Das leere Du

Alles nur Selfies und digital präparierte Szene. Niemals du selbst. Denn mit eben diesem „Du“ hast du ein ganz zentrales Problem.
Bist immer nur das gewesen, was andere dich sein lassen wollten. Seit diesem ersten Kerl, der dich auf das geprägt hat, was du jetzt unbedingt zu brauchen glaubst. Seit ewigen Zeiten keine echten Freunde um dich herum. Nirgends.

Du sagst nie wirklich Nein. Bist immer unverbindlich. Stellst niemals zur Rede. Gibst niemals zu, zutiefst verletzt zu sein oder zu bluten. Traust dich niemals wirklich zu weinen, wenn jemand es sehen oder hören könnte. Läßt dich in jede Richtung formen, selbst wenn deine Knochen dabei brechen. Es ist nicht so, daß du nicht existierst. Du bist überhaupt nicht. Ein seltsamer Zustand. Wie Nebel zwischen den Bäumen.

Keine deiner Baustellen wird bearbeitet. Du gibst alles ab, was direkt mir dir zu tun hat. An goldenen Drähten hängend, glaubt die willenlose Sexmarionette, alles sei unter Kontrolle. Verkauft zu werden und nach Zeit gehandelt wie Fleisch nach Kilogramm ist Zuneigung statt tiefster Verachtung. So bleiben alle Schäden liegen und fressen sich weiter in deinen Geist. Es kann gar keine Verachtung sein, denn du bist ja keine Person. Geschweige denn hast du Persönlichkeit. Gegenseitiger Mißbrauch muß Liebe sein.Weiterlesen »

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Nevermind

Wie zäh und träge die Zeit an mir vorüberstreicht, sich geradezu Mühe zu geben scheint, nicht zu fließen.
Im grauen Zwielicht unter dem Regen, der das halbe Land ertränkt, bewegt sich die Zeit nicht mehr weiter. Sie vergeht einfach nur noch. Ein irgendwie inhaltsloses Rauschen aus Mikrosekunden.

Nichts zieht mich mehr wirklich nach Hause, wenn die geisttötende Pseudoarbeit vorübergezogen ist. Beschäftigungstherapie. Aber beschäftigen kann ich mich auch zu Hause. Wesentlich besser sogar, denn da stört mich niemand mit Belanglosigkeiten. In all den Wolken, die vorüberziehen, gibt es derzeit keine Lücken für mich, kein Blick auf blauen Himmel.
Kein Lächeln oder Grinsen, wenn ich an etwas denke, das du gesagt hast. Nur immer wieder die Frage, wie viele Demütigungen und Schläge du in der Zwischenzeit wieder kassiert hast.
Nichts zieht mich mehr nach Hause, keine Aussicht auf ein Gespräch mit dir. Kein virtuelles „Wie war den Tag?“ Kein virtueller Kuß am Morgen. Pseudoliebe. Alles Blödsinn, der aber trotzdem Lücken hinterläßt.Weiterlesen »

Der Hoffnung keinen Glauben

Man sagt, Hoffnung sei nicht die Überzeugung, daß etwas gut ausgeht, sondern die Gewißheit, daß etwas einen Sinn ergibt, egal wie es ausgeht.

Wenn das so ist, hatte ich immer Hoffnung für dich und für mich. Und dann ist sie auch niemals enttäuscht worden. Aber meine andere Hoffnung war eben die andere. Die, die sich gewünscht hat, die Dinge würden für mich gut ausgehen. Die Stimme in meinem Herzen, die sich nichts sehnlicher gewünscht hat als dich.

Welchen Sinn soll es ergeben, von Hoffnung zu sprechen, wenn dabei für mich am Ende nur Verwirrung, Schmerz, Zorn und Leid herauskommt?
Welchen Sinn soll es gehabt haben, dich psychisch zu stabilisieren, für dich da zu sein, dich zu stützen, dir die Angst vor deinen Dämonen zu nehmen und dafür von dir immer wieder nur weggestoßen zu werden?
Wie ein Werkzeug, das lieblos und ungesäubert wieder in die Wühlschublade zurückgeworfen wird. Du magst für dich sexuelle Befriedigung daraus ziehen, wie ein beschissenes Möbelstück behandelt zu werden. Den meisten anderen Menschen fügt diese Art arroganter Verachtung Schmerz zu. In meinem Falle einen sehr tiefen.Weiterlesen »

Brandrodung

‚Gestern ging es ihnen aber nicht so gut, oder?‘
Alle sagen heute solche Sätze zu mir. Seltsam. Andere Menschen scheinen durchaus empathische Antennen zu haben.

