Mein Traum von dir

Vorgestern war es mal wieder soweit. Abends, allein in deinem Zuhause, das gar nicht deines ist, sondern die Wohnung deines Sklavenherrn, warst du wieder einmal wieder kurz davor, dich zu schneiden. „Ich weiß nicht, warum ich das will“, sagst du.

Mein erster Impuls ist, mich zurückzuziehen. Oder dir entgegenzuschreien: „Dann tu es endlich!“
Stattdessen sage ich dir andere Dinge. Lenke dich ab. Bewerfe dich mit Empathie, wie so oft.
„Ich bin bei dir“, sage ich zu dir.
„Bist du nicht. Und ich auch nicht“, kommt es von dir zurück.

Zum ersten Mal seit langem bist wieder in diesen Zustand abgerutscht, in dem es dir nicht an Selbstwert und anderen Dingen mangelt. Du spürst einfach nicht mehr, daß du noch da bist. Was ein erheblicher Unterschied ist.
Ich stelle mir vor, wie all die Trümmer, aus denen dein kaputter Geist besteht, sich zu lösen beginnen. Der ganze verdammte Schutt gerät ins Rutschen, kippt auf dich zu und droht dich zu erschlagen. Wie du hilflos und winzig neben den Monstern und Dämonen stehst, die sich in deinem Innern wieder räkeln und strecken. Das erste Mal seit langem wieder das trockene Kratzen von Drachenschuppen. Dieses Ticken im Hintergrund. Ein schweres Pendel zerteilt rauschend die Luft.Weiterlesen »

Letztmalig

Heute vor achtzehn Monaten habe ich die zweite Nacht bei dir verbracht. Neben dir. In deinem Bett. Für einen Moment lang war es unser Bett in meinen Gedanken. Ich habe die ganze Nacht deinem Atem zugehört. Und gelächelt im Halbschlaf.
Heute vor achtzehn Monaten bin ich in ein paar Stunden mit der Sonne aufgestanden und mit dir. Mit diesem verdammten Bus zum Bahnhof gefahren. Heute vor achtzehn Monaten habe ich dich geküßt. Auf dem Bahnsteig. Ganz vorsichtig und unauffällig, denn Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit sind dir ein Greuel. Es war ein so wundervoller Moment.
Heute vor achtzehn Monaten, irgendwann zwischen zehn und elf Uhr, habe ich dich das letzte Mal berührt. Das letzte Mal gespürt. Das letzte Mal gerochen. Den Duft deiner Haare. Die Wärme deiner Haut. Deinen Herzschlag an deinem Hals.

Ich stieg in diesen Zug. Glücklich und voller Hoffnung und voller Liebe. Ein Teil von mir blieb bei dir zurück. Als Versprechen. Als Pfand. Als Vertrauensbeweis. Vor achtzehn Monaten sammelte sich der Regen an der Scheibe des Zuges. Heute ist ein wunderschöner Sommertag. In meinem Kopf regnet es und ich höre das Zischen der Räder auf den Schienen.
Heute, im Hier und Jetzt, bin ich in allem irgendwie ein Stück weniger.
Hätte ich damals geahnt, daß es für immer das letzte Mal sein würde, ich hätte dich niemals losgelassen.

Unglaubwürdig

Du beschwerst dich, du wärst allein.
Kaum einen Tag zu Hause, kommt Herrchen wieder vorbei und fragt, ob er übernachten kann. Sagst du zumindest. Als hättest du auch nur eine Sekunde drüber nachgedacht, da Nein zu sagen. Und wie alleine kann jemand sein, dessen Aufenthaltsort jederzeit abrufbereit liegt?
Du rufst mich an und redest in den ersten paar Minuten nur über ihn. Irgendwelche Probleme, die du offiziell hast. Erzählst mir Geschichten, die sich nur um ihn drehen. Spichst darüber, wann du wieder nach Berlin fährst. Weder über dich oder mich. Über uns schon gar nicht, denn da ist keins. Uns gab es nie.

