit der Zahnbürste im Mund.

„Du bist wir. Also ich. Schon vergessen? Ich wüßte gerne mal, was ihr einfiele, gäbe es den richtigen Tag jemals. Sie hat uns das niemals verraten. Sie hat uns so vieles nie verraten. Die ganzen Bilder aus meinem Kopf…“

„Unfferem Kopff…“

„…unserem Kopf, die sie von uns bekommen hat. Und nie kam etwas zurück.“

„Na ja, manchmal schon“, sagt das Einhorn und beginnt, sich die schlafzerzauste Mähne zu kämmen. „Manchmal hat sie schon gesagt, was in ihr so vorgeht.“Weiterlesen »