Wobei es schwierig gewesen wäre, in diesem Fall nichts zu bemerken. Dieses Bild mit den geprügelten Striemen auf deiner Rückseite geht mir nicht aus dem Kopf. Irgendwie hat es mich über eine Kante geschubst, von der ich gar nicht wußte, daß sie da ist.
Ich schwimme wie in Öl durch den Tag. Der Lärm eines vorbeifahrenden Zuges bohrt sich mit schriller Gewalt durch meine nebelverhüllten Gedanken. Sofort kocht wieder Wut in mir hoch. Rasende, brennende Wut. Hulk tobt mal wieder durch mein Hirn.

Ich nehme alle anderen um mich herum nicht wirklich wahr. In jeder Unterhaltung muß ich mir immer wieder vorsagen, daß diese Person da, die ihren Mund bewegt, irgendwie echt ist. Das ich auf den Input reagieren muß. Das diese Gestalt überhaupt eine Person ist. Das sie Wirklichkeit besitzt.
Aber es fällt mir schwer, mich davon zu überzeugen. In meiner schwebenden Welt gibt es nur mich. Ich stehe allein im Ladekonstrukt der Matrix.

Die Hälfte des Tages bin ich beschäftigt damit, nicht in Tränen auszubrechen. Ich befürchte, es würde nicht dabei bleiben. Das ich anfangen könnte zu schreien. Wild um mich zu schlagen. Dieser Drang, etwas zu zertrümmern, ist ohnehin kaum zu ertragen.
Und gerade bin ich umgeben von Dingen, die recht zerbrechlich sind. Sie würden alle wunderbar zersplittern. Während mein Geist die Flugbahnen der Splitter berechnet, würden meine Arme weitere Dinge zerstören. Was für ein wunderbarer Gedanke.
Mein Kopfkino zeigt mich, übersät mit Schnittwunden, in einem Meer aus zertrümmerten Chaos. Überall glitzerndes Glas und blutiger Dunst auf anklagenden Splittern. Ich beginne hysterisch zu lachen. Ich kann nicht mehr aufhören damit.

Alle Versuche der anderen, mit dem Ding in mir Kontakt aufzunehmen, werden im Ansatz vernichtet. Ich strahle Unnahbarkeit und Kälte aus, die eine Sicherheitszone um mich erschafft. Die Tatsache, daß du mir tatsächlich fehlst, brennt Löcher in meine Seele.
Eingehüllt in meinen Schleier aus Düsternis brülle ich meinen Schmerz auf Papier, fresse dein letztes Bild in mich hinein, überziehe mich von innen mit einer Schicht aus Asche. Mein Kopf füllt sich mehr und mehr mit diesem widerwärtigen, bitteren Geschmack verbrannter Gefühle. Zug um Zug lege ich Feuer an jede Erinnerung, die dich enthält.

Gestrichen

Eine Art symbolischer Erneuerung, nehme ich an. Mit leisem Zischgeräusch trägt die Rolle Farbe auf die Wand, verwandelt eine vorher fleckige, benutzt aussehende Landschaft wieder in etwas Gleichmäßiges. Etwas Ungestörtes. Ungestört von dir.
Dieser eine Schatten auf der Tapete zum Beispiel. Da, wo ich damals nicht richtig gestrichen habe. Aus irgendeinem Grund hat er mich immer an ein Känguruh erinnert. Und du warst ja mein Känguruh. Zumindest hast du das behauptet. Natürlich war es nicht wahr. Du warst niemals mein Irgendwas.