Vor einer Weile hat mich diese betrunkene Frau angerufen. Aus dieser Wohnung in Berlin. Sie hat schnell gesprochen. Gehetzt. Direkt. Denn sie war einen Moment alleine. Wie sehr sie mich braucht, sagte sie. Wie sehr sie das zu schätzen weiß, daß ich für sie da bin und auch noch andere Dinge. Quasi lauter „gefühlige“ Dinge. Mit tiefer Bitterkeit wird mir klar, daß das, was diese betrunkene Frau neulich zu mir am Telefon sagte, etwas ist, das diese andere Frau sich wünscht, irgendwo in ihrem Innern. Diese andere, die mich gerade wieder als akustischen Lückenfüller benutzt, während sie in ihrer Küche werkelt, sich aber nicht mit mir unterhält. Du hast nicht einmal den Anstand, mir deine Aufmerksamkeit zu widmen. Und du registrierst nicht eine Sekunde lang, wie sehr mich das verletzt. Das hast du nie. Ich habe es dir erst hundertmal gesagt.Weiterlesen »

Die Einhorn-Dialoge: Resignation

„Los, sag es ihr. Sag ihr irgendwas“, sagt das Einhorn.

„Was soll ich sagen?“, entgegne ich entnervt, weil das Fabeltier schon wieder neben mir auf dem Sofa hockt und rumglitzert.

„Das du sie vermißt. Denn du tust es. Du bist wieder so unfröhlich die letzte Zeit. Sag ihr, daß sie dir fehlt.“

„Das habe ich schon hundertmal gemacht. Und es geht ihr am Arsch vorbei. Sie sagt nie was. Sie verschickt Bilder von fiependen Mülltonnen aus Star Wars. Oder Lieder, bei denen ich im Text wieder was Tiefsinniges finden soll.“

„Ist doch ’ne gute Beschreibung von ihr, der Text.“

„Super. Ich spiel halt mir dir und du verlierst und jetzt bin ich traurig, weil du nicht mehr da bist und deswegen und darum mußt du jetzt was sagen. So etwa singt sich der Typ da einen ab.“

„Sie kann’s halt nicht besser.“

„Ist mir scheißegal. Dann sollte sie’s mal endlich lernen. Wenn ihr Sklavenherr ihr was beibringt, ist sie ja auch lernfähig. Und reibt es mir dann voller Stolz unter die Nase. Diese Frau ist emotional scheiße.“

„Irgendwie bist du ziemlich negativ drauf“, sagt das Einhorn. Es pupst entrüstet ins Sofapolster. Alles riecht plötzlich nach Zuckerwatte.
„Du weißt schon, daß du sie liebst?“

„Nein. Tue ich nicht. Ich habe mir das eingebildet. Wie kann ich jemanden lieben, der niemals da ist? Der nie da sein wird? Und der mich mit völliger Gleichgültigkeit benutzt?“Weiterlesen »

Das ganze Paket

„Glaubst du, daß ich das alles für jede andere tun würde, was ich für dich getan habe?“
Ich frage mich, was er damit meint. Denn was hat er wirklich für dich getan in den letzten zwölf Monaten? Er hat deine Gebühren bezahlt für einen Golfclub. In dem du nicht spieltest, wenn er nicht dort wäre und dich mitgenommen hätte. Der Sport gefällt dir, aber hat er das für dich getan?
Er hat Schuhe für dich bezahlt. Jacken. Hosen. Kleider und Röcke. Jede Menge Outfit. Er hat Spielzeuge eingekauft, vom Vibrator bis zum Latexkostüm. Aber hat er das für dich getan? Oder hat er es getan, damit du deinen Lolita-Charme immer wieder in anderen Masken ausspielen kannst? Was du durchaus gern tust. Denn du bist manipulativ und heimtückisch. Natürlich gibst du das nie zu. Hat er das nicht eher getan, damit du deine Sklavenrolle besser einnehmen kannst, die ihm so viel Befriedigung verschafft?
Wenn man Geld investiert, damit das eigene Hobby besser mit Material versorgt ist – ist das dann ein Zeichen von echter Liebe oder Hingabe?

Ich denke nicht. Menschen lieben ihr Hobby, so sagen wir umgangssprachlich. Aber das hat nichts mit Liebe zwischen Menschen zu tun.
Aber genau das bist du: ein Hobby. Eine Beschäftigung. Er könnte auch leidenschaftlicher Modellbauer sein. Oder eben Golfspieler. Aber mit solchen Dingen ist normalerweise kein Sex verbunden. Außerdem räumen Golfbälle nicht die Wohnung auf, erfüllen Tagesaufträge oder kochen was zum Abendessen.
Du bist ein Objekt, in das er Geld investiert hat. Was daran liegt, daß du immer auch ein Objekt sein willst. Zumindest glaubst du das. In Wahrheit hast du nur Angst davor, ein Mensch zu sein. Und wie ein Mensch geliebt zu werden von einem anderen. Du willst Beherrschung durch einen anderen, um deinem eigenen Drang nach Chaos nicht nachzugeben. Denn der steckt ebenso in dir wie dieses krankhafte Bemühen um Perfektion. Die Person, die dich am meisten unter Druck setzt, dein größter und miesester Sklavenhalter, steckt in deinem Kopf. Sie sieht dich aus deinem Spiegel an.Weiterlesen »

Auge des Feindes

Jede Woche wiegen, damit er weiß, du nimmst nicht ab. Ach, was für eine liebevolle Reaktion. Was dazu führen wird, daß du in seiner Umgebung – nein, unter seiner Kontrolle – nicht abnehmen wirst. Nicht, daß es bei dir annähernd nötig wäre. Das tust du dann, wenn du wieder allein bist. Dann gibt’s wieder Knäckebrot mit lackdünner Marmelade drauf. Sehr gesunde Sache.

Vielleicht willst du dich auch schneiden, weil er dir das kategorisch verbietet. In der Hoffnung, daß seine Reaktion aus Schlägen und Flecken besteht, um dich in deiner Unwürdigkeit mal wieder so richtig zu bestätigen. Wenn das deine Motivation ist, wird es Zeit, das Einhorn satteln und davonzutraben. Wenn du dich entscheidest, daß für dich zu brauchen, dann ist es gut. Wenn du es als Werkzeug benutzt, um bestraft zu werden, dann ohne mich. Aber eigentlich benutzt du alles und jeden als ein Werkzeug. Unter anderem mich.
Du wunderst dich, daß du dich mies fühlst. Eventuell könnte es damit zu tun haben, daß deine Psyche ein einziges Trümmerfeld voller verdammter Widersprüche ist. Und du räumst nicht etwa auf. Du zuckst die Schultern und sagst: „Ist doch toll hier“.Weiterlesen »

Im Innern nur Splitter

Liebe ist nicht, jemanden verändern zu wollen. Liebe ist, jemanden die Möglichkeit zu geben, die beste Version seiner selbst zu werden, die überhaupt möglich ist.
So ging es mir mit dir. Meine Absicht war es von Anfang an, dein Werden zu begleiten.
Aber du hast dich reduziert. Du hast dich verkleinert auf einen Teil von dir. Auf ein lächerliches, widerwärtig devotes Sklavenmädchen, das um jeden Preis beherrscht werden will. Ein Ding.

Aber jedes Mal, wenn du dich darüber beschwerst, daß er irgendwelche Regeln nicht einhält, frage ich mich, wer sich da eigentlich beschwert. Das Sofa wird nicht gefragt, bevor sich der Besitzer setzt. Wie kannst du auf den absurden Gedanken kommen, daß ein Mann, dessen Haupteigenschaft du selbst als sadistisch beschreibst, jemals dauerhaft irgendwelche Regeln einhält, die von einem Möbelstück eingefordert werden?
Wie kann eine Willensäußerung überhaupt einen Wert haben in so einem Moment, wenn dein erklärter Wille es ist, gar keinen zu haben? Keine eigenständige Persönlichkeit zu sein, sondern ein Werkzeug?
Wenn völlige Unterwerfung das Ziel ist, bedeutet das auch Auslöschung. Ein Hammer hat keinen eigenen Willen. Keine Wünsche. Und wie sollte die erfolgen, wenn nicht durch totale und absolute Demütigung?Weiterlesen »

Traum des Narren

Ich möchte immer in ihrer Nähe sein, was ich aber leider in 99,9 Prozent aller Fälle nicht bin, da diese großartige Frau aus meiner Sicht etwa schräg links hinter dem Nordpol wohnt. Jedenfalls ähnlich weit weg. Also stelle ich mir ständig vor, daß ich in ihrer Nähe bin. Beim Einkaufen zum Beispiel. Oder wenn sie mit dem Smartphone vor ihrer entzückenden Nase die Treppen runterläuft, wobei ich jedes Mal die Sorge habe, daß sich ihre Füße verheddern und sie furchtbar stürzt, denn manchmal kann sie sehr tolpatschig sein. Ein Wesenszug, den ich aus persönlicher Erfahrung nachvollziehen kann.