Die Rolle gleitet über die Wand, trägt deckend Farbe auf, löscht Schatten und hinterläßt glattes, strahlendes Weiß. Immer wieder in den letzten Wochen erinnern mich Dinge an dich. Die Spinatpizza im Supermarkt. Lieder im Radio, morgens, wenn der Wecker angeht. Dinge, die ich koche und bei denen ich deine Stimme im Kopf höre, die solchen Unsinn sagt wie „OmNomNom“.
Aber ich lächle diesmal nicht mehr dabei. Ich schicke ein Killerkommando in die Gehirnzelle, in der das gespeichert ist. Anschließend lese ich den Bericht in meinem geistigen Büro. Den Bericht über die Auslöschung dieser einen, speziellen Erinnerung. Dann lächle ich. Manchmal. Kalt.

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Die Einhorn-Dialoge: Kurt-Cobain-Horn

„Schick es ihr nicht“, sage ich zum Einhorn und blicke kurz von meiner Aufmunterungslektüre auf.

„Warum nicht?“ fragt das Fabeltier und zuckt dabei schuldbewußt zusammen. Denn eigentlich hat es in meinem Facebook-Account nichts verloren. Andererseits ist es etwas schwierig, das Passwort vor ihm geheim zu halten.

„Weil sie das dann sieht. Und womöglich drauf antwortet.“

„Sie wäre aber total neidisch. Ach was, ausrasten würde sie.“

„Sie würde vermutlich sagen: ‚Ich hasse dich.‘ „Und womöglich…“ – für einen Moment halte ich inne, von der Vorstellung schmerzhaft berührt – „…womöglich würde sie lächeln und sich freuen.“

„Ja. Wäre das nicht toll?“, antwortet das Einhorn und sieht mich an. Es sieht etwas zersaust aus in den letzten Wochen.. Immer wieder erleidet es Traueranfälle, die dann von manischen Episoden abgelöst werden.

„Nein. Wäre es nicht. Du willst nur einen Aufhänger haben, um was zu ihr zu sagen. Laß das!“

„Aber…“ sagt das Fabeltier und senkt seinen Kopf trübselig zu Boden…“aber irgendwie ist die Welt ohne sie..“

„…anders. Aber insgesamt ist sie eigentlich genau so, wie sie mal war. Früher. Bevor ich über sie gestolpert bin. Oder wir übereinander. Der einzige Unterschied ist, daß ich heute weiß, daß es sie gibt. Aber das ignorieren wir einfach mal.“

„Das habe ich ja versucht. Aber ich vermisse sie. Sie fehlt mir so sehr.“

„Aber du ihr nicht. Und ich auch nicht. Sie hat nichts gesagt oder getan, das diese Schlußfolgerung auch nur annähernd rechtfertigen würde.“Weiterlesen »

Fütterungszeit

Gestern aufgewacht und mein erster Gedanke warst du. Schon wieder. Immer noch. Heute dasselbe. In den letzten drei Tagen habe ich mich allein fünf Dutzend mal überreden müssen, nichts zu sagen. Kein Wort. Kein Bild. Zwanzigmal überlegt, ob ich dich nicht schlicht wegblocken soll. Aber das bringt nichts. Nichts blockt dich aus meinen Gedanken. Hau ab aus meinem Kopf.Weiterlesen »

Ich schicke dich fort

Dieses Känguruh. Dieses verdammte, beschissene Känguruh auf meiner Box im Wohnzimmer. Dieses flauschige kleine Stofftier, das Du mir geschenkt hast. Zum Geburtstag.
Du hast noch extra stundenlang auf deinem Smartphone rumgedaddelt, um Amazon meine Lieferadresse beizubiegen. Und den Prime-Service zu nutzen. Du hast dir ein digitales Bein ausgerissen, um mir dieses blöde Stoffvieh rechtzeitig an meinem Geburtstag zukommen zu lassen.

Du hast am anderen Ende von whatsapp gewartet, bis es bei mir an der Tür geklingelt hat. Du hast mir vorher nicht verraten, was es war, das du da zu mir schickst.
Und es war süß. Ich war so bescheuert und habe mich aufgenommen, wie ich laut sage: „Es ist sooooooooo flauschig!“
Ich war in diesem einen Moment wirklich sehr glücklich. Ein schönes Geschenk. Ein liebevolles Geschenk sogar. Für mich war dieses Känguruh aus flauschiger Kunstfaser ein Zeichen von Hoffnung. Hoffnung auf dich. Darauf, daß du mich doch bald mal besuchen würdest. Das endlich der Tag kommen würde, den ich so sehr herbeisehnte.Weiterlesen »

Unperson

Ich weiß noch immer nicht, ob du all das extra machst. Ich habe es nie wirklich herausgefunden.
Du erzählst etwas von Herzrasen und Schwindel. Ich will es nicht, aber mache mir in diesem Moment schon wieder einmal Sorgen um dich. Schließlich sprechen diese Anzeichen nicht für einen ausgewogenen Gesundheitszustand. Ich habe mir so oft Sorgen um dich gemacht.