Aber am liebsten in ihrer Nähe bin ich, wenn sie sich die Decke in ihrem Bett bis zu den Ohren hochzieht und sich auf die Seite dreht, in ihre übliche fötale Schlafhaltung. Löffelchenstellung hat etwas sehr Erotisches und sie hat dafür auch die entsprechenden Kurven an den exakt richtigen Stellen, was natürlich meine Freude daran, mit ihr im Bett zu liegen – oder mir das zumindest vorzustellen – auch nicht gerade verringert.
Und wenn sie dann ihre Arme um den riesigen Flauschhund legt, der in ihrem Bett etwa 27 Prozent des verfügbaren Raums einnimmt, dann lächelt sie manchmal sogar, worüber ich mich unbändig freue.

Natürlich kämst du niemals auf die Idee, deine Arme um mich zu legen oder dich in meine Richtung zu drehen, denn das wäre einfach zuviel der Zuneigung und würde vermutlich heftige allergische Niesanfälle auslösen. Wenn ich denn da wäre. Aber auch, wenn ich es nicht bin.Weiterlesen »

Nur ein Moment

Dieser Moment, in dem ich zum ersten Mal deine Stimme hörte. Der Moment, in dem ich wußte, daß ich diese Stimme immer wieder würde hören wollen.
Zum ersten Mal hattest du an Realität gewonnen. Keine getippten Sätze im digitalen Raum. Kein Bild, das zwar genauso Dinge zeigt wie früher ein Photo. Aber trotzdem bleiben digitale Bilder eben digitale Bilder. Man kann sie nicht greifen. Sie haben keine physische Substanz. Und das merkt man den Bildern, mit denen Millionen Menschen die Welt fluten, auch an.

In einer immer flüchtigeren und unwirklicheren Welt war deine Stimme der erste echte Kontakt. Funken auf Schießpulver. Der Lichtbogen für den Raketentreibstoff. Bereits in diesen Sekunden stellte ich mir vor, wie es wäre, diese Stimme neben mir zu haben. Morgens beim Aufwachen. Während du mich aus deinen verschlafenen Bambiaugen anblinzelst. Dieser unwirkliche Blick unter zerwühlten Haaren hervor.Weiterlesen »

Die dunkle Seite der Sonne

Solltst du dich jemals entschließen, doch die Person zu werden, die du bist, denk an mich. Falls du jemals die Gitterstäbe dieses verdammten Käfigs in deinem Kopf zersägst und nach draußen trittst. Falls du es jemals hinbekommst, eine Verpuppung zu sein und keine steckengebliebene Metamorphose zu dir, denk an mich.

Denk einmal daran, daß es da draußen irgendwo einen Menschen gibt, der dich aufrichtig liebt. Jetzt. Hier. In diesem Moment. Einfach, weil Du eben Du bist.
Der deinen irren, orientierungslosen, mit Wald und Bäumen überfüllten Kopf liebt, weil es deiner ist. Dein Kopf, in dessen Wuschelhaare ich meine Hände vergraben möchte und dich festhalten und dich küssen, bis uns beiden die Luft ausgeht. Jemand, der sogar die Seite deines Selbst liebt, die er eigentlich so abgrundtief verachtet. So lange du dich nicht von ihr beherrschen und zu einem Zerrbild deiner selbst machen läßt.
Denk einmal daran, daß dieser Jemand das Leuchten deines ganzen Geistes liebt und nicht nur eine Wahnvorstellung davon, die man sich zurechtformt, um sie dann beherrschen zu können. Oder seine eigenen sadistischen Triebe daran auszuleben. Das Glitzern der Facetten ist viel faszinierender als der polierte Glasball, der nur reflektiert.

Ich bin jemand, der Chaos und Ordnung zu schätzen weiß. Der weiß, daß das eine ohne das andere nicht existent sein kann. Und es auch nicht ist. Das Universum ist kein paranoider Kontrollfreak und auch kein lachender Wahnsinniger außerhalb aller Regeln. Das Universum ist Batman und der Joker. Immer. In jedem von uns, die der Gesellschaft als irgendwie seltsam gelten.Weiterlesen »