Etwas später stellt sich heraus, daß du mit einer Blasenentzündung rumläufst. Erst ganz nebenher erfahre ich dann die Geschichte dazu von dir. Herrchen hatte dich angewiesen, dich auf dem Golfplatz mal nackt auszuziehen, auf dem Rasen stehenzubleiben und die Klappe zu halten. Morgens um Sechs ist das eine kühle Angelegenheit. Unterwäsche trägst du ja ohnehin nicht auf seine Anweisung hin. Irgendwann, ganz zu Beginn, hattest du mir gesagt, daß du keine tragen würdest im Sommer.

Aber ich weiß längst nicht mehr, welche Aussagen von dir den Anweisungen deiner Sklavenhalter entspringen, welche deinen Wunschträumen und welche schlicht und einfach gelogen sind, weil du glaubst, dein Gegenüber möchte jetzt gerade genau das hören.

„Ein Golfplatz ist öffentliches Gelände“, sage ich.
„Ach, da ist morgens niemand“, sagst du mit fröhlicher Beiläufigkeit.

Von mir wolltest du dich in der Öffentlichkeit nicht einmal küssen lassen. Das wäre mit einer Art offiziellem Gefühlsbekenntnis verbunden. Auch der Gedanke an Sex in der Öffentlichkeit war dir nicht geheuer. Ich bin mir sicher, wenn es dir nur befohlen wird, wären all diese Dinge nicht das geringste Hindernis für dich. Gehorsames Sexmaschinchen, das du bist, würdest du jeden Wunsch erfüllen, klaglos funktionierend.

Das Ausmaß deiner Versklavung war mir nie so bewußt wie bei diesen Sätzen. Stundenlang gehst du nicht aufs Klo, weil er es dir befiehlt. Genau wie diese Geschichte mit dem völlig Fremden, an den du verliehen wirst und der dich grün und blau schlägt, erfahre ich das alles nebenbei. Beiläufig hingeworfene Schrapnelle, die mich jedesmal zerfetzen.Weiterlesen »

Geist und Fleisch

Seit vorletzter Woche überlege ich jeden Tag, ob ich dir dieses verdammte Bild schicken soll. Audrey Hepburn für die Wand, mit einer Szene aus „Breakfast at Tiffany’s“.
Eigentlich will ich es, seitdem ich es das erste Mal gesehen habe. Es ist wie Du. Nur wollte ich dich, seitdem ich dich das erste Mal gehört habe. Seitdem du wie beiläufig erwähnt hast, daß Du deine Gedanken wieder öfter um Selbstmord kreisen läßt in deinem Kopf, mache ich mir darüber Sorgen. Jeden Tag fällt mir dieser Satz ein. Aber warum mache ich mir immer noch Sorgen?
Ständig stolpere ich über Dinge, bei denen ich an dich denken muß.

Du hast keinen Platz für mich und willst das auch nicht. Du beklagst dich über fehlendes Gefühl und einen Mangel an Empathie. Aber wenn ich dir meine schenken will oder dir meine Gefühle entgegenhalte, willst du davon nichts wissen.

Noch immer sagst Du nichts. Du redest mit mir, aber Du sagst nichts. Über alltägliche Dinge kommen wir nicht hinaus. Und wenn doch mal irgendwas mit deiner Gefühlswelt vorkommt, ist es unmittelbar mit seinem Namen verbunden. Ich kann diesen Mist nicht mehr ertragen. Aber mit ihm sprichst du ja auch nicht. Wenn dir gesagt wirst, du solltest ihm jetzt mal vertrauen, dann tust Du das. Du folgst den Anweisungen deines Herrn. Ich bin es, der deinen Frust über dich hinterher wieder abkriegt.Weiterlesen »